Was sich nicht festhalten, niemals festhalten lässt…
30. June 2008 - Kategorie: Allgemein | Kommentieren
Hier der letzte Absatz des ersten Teils von “Grenzgänger“, der eine der stärksten Szenen des Buches ist: Billy muss die trächtige Wölfin erschießen, da Zigeuner (?) sie ihm weggenommen und für Hundekämpfe eingesetzt haben. Er reitet mit dem toten Tier an den Fuß jenes Gebirges, in dem er es freilassen wollte, um es dort am nächsten Tag zu begraben:
Er kauerte sich über die Wölfin und betastete ihr Fell. Betastete die kalten, perfekten Zähne. Das dem Feuer zugewandte Auge gab kein Licht zurück; er drückte es mit dem Daumen zu, setzte sich neben sie, legte die Hand auf ihre blutige Stirn und schloss gleichfalls die Augen, damit er die Wölfin sehen konnte, wie sie durch die Berge lief, wie sie im Sternenlicht dahineilte, über feuchtes Gras, wo die aufgehende Sonne die üppigen Gerüche der Tiere, die nachts dort vorbeigekommen waren, noch nicht getilgt hatte. Die zu ihrer Lust mit der Luft verwobenen Gerüche von Hirsch und Hase, von Taube und Wühlmaus, von allen möglichen Geschöpfen der gottgefügten Welt, zu der auch sie gehörte, aus der auch sie sich nicht lösen konnte. Und wo sie lief, da wurden die Kojoten schlagartig stumm, als habe sich eine Tür vor ihnen geschlossen, und überall herrschten Angst und Verwunderung.
Er hob ihren steifen Körper aus dem Laub und hielt ihn fest, versuchte festzuhalten, was sich nicht festhalten ließ, was bereits durch die Berge lief, wunderschön und schrecklich zugleich, wie Blumen, die sich von Fleisch ernähren. Das, woraus Blut und Gebein sind, entsteht weder auf einem Altar noch im Krieg. Der gute Glaube allein kann wohl, wie der Wind, wie der Regen, den dunklen Leib der Erde zerteilen, formen und aushöhlen. Aber was sich nicht festhalten, niemals festhalten lässt, das ist keine Blume, sondern eine geschwinde Jägerin, vor der sich sogar der Wind fürchtet und die der Welt niemals verlorengeht.
Cormac McCarthy – Grenzgänger
29. June 2008 - Kategorie: Rezension | 1 Kommentar

New Mexico in den 40er Jahren: Der 16-jährige Billy Parham verlässt sein Elternhaus und macht sich auf den Weg nach Mexiko, um eine trächtige Wölfin, die er gefangen hat, dort wieder freizulassen. Als er, Monate später, zurückkehrt, findet er das Haus verlassen vor: die Eltern ermordet, die Pferde gestohlen – nur sein zwei Jahre jüngerer Bruder Boyd hat überlebt. Mit ihm macht er sich abermals nach Mexiko auf, um die gestohlenen Pferde zu finden. Cormac McCarthy entwirft mit “Grenzgänger” das faszinierende Portrait zweier Länder und ihrer Bewohner und erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Suche nach der eigenen Identität und nach Heimat auch mit dem letzten Satz des Buches noch nicht ihr Ende gefunden hat.
Es fällt mir schwer, etwas zu diesem Roman zu schreiben, das ihm auch wirklich gerecht werden kann, weil er einfach nur überwältigend ist und zu den atmosphärisch beeindruckendsten Büchern zählt, die ich bis dato lesen durfte. Landschaftsbeschreibungen, die einen unvermittelt in die raue Realität des Grenzlandes katapultieren, eine Sprache, die karg und präzise ist, aber niemals unberührt lässt, Szenen, die ich nie vergessen werde, weil sie so intensiv sind, so wunderschön. “Grenzgänger” greift große Themen auf: Identitätsfindung, Heimatlosigkeit, Einsamkeit – und McCarthy ist diesen Themen auch mehr als gewachsen.
Besonders beeindruckt war ich von seiner Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren greifbar und nachvollziehbar zu machen, ohne ein einziges Mal z. B. zu schreiben „Billy war traurig“ (um es jetzt einmal ganz banal zu sagen). Trauer, Eifersucht, Angst… er muss diese Emotionen nicht benennen, er drückt sie in Szenen aus, die in ihrer Bildgewalt und Symbolik ihresgleichen suchen. Und das ist für mich wirklich große Literatur: Wenn die Gefühle nicht mehr ausgesprochen werden müssen, sondern sich aus dem Kontext von Handlung & Sprache von selbst ergeben und so umso stärker auf den Leser wirken.
