Der Weihnachtsabend eines Kellners

24. December 2008 - Kategorie: Allgemein, Lyrik | 2 Kommentare

Der Weihnachtsabend eines Kellners
Erich Kästner

 

Aller Welt dreht er den Rücken,
und sein Blick geht zu Protest.
Und dann murmelt er beim Bücken:
“Ach, du liebes Weihnachtsfest!”

 

Im Lokal sind nur zwei Kunden.
(Fröhlich sehn die auch nicht aus.)
Und der Kellner zählt die Stunden.
Doch er darf noch nicht nach Haus.

 

Denn vielleicht kommt doch noch einer,
welcher keinen Christbaum hat,
und allein ist wie sonst keiner
in der feierlichen Stadt.

 

Dann schon lieber Kellner bleiben
und zur Nacht nach Hause gehn,
als jetzt durch die Straßen treiben
und vor fremden Fenstern stehn.

 

Ich wünsche Euch allen ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2009!

 



An fernem Ort

21. December 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren

kunze

 

Du weißt zur Stunde ihn an fernem Ort
Rainer Kunze

 

Du weißt zur stunde ihn an fernem ort
Mit dem verstand begreifst du seine ferne
Du weißt, es liegen zwischen ihm und dir
ein himmel sonne und ein himmel sterne

 

Und doch trittst du ans fenster immerfort

 



Zeruya Shalev – Liebesleben

15. December 2008 - Kategorie: Rezension | 10 Kommentare

LiebeslebenJa’ara, eine junge, verheiratete Frau, trifft, als sie ihre Eltern besuchen will, auf Arie, einen Jugendfreund ihres Vaters. Und verfällt ihm, vom ersten Augenblick an. Sie trifft sich immer wieder mit ihm und es entwickelt sich eine obsessive, demütigende Beziehung zu diesem älteren Mann, der rätselhaft und tyrannisch ist. Immer wieder versucht sie, zu ihrem alten Leben, ihrem Mann, der Arbeit an der Universität, zurückzukehren, kann sich aber der Anziehungskraft Aries und ihrer eigenen Abhängigkeit von dieser Beziehung nicht mehr entziehen.

Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang, die Hand auf der Türklinke, ich begann zurückzuweichen, schaute nach, ob ich mich vielleicht im Stockwerk geirrt hatte, aber das Namensschild beharrte hartnäckig darauf, dass dies ihre Wohnung war, wenigstens war es ihre Wohnung gewesen, und mit leiser Stimme fragte ich, was ist mit meinen Eltern passiert, und er öffnete weit seinen großen Mund, nichts ist ihnen passiert, Ja’ara, mein Name rutschte aus seinem Mund wie ein Fisch aus dem Netz, und ich stürzte in die Wohnung, mein Arm streifte seinen kühlen glatten Arm, ich ging an dem leeren Wohnzimmer vorbei, öffnete die verschlossene Tür ihres Schlafzimmers.

Das ist der erste Satz, und nachdem ich den gelesen hatte, dachte ich: Okay. Das geht aber nicht das ganze Buch lang so, oder? Weil wenn ja, dann halte ich das bestimmt nicht durch.
Tja, es geht das ganze Buch lang so, und ich habe es durchgehalten. Nämlich gerade dieses Stils wegen. Das ganze Geschichte ist ein innerer Monolog der Protagonistin, keine direkten Dialoge, nur lange, introspektive Sätze. Und gerade das macht es so faszinierend: Diese Sprache ist hypnotisierend, man wird hineingezogen in die Gedankenwelt von Ja’ara und findet irgendwie nicht mehr hinaus. Es liest sich erstaunlich flüssig, eben weil man von Satz zu Satz weitergetrieben wird – ein richtiger Sog.

Interessant waren für mich beim Lesen vor allem meine eigenen widersprüchlichen Emotionen: Auf der einen Seite konnte ich Ja’ara nicht verstehen – dass sie alles aufgibt für diesen seltsamen (und überaus unsympathischen) Menschen, von dem sie eigentlich nichts erwarten kann, und als sie am Ende wieder mal zu ihrem Mann zurückkehren wollte, dachte ich nur: Tu das bloß nicht – du hast den doch gar nicht verdient. Und auf der anderen Seite war ihr Verhalten nachvollziehbar: Manchmal passiert es einem eben, so eine Obsession. Wo alles andere in den Hintergrund rückt und man sein ganzes Denken und Fühlen auf etwas konzentriert, das es vielleicht gar nicht wert ist, man aber trotzdem nicht anders kann.

