Leserückblick Juli

31. July 2008 - Kategorie: Leserrückblick | 11 Kommentare

Ich schaffe es nicht, zu jedem gelesenen Buch ausführlich etwas zu schreiben, aber ein paar Stichworte könnten sollten es doch sein. Hier der Leserückblick für den Juli:

 


Françoise Chandernagor: Das Kind im Turm
Rezension

 

Emma
Jane Austen: Emma
Mein zweiter Austen nach “Mansfield Park”, das ich sehr schätze. Äußerst amüsant, dieser feine, ironische Humor liegt mir sehr. Die Geschichte an sich: Nicht so meins – bin kein großer Fan von klassischen Liebesgeschichten. Am meisten mochte ich Emmas Vater – eine wunderbare, liebenswerte Figur, die mir bestimmt lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

Der Blumenkrieg
Tad Williams: Der Blumenkrieg
Nach der “Otherland”-Reihe, die zu den besten Leseerlebnissen des vorigen Jahres zählte, war ich sehr neugierig auf den “Blumenkrieg”. Leider hat es mich – im Vergleich zu “Otherland” – ein wenig enttäuscht. Die Geschichte ist zwar interessant & spannend, toller Humor, interessante Charaktere, aber etwas hat gefehlt. Es ist nicht ganz fair, das Buch nach “Otherland” zu beurteilen, aber es fällt mir schwer, es nicht zu tun. Insgesamt kann man vielleicht sagen, dass mir “Der Blumenkrieg” im Vergleich zu “Otherland” weniger “reif” vorkam.

 

Der Tod in Venedig
Thomas Mann: Der Tod in Venedig
Zum zweiten Mal gelesen, beim ersten Mal einiges überlesen (da hatte ich anscheinend noch nicht die nötige Geduld für die etwas längeren Sätze), das mir jetzt sehr positiv aufgefallen ist (betrifft vor allem den Anfang des Buches). Die Geschichte an sich hat mich schon beim ersten Lesen fasziniert; beeindruckend, wie Mann die Obsession, die Gustav von Aschenbach Tadzio gegenüber entwickelt, langsam aufbaut.

 

Die Zeitmaschine
H. G. Wells: Die Zeitmaschine
Dazu hier ein Beitrag.

 

September
Rosamunde Pilcher: September
Ein perfektes Buch für einen verregneten Tag, und von denen hatte ich in meinem Urlaub einige. Nicht viel Aufmerksamkeit verlangende und daher sehr entspannende Lektüre.

 

Wassermusik
T. C. Boyle: Wassermusik
Liebe auf den ersten Satz, das Buch flacht gegen Ende hin allerdings ein wenig ab. Insgesamt aber eine absolut empfehlenswerte, spannende und vor allem sprachlich wirklich beeindruckende Geschichte. Hier habe ich etwas zu meinem ersten Eindruck geschrieben. Dass mein abschließender Eindruck von dem Buch weniger enthusiastisch klingt, liegt nicht unbedingt am Buch selbst, sondern daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt so etwas wie eine “Leseüberdosis” hatte und die Lektüre deshalb nicht entsprechend würdigen konnte. Auf jeden Fall aber ein Buch, das ich noch einmal lesen werde – und das ist bei mir immer das beste Qualitätskriterium.

 

Die Dämonen ruhen nicht
Patricia Cornwell: Die Dämonen ruhen nicht
Die Scarpetta-Reihe mag ich im Allgemeinen sehr gerne, auch wenn sie von Band zu Band immer schlechter wird (vor allem das Wiederauftauchen von Benton fand ich furchtbar – können die Toten nicht einfach tot bleiben?). “Die Dämonen ruhen nicht” gefällt mir vor allem wegen der Schilderung des Lebens von Jay Talley (ein Serientäter) im Mississippi-Delta – sehr atmosphärische Szenen.