Am besten gefällt mir der erste Teil des Buches. Schon in den ersten paar Seiten gibt es eine für mich unvergessliche Szene, in der Billy in einer verschneiten Nacht ein Rudel Wölfe beobachtet; dann die Geschichte um die Wölfin, ihre Gefangennahme und Billys Plan, sie zurück in ihre Heimat zu bringen, die Reise durch das Grenzland bis hin zu dem tragischen Ende… dazu später ein ausführlicheres Zitat.
Je länger ich über “Grenzgänger” nachdenke (und ich denke eigentlich ständig daran, seit ich es letztes Wochenende gelesen habe), desto lieber wird mir das Buch, und ich hätte nicht schlecht Lust, es gleich noch einmal zu lesen, vor allem weil ich auch das Gefühl habe, dass man beim ersten Mal gar nicht alles erfassen kann, was McCarthy an Symbolik etc. in sein Werk gelegt hat. Bleibt mir nur noch zu sagen: Unbedingt lesen & sich von dieser Geschichte in ehrfürchtiges Staunen versetzen lassen.
“Grenzgänger” ist übrigens der mittlere Teil der “Border-Trilogie”, die mit „All die schönen Pferde“ beginnt und mit „Land der Freien“ endet. Im Dezember 2008 erscheint bei Rowohlt ein Sammelband, der diese drei Romane in einem Buch vereint (und das für nur 15 €).
Und wieder Moreau
28. June 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Zitat | Kommentieren
Noch eine sehr eindringliche Szene aus “Die Insel des Dr. Moreau“, das ich gerade vorhin beendet habe: Moreau ist tot und Prendick begreift sofort, in welcher Gefahr er und Moreaus Assistent schweben, jetzt, wo der Herrscher tot ist und die Gesetze nicht mehr gelten. Er spricht zu den Tiermenschen:
“Kinder des Gesetzes”, sagte ich, “er ist nicht tot.”
M’ling wandte seine scharfen Augen auf mich.
“Er hat seine Gestalt gewechselt – er hat den Leib gewechselt”, fuhr ich fort. “Eine Zeitlang werdet ihr ihn nicht sehen. Er ist . . . dort” – ich zeigte nach oben – “wo er euch beobachten kann. Ihr könnt ihn nicht sehen. Aber er kann euch sehen. Fürchtet das Gesetz.”
Der Versuch, den Tiermenschen einen Gott zu erschaffen – ein nicht greifbares, aber richtendes Wesen, durch das er sie weiterhin kontrollieren kann… Prendicks Plan ist verständlich (und klug), aber ich hatte eine Gänsehaut beim Lesen dieser Szene und großes Mitleid mit den Geschöpfen, die selbst nach dem Tod ihres grausamen Schöpfers noch an seine Weisungen gebunden sein sollen.
Morgen werde ich mit “Die Zeitmaschine” anfangen, auf das ich jetzt, nachdem mir die Geschichte um Dr. Moreau so gut gefallen hat, noch gespannter bin.
Sind wir nicht Menschen?
28. June 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Zitat | Kommentieren
H. G. Wells’ “Die Insel des Dr. Moreau” begeistert mich sehr – abenteuerlich, aber mit viel Tiefgang. Besonders beeindruckend die Szene, in denen der auf der Insel gestrandete Edward Prendick auf der Flucht vor Dr. Moreau die Wohnstätte der “Tiere” erreicht und von ihnen als einer der ihren angesehen wird, weshalb sie ihn auch in ihre Gesetze einweihen:
Nicht auf allen vieren gehen; das ist das Gesetz. Sind wir nicht Menschen?
Nicht das Wasser schlürfen; das ist das Gesetz. Sind wir nicht Menschen?
Keine anderen Menschen jagen; das ist das Gesetz. Sind wir nicht Menschen?
Usw. Ich dachte ja zuerst, wie der Protagonist auch (und deshalb seine Flucht vor Moreau), dass diese Wesen Menschen sind, die zu Tieren gemacht wurden. Und deshalb fand ich es so beeindruckend (und auf schaurige Art rührend), wie sie mit aller Kraft versuchen, sich durch diese Gesetze ihr Menschsein zu bewahren.