Man fühlt sich fast ein bisschen voyeuristisch beim Lesen dieses Buches, so authentisch wirkt das Geschriebene, als wäre man unbeabsichtigt in den Kopf einer realen Person geschlüpft und würde ihre Gedanken lesen können, und man ist gleichzeitig fasziniert und abgestoßen von der (fast schon krankhaften) Abhängigkeit, in die sich diese Person begibt. Aber irgendwie beneidet man sie auch wegen der Fähigkeit, etwas in seiner ganzen Intensität so zuzulassen, ohne Rücksicht auf das bisherige Leben. Die Vorstellung, alles liegen und stehen zu lassen für einen Menschen oder eine Sache oder was auch immer finde ich persönlich irgendwie schon auch anziehend.

Auf jeden Fall will ich jetzt noch was von Zeruya Shalev lesen – falls jemand eine Empfehlung für mich hat, nur her damit :)



Als ob es um Steine ginge

12. December 2008 - Kategorie: Zitat | 2 Kommentare

Aber ich weiß gar nicht, wie ich bin, sagte ich, morgens bin ich mutig und abends ein Angsthase, morgens will ich die Welt auf den Kopf stellen und abends möchte ich einen Mann, der auf mich aufpasst, und er sagte, dann such dir einen Mann, der bereit ist, abends auf dich aufzupassen und dich morgens freilässt, vergiss nicht, dass alles möglich ist, die Welt ist offener, als du es dir vorstellst, sie ist ein einziges großes Tor, glaub mir, und ich reagierte gereizt, er sprach wie ein Renovierungsfachmann, so nachdrücklich und selbstsicher, reißen Sie die Wand hier ein, verlegen Sie das Badezimmer dorthin, als ob es um Steine ginge und nicht um ein dermaßen kompliziertes, schwieriges und schwebendes Material wie die Seele.

- Zeruya Shalev: Liebesleben



Sylvia Plath: Edge

3. December 2008 - Kategorie: Lyrik | 4 Kommentare

Manchmal passt alles zusammen: Da lerne ich heute ein Gedicht von Sylvia Plath auswendig & sage es mir bei der Heimfahrt von der Arbeit immer wieder laut vor & denke darüber nach, wie sehr sich ein Gedicht verändern kann, wenn man es laut vorliest oder vorgelesen bekommt & wie wichtig es ist, dass man Lyrik hört oder spricht, und dann entdecke ich den neuesten Beitrag von flattersatz, in dem er sehr schön über seine Erfahrungen mit dem Vortragen von Gedichten schreibt.

Hier das Gedicht:

Edge

The woman is perfected
Her dead

Body wears the smile of accomplishment,
The illusion of a Greek necessity

Flows in the scrolls of her toga,
Her bare

Feet seem to be saying:
We have come so far, it is over.

Each dead child coiled, a white serpent,
One at each little

Pitcher of milk, now empty
She has folded

Them back into her body as petals
Of a rose close when the garden

Stiffens and odors bleed
From the sweet, deep throats of the night flower.

The moon has nothing to be sad about,
Staring from her hood of bone.

She is used to this sort of thing.
Her blacks crackle and drag.

Und hier eine Audioaufnahme, die mir gut gefällt (der zweite Teil des Videos ist etwas sehr melodramatisch, aber den ersten finde ich toll):



Leserückblick November

1. December 2008 - Kategorie: Leserrückblick | 12 Kommentare

Wiedersehen auf der Burg Eine aufregende Mitternachtsparty
Enid Blyton: “Dolly – Wiedersehen auf der Burg” und “Dolly – Eine aufregende Mitternachtsparty”
Ich liebe Internatsgeschichten und die Dolly-Serie fand ich immer schon toll. Natürlich ist es mittlerweile ein bisschen nervig, wenn immer alles gut ausgeht & am Ende alle glücklich sind auf ihrer ach so tollen Burg Möwenfels, aber das gehört eben dazu ;)

 

Love
Stephen King: Love
Siehe hier

 

Die Apothekerin
Ingrid Noll: Die Apothekerin
Maren hatte einmal erwähnt, dass Ingrid Noll ihre liebste deutsche Krimiautorin ist, was mich natürlich neugierig gemacht hat, und als ich meine Bücher in die neuen Regale geschlichtet habe, ist mir doch tatsächlich ein Buch von ihr in die Hände gefallen, von dem ich immer noch nicht weiß, woher ich das eigentlich habe und warum ich es noch nie gelesen habe.
Ich hab das Buch beim Lesen sehr genossen: Erstens war die Hauptfigur interessant, zweitens hat es mir vom Sprachlichen her gut gefallen, drittens war es spannend. Nur das Ende fand ich nicht so gut, weil es irgendwie so typisch und vorhersehbar war. Und unnötig, da hätte nicht noch was draufgesetzt werden müssen – die Geschichte hätte sich selbst genügt. Aber das war bestimmt nicht das letzte Buch von Ingrid Noll, das ich gelesen habe.

