Leserückblick Mai 2009
2. June 2009 - Kategorie: Leserrückblick | 5 Kommentare

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
Diesem Buch bin ich lange Zeit aus dem Weg gegangen, weil mich Liebesgeschichten generell nicht so interessieren – und dann auch noch per Email; ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass da was Gutes dabei rauskommen kann. Ich dachte, dass es irgendeine kitschige, oberflächliche Geschichte ist, die mich nur nerven würde. Dann habe ich es aber doch gelesen und musste meine Meinung revidieren
Es ist eine wirklich schöne, intelligente und auch sehr spannende Liebesgeschichte mit zwei interessanten Charakteren, mit denen man gerne mitleidet und mithofft.

Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen
Und natürlich war ich dann auch neugierig auf die Fortsetzung. Normalerweise bin ich kein großer Fan von Fortsetzungen dieser Art, weil ich denke, ein einmal erreichter Erfolg lässt sich nicht so einfach wiederholen und man soll die Geschichte Geschichte sein lassen etc., aber auch hier habe ich mich wieder getäuscht. Bis auf das allerletzte Kapitel, das ich einfach nur unnötig finde (damit auch der dümmste Leser ja nur kapiert wie es endet, so liest es sich für mich), ist auch “Alle sieben Wellen” wie der erste Teil ein spannendes Buch, das ich gerne gelesen habe.

Wolf Haas: Der Knochenmann
Der erste Teil der Krimiserie um den Privatdetektiv Simon Brenner. Den letzen Teil, “Das ewige Leben”, hatte ich im März gelesen und mich sofort in den großartigen Humor des Buches und den eigenwilligen Schreibstil verliebt. Eigenwillig deshalb, weil die Geschichte wirklich erzählt wird – man liest und hat das Gefühl, jemand würde einem gegenüber sitzen und einem erzählen, was passiert, mit allen grammatikalischen Unfeinheiten, die die erzählende Sprache mit sich bringt. Konkret liest sich das dann zum Beispiel so: Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber der Frühling ist eine herrliche Zeit, da gibt es Gedichte und alles, und weiß ein jeder, dass im Frühling das Leben erwacht. [...] Und das ist nur drei Wochen später gewesen, und immer noch Frühling, den Sommer hat es dann ja fürchterlich verregnet, Juli überhaupt zum Vergessen, aber Frühling eins a. Wolf Haas hat in mir auf jeden Fall einen neuen Fan dieser Reihe gefunden.

Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper
Nachdem ich zufällig einmal “Die Moritat von Mackie Messer” gehört hatte, das Eröffnungslied des Stückes, war ich neugierig auf die Geschichte. Theaterstücke fand ich immer schon etwas schwer zu lesen, aber die “Dreigroschenoper” hat mir gut gefallen. Eine wüste Geschichte, amüsant und spannend auf ihre ganz eigene Weise.
Und hier ist sie, die Moritat, gesungen (wenn man den Angaben auf Youtube trauen kann) von Bert Brecht persönlich:

Juli Zeh: Corpus Delicti
Rezension

H. G. Wells: Kinder der Sterne
Eine weitere interessante Zukunftsvision eines der größten Meister der Zukunftsvisionen. Die Invasion außerirdischer Lebensformen, jedoch nicht durch Raumschiffe und Kriege, sondern über die “kosmische Strahlung”, die die DNA der Menschen Stück für Stück verändert, bis die Menschen sich evolutionär angepasst haben und zu den Außerirdischen werden. Sehr schön wie immer bei Wells die Gesellschaftskritik, die sich hinter der Geschichte verbirgt – hier ist es die Anspielung auf den Nationalsozialismus und den Versuch, einen perfekten Menschen zu “züchten”.