Und später im Buch dann:
Vorher waren sie Tiere gewesen; ihre Instinkte waren ihrer Umgebung angepasst und sie selbst so glücklich, wie lebendige Wesen nur sein können. Jetzt stolperten sie in den Fesseln der Menschlichkeit dahin, lebten in einer Angst, die niemals schwand, von einem Gesetz gequält, das sie nicht verstanden.
Ihren Mord an den Händen
28. June 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren
Die Augen meines Vaters. Er sitzt auf der Bettkante in der schlimmsten aller Nächte, und ich sehe, mit welchen Gedanken er kämpft. Er hat meine Mutter getötet, trägt noch ihren Mord an den Händen, jetzt denkt er, dass er ebenso gut dafür sorgen kann, dass der Junge ihr Gesellschaft leistet. Ich schlage die Augen auf und nehme diesen Gedanken wahr, und genau das rettet mir das Leben. Er betrachtet mich, und das Lebendige und das Tote balancieren auf der dünnen Scheide seiner weiß glühenden Trauer. Dann streicht er mir übers Haar und verlässt mich.
- Håkan Nesser, Die Schatten und der Regen
Eine Schmerzstimmung
24. June 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren

Max Dauthendey
Tiefes graues Gewölk,
Lautlose schwarze Vögel
In flachem Flug.
Und zwischen dem Himmel
Und zwischen dem Erdrand
Ein blasser hilfloser Strahl,
Liegt einsam an der Erde,
Einsam am Himmel.
Blaß ausgestreckt,
Mit dünnem, mattgrünem Geäder,
Und zitternd gereckten, blauen kranken Adern.
Und die graue leere Hand
Liegt hungernd geöffnet.
Blauweiß in stechender Steilheit,
Grell unter halbgeöffnetem Lid
Ein erwürgter aufschreiender Blick.
Noch der blaue gekrampfte Mund,
Mit den schweren harten Lippen,
Und dem schweren harten Schweigen.
Es ist die vibrierende Fieberstille zwischen zwei Lauten.
Und von Gerüchen ist es
der schluchzende Duft
nasser schwarzer Erde.
Und von Farben:
Das geronnene Rot
und das flehende Blaß
scharfer, verwester Rosen.
Brief an R. M. Rilke
22. June 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Zitat | Kommentieren
Treffender kann man das, was die Größe und das Wesen Rainer Maria Rilkes ausmacht wohl nicht erfassen:
Was nach Ihnen ein Dichter thun kann? Einen Meister (wie Goethe z.B.) überwindet man, aber Sie überwinden – heißt (würde heißen) die Dichtung überwinden. Ein Dichter ist der, der das Leben überwindet (überwinden soll).
Sie sind eine unmögliche Aufgabe für künftige Dichter. Der Dichter, der nach Ihnen kommt, muss Sie sein, d. h. Sie müssen noch einmal geboren werden.
Sie geben den Worten ihren ersten Sinn, und den Dingen – ihre ersten Worte (Werte). Z.B. wenn Sie großartig sagen, sagen Sie von großer Art, so wie es gemeint war bei der der Entstehung.
Diese Worte schrieb M. Zwetajewa in ihrem ersten Brief an den Dichter am 9. Mai 1926. Leider war den beiden nur eine kurze Zeit des schriftlichen Austausches vergönnt: Rilke starb am 29. Dezember desselben Jahres. Ihre Korrespondenz umfasst neun Briefe und eine Ansichtskarte von Marina an Rilke und sechs Briefe sowie die “Elegie an Marina” von Rilke. Getroffen haben sie sich nie.
Marina schrieb an Rilke in deutscher Sprache und merkt dazu im ersten Brief an:
Russisch hätte ich Ihnen das alles klarer gesagt, aber ich will Ihnen nicht die Mühe geben sich hineinzulesen, ich will lieber die Mühe nehmen mich hineinzuschreiben.