 

Im Land der letzten Dinge
Paul Auster: Im Land der letzten Dinge
Eine weitere Dystopie, empfohlen von Markus. Ganz hat mich das Buch nicht überzeugt, dafür blieb die Hauptfigur zu blass, weshalb ich auch nicht wirklich von ihrer Geschichte berührt wurde, und die Fragestellungen, die bei einem solchen Szenario immer auftauchen (Fragen der Moral, des Überlebens, etc.), wurden für mich eher oberflächlich abgehandelt. Vielleicht bin ich aber einfach auch schon übersättigt von diesen düsteren Zukunfts-Geschichten – fürs Erste werde ich auf jeden Fall einmal eine Pause mit den Dystopien einlegen. Stilistisch ist es aber ein sehr schönes und gut zu lesendes Buch und ich freue mich schon auf mein nächstes Buch von Paul Auster.

 

Der Verdacht
Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht
Eine ziemliche Enttäuschung, vor allem im Vergleich mit “Das Versprechen”. Anfangs war das Buch noch sehr vielversprechend, die Geschichte wurde dann aber schnell immer unrealistischer, was zu einem großen Teil an den seltsamen Nebenfiguren liegt. Die “philosophischen” Monologe haben mich schnell genervt – moralische und sonstige Botschaften sollten für meinen Geschmack subtiler an den Leser gebracht werden. Gegen Ende hin wurde es dann zwar noch einmal sehr spannend (die Szene, in der Kommissar Bärlach auf seinen Tod wartet ist meisterhaft erzählt!), aber das unglaubwürdige Finale, das aus einem schlechten Hollywood-Film hätte stammen können, hat leider alle wenigen positiven Eindrücke wieder zunichte gemacht.

 

Lea
Pascal Mercier: Lea
Mein zweites Buch von Mercier nach “Nachtzug nach Lissabon”. “Lea” ist eine Geschichte über Aufopferung, die Komplexität der Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, aber vor allem über die Überzeugung, Schuld am Schicksal des eigenen Kindes zu sein und was diese Überzeugung in einem Menschen anrichten kann. Leise aber sehr kraftvoll erzählt Pascal Mercier von Lea, dem musikalischen Wunderkind, und ihrem Vater, der alles für seine Tochter tut, dann aber an ihrer Krankheit und letzten Endes an sich selbst und den Selbstvorwürfen scheitert. Sehr schön vor allem die Sprache und die tiefgründige Beschreibung der Vater-Tochter-Beziehung.



Büchersäule

27. November 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 4 Kommentare

Büchersäule

via Desire to Inspire | ©Adam Chinitz

 

Vielleicht nicht ganz praktisch, aber auf jeden Fall eine ausgefallene Idee der Bücherunterbringung!



Die Bibliothek von Babel

24. November 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 7 Kommentare

Bibliothek von Babel


Die hätte ich gerne. Ich mag solche Bibliotheken (so wie die SZ-Reihen, die aber zum Teil leider nicht mehr erhältlich sind), weil es erstens schön im Bücherregal aussieht, wenn die Buchrücken einheitlich sind und weil es zweitens interessante neue Bücher bzw. Autoren zu entdecken gibt. Allerdings ist der Preis für die Gesamtausgabe (30 Bücher) mit knappen 450 € schon recht happig.

Was ich übrigens auch gerne hätte, wenn wir schon beim Thema “höchstwahrscheinlich unerfüllbare Bücherwünsche” sind, ist diese wunderschöne Ausgabe der “Odyssee” des Manesse Verlags im Schuber, mit Illustrationen und aus satiniertem Naturpapier. Und passend dazu natürlich aus dem gleichen Programm die Ausgabe von “Gullivers Reisen”. Tja, was man nicht alles gerne haben möchte… ;) Was sind denn so eure wahrscheinlich nicht erfüllbaren Bücherwünsche?



