Deinen Namen
19. December 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren
Ich lass deinen Namen auf meinen Rücken schreiben
Er soll bleiben
Mit dir im Rücken brauch ich nicht an Angst und Schrecken leiden
Xavier Naidoo, Ich brauche dich
Sag, in was schneide ich deinen Namen?
In mich und in mich und immer tiefer in mich.
Erich Fried, Inschrift
Unfinished Story
19. December 2009 - Kategorie: Kunst | Kommentieren

“Unfinished Story II” | ©Rafal Olbinski
Moos auf seiner Haut
15. December 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren
Und Cyparis, der sein Gespann durch mehr Städte und durch die Hochmoore und Einöden tiefer in die Fremde geführt hatte, als sich ein Erzkocher in Tomi auch nur vorzustellen vermochte, sehnte sich dann nach der Tiefe der Erde und gleichzeitig nach der Höhe der Wolken, nach einem unverrückbaren Ort unter einem unverrückbaren Himmel. Manchmal schlief er während der Vorführung über solchen Sehnsüchten ein und träumte von Bäumen, von Zedern, Pappeln, Zypressen, träumte, dass er Moos auf seiner harten, rissigen Haut trug. Dann sprangen ihm an den Füßen die Nägel auf, und aus seinen krummen Beinen krochen Wurzeln, die rasch stark wurden und zäh und ihm tiefer und tiefer mit seinem Ort zu verbinden begannen. Schützend lebten sich die Ringe seiner Jahre um sein Herz. Er wuchs.
Und wenn Cyparis dann, vom Klingen einer leergelaufenen Spule oder vom Schlagen eines gerissenen Zelluloidstreifens geweckt, hochfuhr, spürte er in seinen Gliedern noch das feine Knirschen von Holz, die letzte, leichte Erschütterung eines Baumes, in dessen Krone sich ein Windstoß gefangen und besänftigt hatte. In diesen wirren Augenblicken des Erwachens, in denen er an seinen Füßen noch den Trost und die Kühle der Erde empfand und mit seinen Händen doch schon nach Spulen, Flügelmuttern und Lichtern griff, war Cyparis, der Liliputaner, glücklich.
- Christoph Ransmayr: Die letzte Welt
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt
13. December 2009 - Kategorie: Lyrik | 1 Kommentar
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.

Thomas Bernhards Todesdruck
12. December 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | Kommentieren
Ein kurzes Video in dem Thomas Bernhard über den Tod und die Literatur spricht:
Neuzugänge im Dezember
11. December 2009 - Kategorie: Neuzugänge | Kommentieren
Da wäre einmal der Magritte-Bildband, dem ich natürlich nicht widerstehen konnte, und gerade eben habe ich noch drei Bücher bestellt:

Stewart O’Nan: alle, alle lieben dich
Ein Buch auf das ich schon vor längerem durch eine Radiosendung aufmerksam geworden bin. O’Nan wollte ich immer schon mal lesen, zählt er doch zu den bekanntesten amerikanischen Gegenwartsautoren; außerdem finde ich das Thema des Romans (ein junge Mädchen verschwindet spurlos und der Umgang der Familie etc. mit dieser Tragödie) ansprechend.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut
Wieso bekomme ich nie etwas davon mit wenn meine Lieblingsautoren neue Bücher herausbringen? Rein zufällig bin ich auf Atwoods neuesten Roman (erschienen im Oktober) gestoßen. Wie “Oryx und Crake” ist auch “Das Jahr der Flut” eine Dystopie, also bestimmt wieder ein Buch ganz nach meinem Geschmack (außerdem finde ich das Cover genial).

Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten
Eine spontane Entscheidung. “Alles was wir geben mussten” hat mich zwar nicht so sehr beeindruckt, aber diese Geschichte, in der angeblich Realität und Traum verschwimmen, klingt interessant.
Normalerweise kaufe ich keine Hardcover, sondern warte immer brav auf die Taschenbuchausgabe (sowohl aus Kosten- als auch aus Platzgründen), aber bei O’Nan und Atwood konnte ich jetzt einfach nicht widerstehen
Neuentdeckung: Thomas Bernhard
10. December 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | Kommentieren
Thomas Bernhard stand bei mir bisher immer auf der selben Stufe wie Peter Handke: Schwer lesbare, nicht begreifbare und langweilige Autoren. Ein ziemlich pauschales Urteil, ich weiß, vor allem weil ich von Bernhard noch nicht mal eine Zeile gelesen hatte. An Handke habe ich mich vor langer Zeit mal versucht, und zwar an “In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus”. Das Buch hatte ich mir gekauft weil ich den Titel interessant fand, ich bin aber nie über die ersten paar Seiten hinausgekommen. Bernhard hingegen war mir immer irgendwie suspekt, so sehr dass ich ihn nicht mal ausprobieren wollte. Aber zum Glück gibt es ja Menschen deren Literaturgeschmack dem eigenen sehr nahe ist, und wenn so jemand begeistert von Thomas Bernhard erzählt wird man neugierig.
Ich habe mich also an seinen Erzählungen versucht und schon die erste, “Die Mütze”, hat mich sehr beeindruckt. Nicht leicht zu lesen wegen den langen Sätzen und den vielen Wiederholungen, aber gerade das macht dann irgendwie den Reiz aus. Auch die nächsten beiden Erzählungen (”An der Baumgrenze” und “Zwei Erzieher”) haben mir gefallen und schließlich habe ich das ganze Buch gelesen.
In allen Geschichten steckt etwas Zwanghaftes, auf zwei Ebenen, einmal die zwanghafte Beschäftigung mit einem Gegenstand oder einer Sache innerhalb der Geschichte und dann die Sprache in der die Geschichte erzählt wird, die durch ihre vielen Wiederholungen ebenso zwanghaft wirkt. Und, und das ist der Hauptgrund warum ich Bernhard jetzt doch so gerne mag, es gibt Parallelen zu Kafka. Erstens einmal die Symbolik, das Gefühl des “Großen Ungesagten”, und vor allem das Motiv der Bedrängnis bzw. des Unerreichbaren. Bei Kafka ist es meistens etwas das von Außen kommt: Das unerreichbare Schloss in “Das Schloss”, dessen Zutritt dem Protagonisten durch undurchschaubare bürokratische Prozesse verwehrt wird; die Verurteilung durch den Vater in “Das Urteil” usw., während bei Bernhard in den Erzählungen die ich bisher gelesen habe die Bedrängnis von innen kommt, zum Beispiel die Schlaflosigkeit des Erziehers in “Zwei Erzieher” oder die unerträglichen Zustände in “Die Mütze”, die den Ich-Erzähler jeden Abend aus dem Haus treiben.
Auch ähnlich ist die Ratlosigkeit, die sowohl Kafka als auch Bernhard in mir hinterlassen. Ich lese eine Erzählung und frage mich danach, was mir damit gesagt hat werden sollen und habe gleichzeitig das Gefühl, dass sehr viel gesagt wurde, es für mich aber nicht wirklich greifbar ist. Es ist aber eine interessante Ratlosigkeit, die keine wirklichen Lücken hinterlässt. Vor allem die Erzählung “Die Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns” ist in dieser Hinsicht sehr interessant: Der Ich-Erzähler erzählt von der wirklich schrecklichen Kindheit seines Wohn- und Studienkollegen, von der Ablehnung seiner Eltern und Geschwister und den Grausamkeiten der Familienmitglieder ihm gegenüber. Am Ende der Geschichte wacht er in der Nacht auf:
Als ich wach wurde, kurz vor zwei durch ein Geräusch, denn Georg hatte sich völlig ruhig verhalten, wohl aus dem einen Grund schon, mich unter keinen Umständen aufzuwecken (und jetzt weiß ich, wie qualvoll das für ihn gewesen sein muß), habe ich die entsetzliche Entdeckung gemacht, die Georgs Eltern jetzt als Verbrechen ihres Sohnes gegen sich selbst und als Verbrechen an seiner Familie bezeichnen. Schon um zehn des nächsten Vormittags war Georgs Vater aus Innsbruck in Wien angekommen und hatte von mir Aufklärung über den Vorfall verlangt. Als ich aus der Klinik, in welche Georg gebracht worden war, zurückgekommen war, befand sich Georgs Vater schon in unserem Zimmer [...]
Man erfährt nicht was genau in dieser Nacht passiert ist, was das “Verbrechen” ist, das Georg begangen hat. Aber gerade die Tatsache dass dieser Sachverhalt nicht aufgeklärt wird, macht die Geschichte so reizvoll. Interessant an dieser Erzählung sind auch die Parallelen zu Kafkas “Das Urteil”: die Namensgleichheit des Sohnes, und eben die Verurteilung durch die Familie bzw. den Vater.
Ob ich mich in nächster Zeit auch an die Romane von Thomas Bernhard wagen werde weiß ich noch nicht, weil mir trotz aller Faszination das Lesen wegen der nicht einfachen Sprache schwer fällt und ich nicht weiß ob ich das einen ganzen Roman lang durchhalten kann. Aber die Erzählungen sind wirklich kleine Schätze, bei denen es sich lohnt sich auf sie einzulassen.
Der Vorhang der Bühne
10. December 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren
Während mir vor die düstere Szenerie meiner Kinderzeit immer wieder Gestalten, die durchaus als lustig, ja gar als übermütig erkennbar sind, liefen, geschah meinem Freund so etwas nie; es seien ihm immer furchteinflößende Geschehnisse sichtbar gewesen, wenn er in die Vergangenheit schaute, und was da gespielt worden sei und noch gespielt werde, sei noch furchteinflößender; er wolle deshalb, sagte er immer wieder, so wenig oft wie möglich in die Vergangenheit, die wie die Gegenwart und die Zukunft sei, die Gegenwart und Zukunft sei, schauen, überhaupt nicht schauen; aber das ging nicht; eine riesige eiskalte Bühne war seine Kindheit, war seine Jugend, war sein ganzes Leben gewesen, nur dazu da, um ihn zu erschrecken, und die Hauptrollen auf dieser Bühne spielten immer nur seine Eltern und seine Schwestern; sie erfanden immer wieder etwas Neues, das ihn verstören mußte. Manchmal weinte er, und wenn ich ihn fragte, warum, dann antwortete er: weil er den Vorhang der Bühne nicht zuziehen könne; er sei zu kraftlos dazu; immer weniger oft könne er den Vorhang der Bühne zuziehen, er fürchte sich davor, ihn eines Tages überhaupt nicht mehr zuziehen zu können; wo er hingehe, wo er sich befinde, in welchem Zustand immer, er müsse sein Schauspiel anschauen; die fürchterlichsten Szenen spielten immer wieder in seinem Innsbrucker Elternhaus, in dem Kaufmannshaus; Vater und Mutter als Triebkräfte seiner tödlichen Szenerie, er sehe und höre sie immer.
- Thomas Bernhard: Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns
