Kein Funke

27. May 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Sie hebt sie an die Luft und drückt sie an ihre triefende Brust. Das Wasser fließt in Strömen von ihnen beiden auf die Badezimmerfliesen hinab. Der kleine gewichtlose Körper liegt schlaff an ihrem Hals, sie wirft einen raschen, erleichterten Blick auf das Kind, aber sein Gesicht wirkt seltsam geronnen. Verzerrt steigt eine Erinnerung in ihr auf, wie man Wiederbelebungsversuche macht, ihre kalten nassen Arme pumpen in wahnsinnigen rhythmischen Umarmungen. Hinter ihren zusammengepressten Lidern steigen dunkelrote riesige Gebete auf, wortlos, monoton, und es ist, als umklammere sie die Knie eines unermesslichen Dritten, dessen Name, Vater, Vater, mit spürbaren Schlägen gegen ihren Kopf trommelt. Ihr wild aufgerührtes Herz überflammt das Universum mit einem Meer von Rot, aber kein Funke springt unter ihren Armen auf. Nicht die leiseste Antwort kommt aus der Finsternis, trotz all ihrer strömenden Gebete. Das Gefühl, dass ein Dritter neben ihr steht, wächst ins Riesenhafte, und sie weiß, weiß, während es laut an der Tür klopft, dass ihr das Schlimmste widerfahren ist, was einer Frau auf dieser Welt je widerfahren kann.

- John Updike, Hasenherz



Wajdi Mouawad – Verbrennungen

23. May 2008 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

VerbrennungenNawal Marwan, die fünf Jahre vor ihrem Tod zu sprechen aufgehört hat, hinterlässt ihren Kindern Jeanne und Simon, einem Zwillingspärchen, ein rätselhaftes Testament: Sie sollen ihren Vater, den sie für tot hielten und ihren Bruder, von dessen Existenz sie nichts wussten, finden. Widerwillig, denn das Schweigen der Mutter hat die Kinder von ihr entfremdet, machen sich die beiden auf die Suche nach ihren Wurzeln in dem Land, aus dem ihre Mutter einst geflohen ist, hinein in die Geschichte eines Bürgerkrieges und hinein in eine Vergangenheit, die ihnen das schreckliche Geheimnis ihrer Herkunft offenbart.

Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle. Man zieht es nicht so leicht heraus.

Diese Worte und die Wahrheit, die hinter ihnen liegt, ziehen sich durch das gesamte Werk, aber Verbrennungen ist nicht nur ein Stück über die Verletzungen der Kindheit oder die Schrecken, die von Kriegen hervorgebracht werden: es erzählt auch von der Notwendigkeit des Schweigens und seinen Gefahren, von Konflikten, die sich über Generationen hinwegziehen und von dem ewigen Kreislauf der Vergeltung, in dem Opfer wie Täter gefangen sind.

Der im Libanon geborene kanadische Autor Wajdi Mouawad verwebt in seinem zehnten Theaterstück (es ist das erste, das in die deutsche Sprache übersetzt wurde) gekonnt verschiedene Zeit- und Handlungsebenen miteinander, was anfangs ein wenig irritierend ist, dann aber umso eindringlicher die Verstrickungen der Protagonisten und die Zeitlosigkeit der aufgegriffenen Themen deutlich macht.

Ich hatte seit meiner Schulzeit kein Theaterstück mehr gelesen; umso neugieriger war ich auf dieses Büchlein, das ich zum Geburtstag geschenkt bekam. Ich bin nicht sehr leicht durch etwas zu schockieren, vor allem nicht in der Literatur, aber Verbrennungen hat mich sprachlos und sehr aufgewühlt zurückgelassen. Beeindruckt war ich vor allem auch von der Sprache, die sehr bildhaft und eindringlich ist.

Hier findet man Informationen über die Inszenierung von Stefan Bachmann am Wiener Akademietheater, wo das Stück am 21. Juni 2008 noch einmal aufgeführt wird.



Das Geschäft mit dem Tod

22. May 2008 - Kategorie: Kurioses | 3 Kommentare

Carolina

Auch eine interessante Möglichkeit, das eigene Werk bekannt(er) zu machen…

Gefunden auf Todesanzeigensammlung



Ins Dasein hinein

20. May 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Indem ich euch überhaupt etwas erzähle, glaube ich zumindest an euch, glaube ich daran, dass ihr da seid, ich glaube euch ins Dasein hinein. Da ich euch diese Geschichte erzähle, will ich auch eure Existenz. Ich erzähle, also seid ihr.

- Margaret Atwood, Der Report der Magd



Das Auto und der Affe

18. May 2008 - Kategorie: Kunst | Kommentieren

Car Sick
“CarSick” | ©Ronald Kurniawan



Etwas Geborenes

17. May 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Ich warte. Ich sammle mich. Mein Ich ist ein Ding, das ich jetzt sammeln muss, so wie man Fakten für eine Rede sammelt. Ich muss ein gemachtes Ding präsentieren, nicht etwas Geborenes.