Als würde ich…

19. November 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 20 Kommentare


… das Buch zum ersten Mal lesen, obwohl es nicht das erste Mal ist: So geht es mir gerade mit Stephen Kings “Love”, das ich vor zwei Jahren, kurz nachdem es erschienen ist, gelesen habe. Und ich konnte mich, als ich es jetzt wieder hervorgekramt habe, an nichts mehr erinnern. Dass es um Lisey ging & um ihren verstorbenen Mann & dass da irgendein böser Mensch war, der ihr Böses will – mehr nicht. Und jetzt lese ich es wieder und kann gar nicht glauben, dass ich diese erschütternden, berührenden, unheimlichen, schönen Szenen vergessen konnte. Ich bin ja eine treue Leserin – Bücher, die mir gefallen haben, lese ich mindestens noch einmal, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich vorher schon einmal so viel vergessen hätte.

Schön ist es aber, wenn während des Lesens leise die Erinnerungen wieder aufsteigen, so wie man sich manchmal nur vage an Träume erinnert, kurze Gedankenblitze, Bilder, die einem vertraut vorkommen, die man aber nicht festhalten kann. Ich hatte heute schon den ganzen Tag lang das Bild eines Meeres in der Dämmerung im Kopf, und über dem Meer ein riesiger, roter Mond, konnte es aber nicht zuordnen (und dachte sogar, dass ich das vielleicht geträumt habe), bis ich vorhin “Love” weitergelesen und mich langsam wieder daran erinnert habe, dass diese Elemente in der Geschichte vorkommen.

Was mich an “Love” so fasziniert, ist das Eintauchen in menschliche Abgründe, in Wahnsinn und Verlust, aber eben auch in Liebe und eine besondere Beziehung zwischen zwei Menschen, die, wie immer bei Stephen King, so lebendig wirken, dass es gar nicht möglich wäre, unberührt mit ihnen durch ihre Geschichte zu gehen. Und wie immer schafft er es, einem all das so nahe zu bringen, dass ich beim Lesen das Geschehen nicht nur wie einen Film vor mir gesehen habe, sondern manchmal mittendrin war und auch die Emotionen und den Wahnsinn immer wieder gespürt habe.

Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, wie das Buch endet (ca. 150 Seiten habe ich noch vor mir). Ich hoffe nur, dass es nicht mehr allzu gruselig wird, ich hatte nämlich gestern Abend schon ein bisschen Angst so alleine in meiner Wohnung. Ich bin da empfindlich – ich werde nie vergessen, wie ich im Kino bei “The Ring” aus reiner Angst heraus beinahe zu Heulen angefangen hätte, weil ich mich nicht alleine rausgetraut und gleichzeitig wirklich nicht gewusst habe, wie ich den Rest des Films überstehen soll, wenn ich dieses unheimliche Brunnengeschöpf noch einmal sehen muss ;)
Aber jetzt nicht mehr an diesen Film denken, sondern zurück zu Liseys Geschichte…



Umzugs-Update

16. November 2008 - Kategorie: Allgemein | 6 Kommentare

RegalSeit gestern steht mein neues Bücherregal. Nach viel Überlegen & Studieren konnte ich mich letzte Woche Gott sei Dank endlich mal für eines entscheiden (das Problem ist nur, eines reicht natürlich nicht, und zusammen mit dem anderen, das ich schon hatte, reicht es auch nicht, was bedeutet, dass ich noch mal nach einem suchen muss. Empfehlt mir bitte was!), und ich liebe es, weil es über 2 Meter hoch ist & einen tollen Platz gefunden hat & sehr schön aussieht.

Seit einigen Stunden bin ich jetzt schon dabei, meine Bücher wieder auszupacken, zu katalogisieren und sie in Stapeln um mich herum zu schlichten, weil ich mich nicht entscheiden kann, welche in das neue Regal sollen & welche ins alte & wie ich sie überhaupt ordnen soll etc. Gelernt hab ich übrigens auch was: Selbst wenn man einen Umzugskarton nur zur Hälfte mit Büchern befüllt, ist das manchmal noch zu viel. Da wollte ich ganz vorbildlich transportfähige Kartons packen und dann reißt die Hälfte auf, weil ich so schlau war zu denken “ach, der Bildband geht bestimmt noch” oder “ich pack noch ein paar Mappen mit rein, wird schon halten” (nein, es hält nicht).

So, und jetzt wird erst mal der schmerzende Rücken entspannt & was gegessen ;)



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