Thomas Harris: Das Schweigen der Lämmer
Zum zweiten oder dritten Mal gelesen, spannende Unterhaltung für zwischendurch, obwohl ich sagen muss dass das eine der wenigen Ausnahmen ist, wo ich die Verfilmung besser finde als das Buch.
Juli Zeh – Corpus Delicti
1. June 2009 - Kategorie: Rezension | 7 Kommentare

Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt, gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid. Zu diesem Zweck haben wir unseren Staat hochkomplex organisiert, komplexer als jeden anderen vor ihm. Unsere Gesetze funktionieren in filigraner Feinabstimmung, vergleichbar dem Nervensystem eines Organismus.
Irgendwann in der Zukunft, in einer Gesellschaft, die sich am besten als “Gesundheitsdiktatur” beschreiben lässt, lebt Mia Holl, eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin. Die “Methode”, wie dieses System genannt wird, überwacht die Gesundheit der Bürger: Implantierte Mikrochips, die den Behörden Informationen über das absolvierte Fitnessprogramm und die Ernährungweise übermitteln, keine Krankheiten mehr, keimfreie Lebenswelt. Der Selbstmord ihres Bruders Moritz, der der Vergewaltigung für schuldig befunden wurde, lässt Mia langsam am System und vor allem an seiner Unfehlbarkeit zweifeln.
Ein schwieriger Fall, dieses Buch. Das Thema ist natürlich hochinteressant und aktuell. Das Szenario, das Juli Zeh hier entwirft, ist ein Erschreckendes. Obwohl wir uns wahrscheinlich alle einig sind, dass Gesundheit und ein funktionierender Körper absolut erstrebenswerte Ideale sind, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit dieses Ideal zu einer Pflicht werden sollte oder kann. Wer wünscht sich schon nicht manchmal mehr Disziplin, was die Ernährungsgewohnheiten oder Sport betrifft? Ich bestimmt, aber die Vorstellung, dass es einen Verstoß gegen Gesetze darstellt, ungesund zu leben – also dass ich quasi für meine Faulheit bestraft werden könnte
, ist keine schöne.
Der eigene Körper als Eigentum des Staates – das ist das Ergebnis der sogenannten “Methode”. Mia Holl, anfangs überzeugte Anhängerin dieses Systems, beginnt bald, an ihm zu zweifeln, und während die Gesundheitsdiktatur das eine große Thema dieses Buches ist, ist das andere der Widerstand des Einzelnen gegen ein System und die Bedrohung, die dieser Einzelne für ein so straffes System darstellen kann: Widerstandsbewegungen, Märtyrertum, Terrorismus.
Von den Themen und Ideen her also ein wirklich interessantes Buch, aber die Umsetzung hat mich manchmal nur verzweifelt den Kopf schütteln lassen. Das Buch lässt sich zwar angenehm lesen, es ist in kurze, knackige Kapitel unterteilt, kaum Ausschweifungen, aber insgesamt wirkt es sehr künstlich, was sich vor allem in den Dialogen zeigt. Die sind nämlich keine wirklichen Dialoge, sondern dienen hauptsächlich dazu, die Meinungen und Ideen der Autorin zu transportieren. Juli Zehs Sprachstil, der einfach eigen ist und den ich in ihren anderen Büchern aber sehr mochte, ist mir hier zu extrem. Die Protagonisten sind zu einem großen Teil keine wirklichen Menschen, sondern auch Ideenträger: Das Opfers des Systems (Mias Bruder), der Träger und Verteidiger des Systems (Kramer), der idealistische Anwalt (Rosentreter) und so weiter. Ein bisschen mehr Figurentiefe hätte der Geschichte für meinen Geschmack nicht geschadet.
Trotzdem ist “Corpus Delicti” ein Buch, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte. Auch wenn einem der Stil nicht zusagt, ist das Thema der Gesundheitsdiktatur doch zu interessant, um dieses Buch einfach zu übergehen, und Juli Zeh gelingt es, die möglichen Folgen des gegenwärtigen Trends eindringlich aufzuzeigen. Vielleicht – um auch einmal visionär zu sein
– ist das sogar eines der Bücher, von dem in einem Jahrhundert gesagt wird: Hier hat jemand versucht, uns zu warnen, aber die Botschaft hat uns nicht erreicht.
Zum Schluss noch ein Auszug aus dem Kapitel “Wie die Frage lautet”, ein Auszug aus Mias Pamphlet:
Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Version vom Normalkörper darstellen soll. [...] Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. [...] Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht.