- Margaret Atwood, Der Report der Magd



Zurück in Dein Verlangen

13. May 2008 - Kategorie: Kunst, Lyrik | Kommentieren

Sonntagabend
“Sonntagabend” | ©Roland Heyder

Ich weiß nur, daß ein Gott mir alle Last
der Liebe auf die jungen Schultern lud.
Die Fesseln, die Du mir genommen hast,

Du ahntest nicht, daß sie in meinem Blut
schon Wurzeln schlugen, eh sie abgestreift,
und Früchte trugen, da die fremde Glut

aus Deinen Händen meinen Leib gereift.
Ich weiß nur eins, daß ich Dir dienen muß,
ob Deine Lust auch jäh zur Peitsche greift,

und ob ich knieend unter Deinem Fuß
den Tritt erwarte, der mich von Dir weist:
Ich werde ihn empfangen wie den Kuß,

der mich zurück in Dein Verlangen reißt.

- Annemarie Bostroem



Mit kaum sichtbarer Schrift

10. May 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiterzuforschen. Nur eins stand fest als bleibender Gewinn – die Erkenntnis: die Reihe der Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind’s, die in die verlorene Heimat zurückführen: das, was mit feiner, kaum sichtbarer Schrift in unserem Körper eingraviert ist, und nicht die scheußliche Narbe, die die Raspel des äußeren Lebens hinterlässt, birgt die Lösung der letzten Geheimnisse.

- Gustav Meyrink, Der Golem



Typisch…

8. May 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Neuzugänge | 6 Kommentare

Es ist wieder einmal typisch: Ich gehe in die Stadt. Ich weiß, dass ich auf dem Weg zum Hauptplatz an einem Buchladen vorbeikommen werde. Ich nehme mir fest vor, nicht hineinzugehen und schon gar nicht stehen zu bleiben, wenn ein Mängelexemplar-Tisch vor dem Eingang steht.

Was passiert? Ich komme am Buchladen vorbei und beschließe ganz spontan und entgegen meines Vorsatzes, nur mal kurz reinzuschauen (den riesigen Tisch mit Mängelexemplaren vor dem Eingang ignoriere ich tapfer). Drinnen angekommen stöbere ich ein bisschen bei den Taschenbüchern und freue mich, weil ich spontan nichts finde, was ich unbedingt haben möchte. Aber sie lauert schon im Hintergrund, die verführerische Stimme, die sagt: Es könnte ja da draußen ein Buch liegen, das du schon lange haben möchtest. Und sie erinnert mich an das Schild, auf dem steht: Jedes Buch nur 2,75 €!

Natürlich konnte ich dem Mängel-Tisch nicht widerstehen. Aber ich habe nur zwei Bücher gekauft anstatt der fünf, die ich schon in der Hand hatte.

Das Problem ist, dass ich schlicht und einfach keinen Platz mehr habe. Der Umzug in eine neue Wohnung wird erst in ein oder zwei Monaten stattfinden, und ich hatte mir eigentlich schon zu Weihnachten vorgenommen, bis dahin keine Bücher mehr zu kaufen (23 mit den heutigen beiden habe ich seitdem gekauft – soviel zum Thema Selbstdisziplin). Außerdem hatte ich gerade erst Geburtstag, an dem ich reichlich mit Büchern beschenkt wurde & habe noch ein paar Ungelesene zuhause… es hätte wirklich nicht sein müssen. Ich freue mich natürlich trotzdem sehr über die beiden Neuankömmlinge:

Das Kind im Turm (Francoise Chandernagor: Das Kind im Turm)
und
Briefe (Gustave Flaubert: Briefe)

Das Kind im Turm steht schon länger auf meiner Wunschliste; die Briefe habe ich ganz spontan mitgenommen. Und jetzt aber wirklich keine Bücherkäufe mehr bis zum Umzug!



Innisfree

7. May 2008 - Kategorie: Linktipp, Lyrik | Kommentieren

Diese Aufnahme des Gedichtes The Lake Isle of Innisfree von William Butler Yeats lässt mich schon seit einigen Tagen nicht los. Mehrmals täglich höre ich sie mir an und bin jedes Mal gefesselt von dem hypnotischen Sprechgesang, mit dem uns Yeats sein Werk vorträgt. Schon allein die Tatsache, Yeats selbst lesen zu hören, fasziniert mich ungemein.

Auch von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Christine Lavant gibt es auf der Website des Projektes lyrikline.org Audioaufnahmen. Hauptsächlich findet man hier aber zeitgenössische Lyrik – in über 40 Sprachen. Wer also immer schon einmal arabische, finnische oder sogar walisische Gedichte hören wollte, wird von dieser Seite mehr als begeistert sein.

Bleibt für mich nur noch die Frage: Warum hat niemals jemand Rilke ein Mikrofon in die Hand gedrückt?



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