 

Kunst
Paul Auster: Die Kunst des Hungers
Interessante Essays (hier ein bisschen was zu einem Essay über Paul Celan) & Interviews. Paul Auster ist mir als Mensch und Schriftsteller durch dieses Buch sehr sympathisch geworden; gelesen habe ich noch keines seiner Werke, was sich aber bald ändern wird (”Mr. Vertigo” liegt schon auf dem SUB und “Im Land der letzten Dinge” werde ich dank Markus bei meinem nächsten Büchereinkauf in meinen Besitz bringen).

 

Feuer
Marina Zwetajewa: Im Feuer geschrieben. Ein Leben in Briefen
Hier ein Beitrag, den ich kurz nach Beginn der Lektüre schrieb & der eigentlich alles Wesentliche sagt. An diesem Buch habe ich (vergleichsweise) lange gelesen; hauptsächlich deshalb, weil ich so lange wie möglich etwas davon haben wollte. Eine unvergessliche Reise durch Marina Zwetajewas Leben (die Briefe sind in chronologischer Reihenfolge, und decken alle wichtigen Stationen ihres Lebens ab), die mir die Verfasserin so nahe gebracht hat wie schon lange keinen Schriftsteller mehr.

 

Daphnis und Chloe
Longos: Daphnis und Chloë
Eine bezaubernde Liebesgeschichte aus dem 3. Jahrhundert. Sehr schön die subtile Erotik, vor allem am Anfang der Geschichte, als Daphnis und Chloë erkennen, dass sie einander begehren. Das Buch hat mir Lust gemacht, mich endlich mal ausführlicher mit der griechischen Mythologie zu beschäftigen.

 

Oryx und Crake
Margaret Atwood: Oryx und Crake
Zum zweiten Mal gelesen. M. Atwood zählt zu meinen liebsten Gegenwartsautorinnen; “Oryx und Crake” ist eine brillante Dystopie, sprachlich meisterhaft erzählt. Darauf gestoßen bin ich übrigens durch die beiden letzten Sätze, die in einem Forum mal jemand in seiner Signatur hatte und die mich so neugierig gemacht haben, dass ich mir das Buch sofort bestellen musste.

 

Verblendung
Stieg Larsson: Verblendung
Rezension



Stieg Larsson – Verblendung

29. July 2008 - Kategorie: Rezension | 9 Kommentare

VerblendungIch war schon lange nicht mehr so gespannt auf ein Buch wie auf “Verblendung”, den ersten Teil der Millenium-Trilogie des (leider) 2004 verstorbenen Schriftstellers Stieg Larsson. Es war diese Rezension von Lilly, die mich dazu gebracht hat, sofort in die Buchhandlung zu fahren und es zu bestellen, was sonst eher untypisch für mich ist. Und das, was mich so angesprochen hat, war Lillys Beschreibung der beiden Hauptcharaktere Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander, zwei Figuren, deren Gegensätzlichkeit mich eine interessante Beziehungsdynamik erwarten ließ, und in dieser Erwartung wurde ich auch nicht enttäuscht.

Zum Inhalt: Mikael, ein wegen Verleumdung verurteilter Wirtschaftsjournalist, erhält von Henrik Vanger den Auftrag, ein altes Familiengeheimnis zu lösen: Das Verschwinden seiner Nichte Harriet, hinter dem er einen Mord vermutet. Mikael, der anfangs fest davon überzeugt ist, Henrik Vanger nicht helfen zu können, kommt schließlich zusammen mit der Privatermittlerin Lisbeth Salander hinter das schreckliche Geheimnis um Harriets Verschwinden und die Abgründe der Familie Vanger.