Writers’ Rooms
21. June 2008 - Kategorie: Linktipp | Kommentieren
Ein toller Linktipp, gefunden in Ninas Libromanie-Blog: Writers Rooms – eine Sammlung von Fotografien der Schreibzimmer verschiedener Schriftsteller. Wer schon immer einmal wissen wollte, wo Virginia Woolfe, Rudyard Kipling oder Siri Hustvedt ihre Werke verfasst haben bzw. verfassen, wird hier fündig. Am besten gefallen mir die Zimmer von Hilary Mantel, Geoff Dyer, und Carmen Callil. Ich kenne zwar einen Großteil der Autoren dieser Liste nicht, aber es ist trotzdem interessant zu sehen, wie ihre Arbeitsräume gestaltet sind.
Alberto Manguel – A Reading Diary
19. June 2008 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Ein Jahr, zwölf Bücher: Jeden Monat, von Juni 2002 bis Mai 2003, liest Alberto Manguel eines seiner Lieblingsbücher wieder & führt über die Lektüre Tagebuch. Was dabei herauskommt, ist ein persönliches, wunderschönes Buch über die Liebe zur Literatur und die Verknüpfungen zwischen dem eigenen Leben und den Büchern, die es begleiten. Alles scheint miteinander verwoben zu sein: Weltpolitische und private Geschehnisse spiegeln sich in den Geschichten wieder (oder umgekehrt, je nach Betrachtungsweise); die Erfahrungen & Erkenntnisse der Figuren werden mit Betrachtungen über die eigene Person vernetzt. Manguel schreibt intelligent & mitreißend und hat mich auf viele Bücher, von denen er erzählt, neugierig gemacht, vor allem auf die Werke von H. G. Wells (”Die Insel des Dr. Moreau”, “Die Zeitmaschine” und “Der Unsichtbare” liegen schon im Amazon-Einkaufswagen) sowie auf Chateaubriands “Mémoires d’outre-tombe”, die online in einer englischen Übersetzung zu finden sind. Auf Deutsch wären sie mir allerdings lieber – ein so umfangreiches & anspruchsvolles Werk auf Englisch zu lesen würde mich wohl doch sehr überfordern.
Was mich an der Lektüre von Alberto Manguels “A Reading Diary” so begeistert, ist die Bestätigung, die ich durch sie erfahre: Es ist in Ordnung, das eigene Leben dem Lesen und den Büchern widmen zu wollen. In manchen Momenten frage ich mich nämlich: Ist das nicht zu wenig für ein Leben? Aber woran will ich das messen? Natürlich kann man nicht für die Zukunft sprechen, aber ich werde wohl nie etwas anderes sein als eine Leserin, eine Liebhaberin von Sprache, Literatur, Worten, Geschichten.
“A Reading Diary” hat mich auf jeden Fall den Vorsatz fassen lassen, reflektierter zu lesen. Nicht nur die Worte und Geschehnisse aus den Büchern aufzunehmen, sondern auch die Gedanken, die hinter ihnen stehen; mein Leben & die Welt um mich in Beziehung zu meiner Lektüre zu setzen. Vita brevis est, und es gibt noch so viel zu lesen, und ich möchte so viel davon haben wie nur möglich.
Am Ende des Vorwortes schreibt Manguel:
Scientists have imagined that, before the universe came into being, it existed in a state of potentiality, time and space held in abeyance – “in a fog of possibility”, as one commentator put it – until the Big Bang. This latent existence should surprise no reader, for whom every book exists in a dreamlike condition until the hands that open it and the eyes that peruse it stir the words into awareness. The following pages are my attempt to record a few such awakenings.
Ich kann nur jedem empfehlen, sich auf diesen Versuch einzulassen.
Ursache oder Folge
17. June 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren
Das Schloß, dessen Umrisse sich schon aufzulösen begannen, lag still wie immer, niemals noch hatte K. dort das geringste Zeichen von Leben gesehn, vielleicht war es gar nicht möglich aus dieser Ferne etwas zu erkennen und doch verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden. Wenn K. das Schloß ansah, so war ihm manchmal, als beobachte er jemanden, der ruhig dasitze und vor sich hinsehe, nicht etwa in Gedanken verloren und dadurch gegen alles abgeschlossen, sondern frei und unbekümmert; so als sei er allein und niemand beobachte ihn; und doch mußte er merken, daß er beobachtet wurde, aber es rührte nicht im Geringsten an seine Ruhe und wirklich – man wußte nicht war es Ursache oder Folge – die Blicke des Beobachters konnten sich nicht festhalten und glitten ab.
- Franz Kafka, Das Schloss
