Tagebuch meiner Nachgefühle

20. August 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Denn wenn ich selbst ein Tagebuch führe, so bestehen Zweifel daran, ob sich dieses Tagebuch auf Ereignisse im eigentlichen Sinn bezieht. Die Ereignisse des Liebeslebens sind derart belanglos, dass sie sich nur mit enormer Anstrengung auf die Ebene des Schreibens heben lassen: man verliert den Mut, wenn man, sich selbst beschreibend, festhält, was nur die eigene Plattheit zu erkennen gibt: “Ich habe heute X… in Gesellschaft von Y… getroffen”, “Heute hat X… mich nicht angerufen”, “X… war schlechter Laune” usw.: wer vermöchte darin eine Geschichte zu erkennen? Das geringfügige Ereignis existiert nur durch seinen gewaltigen Nachklang: Tagebuch meiner Nachgefühle (meiner Verletzungen, meiner Freuden, meiner Deutungen, meiner Gründe, meiner Anwandlungen): wer verstünde etwas davon?

- Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe



Veronique Olmi – Meeresrand

20. August 2009 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

Ein Mutter macht sich mit ihren beiden Kindern auf eine Reise. Sie möchte, dass ihre Söhne einmal in ihrem Leben das Meer sehen. Aber was eine schöne, aufregende Zeit für die Familie werden soll, deren Alltag von den psychischen Problemen der Mutter geprägt ist, wird zu einem Versagen der Mutter an ihren Illusionen und ihrer Kraft.

Ein kurzes Buch (in meiner Ausgabe gerade mal 127 Seiten), aber in diesem Fall muss man wirklich sagen “Gott sei Dank ist es so kurz”. Nicht weil es so schlecht wäre, sondern weil es einem die Verzweiflung und Auswegslosigkeit der Protagonistin so nahe bringt, dass es schwer ist sich davon abzugrenzen. Die Geschichte wird in der ersten Person aus der Perspektive der namenlosen Mutter erzählt. Deren Gedanken, Ängste und Zweifel drängen sich dem Leser durch den Stil (sehr viel stream of consciousness) stark auf und man kann sich der wirklich unglaublich düsteren und tragischen Stimmung der Geschichte kaum entziehen.

Schon die Ankunft in der Stadt gestaltet sich als schwierig: Die Mutter ist überfordert, findet das Hotel nicht, es regnet. Die Unterkunft entpuppt sich dann als wenig einladend. Die Menschen in der Stadt werden als bedrohlich empfunden und auch das Meer zeigt, als sie es endlich mit ihren Kindern erreicht hat, nichts von seiner beruhigenden Schönheit, sondern wird zu einer weiteren Bedrohung. Auch ein Ausflug auf einen Vergnügungspark, ein letzter verzweifelter Versuch der Mutter so etwas wie Normalität herzustellen, wird zu einem deprimierenden Ereignis, so wie überhaupt jede Begegnung mit Menschen für sie eine Herausforderung ist, die nicht gemeistert werden kann.

Mich hat vor allem die Verzweiflung der Mutter sehr mitgenommen, ihre vielen Versuche, etwas Schönes für sich und ihre Kinder zu schaffen, Teil der “normalen” Welt zu werden und Dinge zu tun, die für andere selbstverständlich sind. Sie ist sich bewusst, dass sie als Mutter “versagt” hat, aber sie möchte es besser machen. Sie hat das Ideal einer perfekten Urlaubsreise vor sich – Sonne, Strand, blaues Meer, schönes Hotel, freundliche Menschen, Spaß etc. -, aber angefangen vom Wetter bis zu ihrem eigenen Unvermögen, sich von ihren Stimmungen und Gedanken zu befreien, stellt sich alles gegen sie. Ich habe mir mehrmals während des Lesens gedacht: Bitte mach dass zumindest etwas gut wird. Dass der Besuch im Café schön wird. Dass es zu regnen aufhört. Dass sie Spaß im Vergnügungspark haben. Einfach irgendwas, das diese Trostlosigkeit ein bisschen aufhebt.

“Meeresrand” ist ein wirklich erschütterndes Buch, dessen Ende man während des Lesens schon erahnt und trotzdem bis zum Schluss hofft, dass sich für die Protagonistin ein Ausweg finden lässt. Absolut empfehlenswert, aber vielleicht sollte man diese Geschichte nicht unbedingt an Tagen lesen, die sowieso schon düster oder traurig sind.



Longlist Deutscher Buchpreis

20. August 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 1 Kommentar

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2009 hat mir wieder einmal bewusst gemacht, wie wenig Bücher von zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren ich kenne (bzw. wie wenige Autoren überhaupt ich kenne – von der ganzen Liste sagen mir gerade mal 5 Namen was!). Die Anfänge der Romane werden bei Libreka als Leseproben angeboten.

Und ohne die Longlist hätte ich wohl auch erst wieder irgendwann in ferner Zukunft erfahren dass Thomas Glavinic und Wolf Haas, die ich beide sehr gerne lese, wieder neue Bücher herausgebracht haben bzw. bringen werden…



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