Der eigentliche Thrillerplot und die Aufklärung des Verbrechens sind zwar spannend, waren für mich aber nur zierendes Beiwerk. Die wahre Spannung ergibt sich aus dem Ermittlerduo Mikael & Lisbeth und ihrer Beziehung zueinander. Vor allem Lisbeth Salander ist eine der faszinierendsten Figuren, die mir seit langem untergekommen ist, auch wenn die Beschreibung ihrer Person erst mal wie ein klassisches Klischee klingt: Das des sozial inkompetenten Computergenies. Aber Larsson gelingt es, aus Lisbeth eine komplexe Figur zu machen – eine Figur mit Abgründen, die es manchen Lesern vielleicht nicht leicht macht, sie zu mögen. Mikael dagegen ist ein sympathischer, moralisch integrer Mann, der von den Frauen gemocht wird und anfangs nicht so recht weiß, was er von diesem schwierigen Mädchen halten soll. Doch die Zusammenarbeit an der Aufklärung des Verbrechens an Harriet Vanger lässt die beiden sich näher kommen, und die Darstellung dieser von Misstrauen und Unsicherheit geprägten Beziehung hat mich sehr bewegt.

Larsson nimmt sich viel Zeit um seine Charaktere einzuführen: Es dauert ca. 200 (oder sogar 300?) Seiten, bis die eigentliche Krimihandlung so richtig in Schwung kommt, und Mikael und Lisbeth treffen erst circa bei der Hälfte des Buches zum ersten Mal aufeinander. Gerade die Tatsache, dass er sich Zeit für die Figuren genommen hat, sehe ich allerdings als einen der großen Pluspunkte des Buches, weil die beiden dadurch sehr greifbar und dreidimensional werden.

Zu bemängeln sind: Ein paar logische Schwächen das Verschwinden der Nichte betreffend, die doch recht typische Auflösung dieses Verbrechens sowie die mit der Zeit etwas nervige Schleichwerbung (warum muss man unbedingt erwähnen, dass es eine Canon-Digitalkamera ist? Oder ein hab-vergessen-wie-die-Marke-heißt-Notebook?)

Der zweite Teil, “Verdammnis“, erscheint im September als Taschenbuch. Besonders freue ich mich darauf, mehr über Lisbeths Hintergrund zu erfahren, und natürlich darauf, wie es mit ihr und Mikael weitergeht. Und dann bleibt mir nur noch zu hoffen, dass die Taschenbuchausgabe des dritten Teils nicht allzu lange auf sich warten lässt – das HC kommt aus rein ästhetischen Gründen nicht in Frage, das würde im Bücherregal einfach nicht gut aussehen ;)



Stärker als der Tod

29. July 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Zitat | Kommentieren

Ich möchte von meiner tiefen Überzeugung sprechen, dass es etwas gibt, das stärker ist als der Tod, das den Tod überlebt und besiegt, aber die Liebe ist es gewiss nicht, mag sie auch noch so oft in Gedichten, Romanen, Theaterstücken, Opernarien und Todesanzeigen beschworen werden. Liebe und Tod gehen eine dunkle Verbindung ein, Eros und Thanatos sind rätselhaft miteinander verwoben, und die Geschichte der Gefühle erzählt immer auch die Geschichte des Verlustes. Eros, Liebe, ist nach Freud das Bedürfnis, enge Verbindungen einzugehen, Thanatos, Tod, löst alle Verbindungen auf. Sie sind Gegenspieler und doch untrennbar verbunden, und nun kommt etwas Drittes ins Spiel: die Kunst, vor allem die Musik, ihr Thema ist Pathos, das Leiden an dieser Verbindung.

Wir vergehen. Die Liebe erlischt. Der Tod räumt ab. Die Geschichten, die Bilder, die Musik bleiben, erzählen von uns, durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende, verändern sich, gewiss, aber: bleiben.

In den Opern und auch in den Theaterstücken, die Sie in den nächsten Tagen sehen werden – Schuld und Sühne, Jedermann, Die Räuber – ist alles da: Liebe und Tod sitzen immer mit am Tisch und sind nicht zu trennen. Gevatter Tod, sagen wir, Bruder Tod, Schlafes Bruder. Wenn der Tod aber unser Bruder ist, ist dann die Liebe die Schwester?
Und: Wer wären die Eltern?

Aus der Festrede von Elke Heidenreich, die sie anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2008, die unter dem Motto “Denn stärker als die Liebe ist der Tod” stehen, hielt. Die ganze Rede findet man hier.



Juli Zeh & Johann Pachelbel

27. July 2008 - Kategorie: Kunst, Literarisches Allerlei | 4 Kommentare

In Juli Zehs “Adler & Engel“, das ich vor ca. eineinhalb Jahren zum ersten Mal gelesen habe und jetzt gerade wieder lese, gibt es eine Szene, an die ich immer wieder denken muss und die für mich ihre wahre Schönheit dann entfaltet, wenn man die Musik kennt, die ihr zugrunde liegt:

Irgendwann stießen wir auf eine Sammlung von Barockmusik und fanden ein Stück, das wir alle mochten. Pachelbel. Es verwandelte mein Herz in eine Supernova, jedes Mal wenn die ersten Takte erklangen. Das Stück war etwa fünf Minuten lang. Wir stellten die Repeat-Funktion ein, und der CD-Spieler wiederholte es zwei Tage lang. Wenn jemand schlafen wollte, drehte er die Lautstärke ein bisschen herunter. Nach der fünfzigsten Wiederholung fing Jessie an zu weinen, ihr Gesicht kniff sich zusammen wie bei einem Säugling, der nachts erwacht und die Mutter nicht findet. Die Sonne fraß ihr die Tränen vom Gesicht, kaum dass sie das Auge verlassen hatten. Ich tat weiterhin so, als würde ich durch das Fernglas sehen, und sagte nichts. Es war ja nur wegen Pachelbel, wegen Cembalo und Geigenschluchzen. Nach einer halben Stunde hörte sie wieder auf.

Ich war natürlich neugierig, welches Stück damit gemeint sein könnte und bin auf den “Kanon und Gigue in D-Dur gestoßen”, Johann Pachelbels bekanntestes Werk. Natürlich kann ich nicht sicher wissen, ob Juli Zeh wirklich den Kanon meinte, aber jedes Mal, wenn ich ihn höre, bin ich fest davon überzeugt, dass es nur diese Melodie sein kann, die ein Herz in eine Supernova verwandeln und jemanden zum Weinen bringen kann:

 



Kafka lustig lesen

26. July 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 11 Kommentare

Dass man alles von Kafka, aber nichts über ihn lesen solle, wurde neulich auf der Homepage der Intellektuellenzeitschrift Merkur als “vernünftige Grundregel” bezeichnet. Das liegt zu nah an einem glatten Bonmot, um wirklich wahr zu sein. Außerdem: Kafka lesen ist oft beunruhigend genug; die Vorstellung, mit seinen funkelnden Dunkelheiten von der Sekundärliteratur gänzlich allein gelassen zu werden, hätte geradezu etwas Erschreckendes.

So beginnt ein interessanter Artikel, den Dirk Knipphals anlässlich des 125. Geburtstag von Kafka in der TAZ schrieb. Er macht neugierig auf Hans-Gerd Kochs “Kafka in Berlin” – Knipphals schreibt dazu:

Kochs Studie ist ein schönes Beispiel für einen Umgang mit Kafka, der ihn nicht wegdeutet, sondern der zu ihm hinführt.

Ich habe Kafka bis jetzt gänzlich ohne Sekundärliteratur gelesen (von ein paar Kommentaren in den Tagebüchern mal abgesehen) und das hatte nichts Erschreckendes an sich ;) . Mich interessieren generell die Menschen hinter den Büchern weniger – Kafka ist da eine Ausnahme, aber er hat sich mir durch seine Tagebücher und Briefe nahe genug gebracht. Trotzdem möchte ich einmal eine Biographie lesen; ich kann mich nur nicht entscheiden welche, wobei mich Max Brods “Über Franz Kafka” am meisten interessieren würde. Wer könnte besser über einen Menschen berichten als einer, der ihn wirklich gekannt hat?



Versuchen Sie, einem Gott zu begegnen

26. July 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Ihr jetziger Zustand ist natürlich. Sie stehen da mit vollen Händen, wo Sie doch lieber ohne Hände dastünden! Das kommt vor. Bei mir war es das ganze Leben so. Die Sache ist die, dass das Nehmen nicht weniger Substanz und Kraft verlangt als das Geben. Würden Sie sich – wie jedermann, wie jede Frau – mit leeren (bittenden) Händen an einen Menschen wenden, würde Ihre Leere angenommen. Nur die Götter fürchten sich nicht vor Gaben. Versuchen Sie, einem Gott zu begegnen.

- Marina Zwetajewa an Ariadna Emiljewna Berg, 26.11.1938



“Die Todesfuge” und “Er”

22. July 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren

Ein kleiner Nachtrag zur “Todesfuge” von Paul Celan: Viele Elemente sind aus Immanuel Weißglas’ Gedicht “Er” entnommen (Weißglas war ein rumänischer Dichter und Schulfreund Paul Celans):

Wir heben Gräber in die Luft und siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.

Er will, daß über diese Därme dreister
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.

Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend,
Öffn’ ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.

Er spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.



Paul Celan: Ans Herzland vielleicht

21. July 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Lyrik | Kommentieren

Die Kunst des Hungers“, das ich gerade lese, versammelt Essays & Vorworte von sowie Interviews mit Paul Auster. Sehr schön ist der Essay über Paul Celan, der zu meinen liebsten Lyrikern zählt. Auster zitiert aus der Rede, die Celan anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises gehalten hat:

“In dieser Sprache”, sagt Celan – und er meint das Deutsche, die Sprache der Nazis und die Sprache seiner Gedichte – “habe ich … Gedichte zu schreiben versucht … um mir Wirklichkeit zu entwerfen.” Dann vergleicht er das Gedicht mit einer Flaschenpost – ins Meer geworfen in der Hoffnung, sie könnte eines Tages irgendwo an Land gespült werden, “ans Herzland vielleicht”. “Gedichte”, fährt er fort, “sind auch in dieser Weise unterwegs: Sie halten auf etwas zu. Worauf? Auf etwas Offenstehendes, Besetzbares, auf ein ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit.”

Paul Celans Lyrik ist, vor allem seine späten Gedichte betreffend, oft schwer zugänglich. Sprachspielereien, Wortneuschöpfungen und eine sehr bildhafte, symbolische Sprache verlangen dem Leser viel Aufmerksamkeit ab, wenn dieser versucht, hinter die Worte zu schauen und die Symbolik zu entschlüsseln. Aber das Verständnis kann auch über die emotionale Ebene erfolgen, indem man die Bilder, die Celan entwirft, einfach auf sich wirken lässt, sich auf sie einlässt.

Beider entnarbte Leiber,
beider Todesblatt über der Blöße,
beider entwirklichtes Antlitz.

An Land gezogen von
der weißesten Wurzel
des weißesten
Baums.

Mehr als bei allen anderen Lyrikern gilt für mich bei Celan: Der Zeitpunkt muss passen. Ich kann eines seiner Gedichte lesen und den Kopf darüber schütteln, weil es mir völlig unzugänglich ist; ich lese es ein paar Jahre später und auf einmal begreife ich es – es ist angekommen, hat eine Leerstelle in meinen Gedanken & meinem Empfinden gefunden und sie besetzt. Das “Todesblatt über der Blöße” ist kein sinnleeres Bild mehr und die Symbolik der “weißesten Wurzel des weißesten Baums” hat sich mir – in einer rein subjektiven Weise – offenbart. Und auf einer objektiveren Ebene denke ich an Adam und Eva: das Feigenblatt, die Vertreibung, der Baum der Erkenntnis, die Farbe “Weiß”, die für Unschuld und Geburt steht, aber auch, in anderen Kulturen, die Farbe der Trauer ist. Ganz überraschend kommen diese Gedanken, und auf einmal scheint so viel in diesen sieben Zeilen zu liegen, zu denen ich vorher keinen Zugang finden konnte.

Celan ist vor allem durch sein Gedicht “Die Todesfuge” bekannt, das trotz Adornos Äußerung, es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben*, geschrieben wurde und zu den bekanntesten schriftstellerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust zählt (ein interessanter Artikel über die Beziehung zwischen Celan und Adorno findet sich hier). Auch in diesem Gedicht gibt es Bilder und Begriffe, deren Sinn sich nicht sofort erschließt: Die “schwarze Milch der Frühe”, die Schlangen, Margarete und Sulamith (ausführliche Erklärungen dazu beim Celan-Projekt); trotzdem ist es “ans Herzland” vieler Menschen gespült worden und hat für sie in Worte gefasst, was nur schwer in Worte zu fassen ist.

Paul Celan ist ein Dichter, den man immer wieder neu entdeckt, der auch auf den zweiten und dritten Blick noch Ungesehenes bietet; ein, wie Paul Auster in seinem Essay schreibt, “Dichter des Exils, ein Außenseiter selbst der Sprache seiner eigenen Gedichte gegenüber“, und es lohnt sich, sich auf ihn und sein Werk einzulassen.

 

*“Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.” (Theodor W. Adorno: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft.)



Kommentare

20. July 2008 - Kategorie: Allgemein | Kommentieren

Habe heute zwei kleine technische Änderungen ins Blog eingebaut: Man kann Kommentare (für den jeweiligen Artikel) ab jetzt per RSS-Feed verfolgen bzw. sich per Email über neue Kommentare benachrichtigen lassen (Plugin). Ich bin immer ganz froh, wenn ich diese Möglichkeit bei anderen Blogs habe, da ich sonst mit der Zeit die Übersicht verliere und etwaige Antworten vielleicht übersehe, und deshalb muss ich natürlich selbst mit bestem Beispiel vorangehen ;)



Gebackenes Kamel (mit Füllung)

18. July 2008 - Kategorie: Zitat | 4 Kommentare

In “Wassermusik” erzählt T. C. Boyle von der Entdeckungsreise des Schotten Mungo Parks, der als erster Europäer den Niger sehen und seinen Verlauf kartographieren will. Im Lager eines maurischen Emirs wohnt er einer Hochzeit bei, wo die Krönung des Festmahls ein gebackenes Kamel darstellt. Ich musste schon lange nicht mehr so sehr lachen wie beim Lesen des Rezeptes:

Gebackenes Kamel (mit Füllung)
Für ca. 400 Personen:
500 Datteln
200 Regenpfeifereier
20 Karpfen (Zweipfünder)
4 Trappen, gereinigt und gerupft
2 Schafe
1 großes Kamel
div. Gewürze

Man grabe ein Feuerloch. Flammenmeer auf eine ca. 1 m tiefe Lage glühender Kohlen hinunterbrennen lassen. Die Eier separat hartkochen. Die geschuppten Karpfen sodann mit geschälten Eiern und den Datteln füllen. Die fein gewürzten Trappen mit den gefüllten Karpfen füllen. Schafe mit den gefüllten Trappen füllen, sodann Kamel mit den gefüllten Schafen füllen. Das Kamel kurz ansengen, dann mit Doumpalmenblättern umwickeln und in der Glut vergraben. Zwei Tage lang backen. Als Beilage Reis servieren.

Na dann: Guten Appetit!



Pages: 1 2 Nächste

keep looking »

  • Über

    Willkommen auf SEANNE.AT - einem Blog für Literatur & Kunst. Hier findet ihr Zitate aus Büchern und über Bücher, literarisches Allerlei, Rezensionen, meine Lieblingswerke aus Malerei & Fotografie sowie eine Galerie meiner eigenen Fotos.


Zufallsbild aus der Galerie

Zufallsbild

Suche