Colum McCann
26. January 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 8 Kommentare
Gerade entdeckt: Ein Interview der Zeit Online mit dem irischen Schriftsteller Colum McCann. Ich habe von ihm vor einiger Zeit “Der Tänzer” gelesen, ein Roman über den russischen Balletttänzer Rudolf Nurejew, der mir sehr gut gefallen hat, vor allem weil darin die Erzählperspektive oft gewechselt wird: Ein Teil der Geschichte wird aus Nurejews Sicht geschildert, andere Teile aus Sicht seiner Freunde oder Bekannten, zwischendurch gibt es kurze Abrisse über Personen, deren Leben er gestreift hat. Das Buch hat dadurch etwas skizzenhaftes, dokumentarisches an sich, was es sehr authentisch wirken lässt (ich war in Versuchung, alles für wahr zu halten, obwohl schon am Anfang steht, dass es fiktiv ist).
Ich finde es übrigens immer wieder amüsant, wie sehr meine Vorstellungen, die ich von manchen Autoren (vor allem bezüglich Alter und Aussehen) habe, von der Realität abweichen: McCann hätte ich mir viel älter und einfach ganz anders vorgestellt. Es gibt ja von Diogenes so ein Autorenalbum, mit Fotos und Kurzbiographien von mehr als 200 Autoren, und da war ich öfter mal sehr verwundert darüber, wie anders ich mir die Leute vorgestellt hätte…
Dazu fällt mir noch ein, dass ich, als ich “Dracula” gelesen hatte, fest davon überzeugt war dass Bram Stoker eine Frau ist. Weil ja alle diese Vampirgeschichten immer von Frauen sind und ich der Meinung war, dass auch die allererste nur von einer Frau stammen konnte. Und ich war auch sehr lange in dem Glauben, dass George Sand ein Engländer ist. “Dschordsch Sänd” hab ich immer fröhlich gedacht (Gott sei Dank nie gesagt), bis ich dann eines Tages eines besseren belehrt wurde – ein schöner Schock: Kein Engländer und vor allem: kein Mann!
Wikinger meiner Träume
24. January 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 7 Kommentare
Eine Rezension von Maren hat mich daran erinnert, dass ich schon immer mal so einen richtig typischen Nackenbeißer lesen wollte – und jetzt hab ich ihn endlich: Den Wikinger meiner Träume! Ich habe schon ein bisschen in dem Buch geblättert: Von heißer Sehnsucht über dramatische Beinahe-Todes-Szenen bis hin zu schimmernden Tränen in den Augen des Wikingers angesichts der Liebesschwüre seiner schönen Rothaarigen ist alles dabei, was ein mehr als aufregendes Lesevergnügen verspricht ![]()
Maren hat sich auch einen Nackenbeißer gekauft und wir werden unsere Errungenschaften gleichzeitig lesen – geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid!
Maren: Ready when you are
Brücke dreht sich um!
17. January 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 7 Kommentare
Die Brücke
Franz Kafka
Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. So lag ich und wartete; ich mußte warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein. Einmal gegen Abend war es, war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land. Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.
Ich lese gerade die Erzählungen von Kafka und das ist bisher eine meiner liebsten. Und ich muss jedes Mal lachen, wenn ich diesen Satz lese: Brücke dreht sich um!
Als wäre die Brücke selbst erstaunt darüber, dass sie so etwas Dummes tut
Zu dieser Geschichte habe ich eine Interpretation in der Google-Buchsuche gefunden, die mich ernsthaft fragen lässt, ob es wirklich nötig ist, jeden Satz so dermaßen zu zerpflücken. Nichts gegen ein bisschen Textanalyse, aber man kann es finde ich auch übertreiben:
Eine Durchbrechung der Desorientierung wird durch ein Ereignis (”Einmal gegen Abend war es” Z. 10), welches im zweiten Satz fortgeführt und durch diese Wiederaufnahme betont wird, erreicht. Der zweite Satz (Z. 12f) hat eine ähnliche Struktur wie der erste. Nach dem Ereignis – Ansatz (diesmal erweitert um die Angabe “im Sommer” (Z. 12/13) schiebt sich ein Haupsatz als verzögernde Paranthese ein (”dunkler rauschter der Bach” Z. 13). Die zweite Wiederaufnahme “da” (Z. 13) leitet das zentrale Erlebnis ein (”hörte ich einen Mannesschritt!” Z. 13/14). Daraufhin wird eine Kette erregter Selbst – Appelle ausgelöst, die euphorisch die erwartete und ersehnte Begegnung vorwegnehmen. Das Gefühl der Ohnmacht, Sinnlosigkeit und Fixiertheit wird von einem überzogenen Selbstbewusstsein (”wie ein Berggott” Z. 17) verdrängt.
Und so weiter. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das interessant oder erschreckend finden soll
Lesevorsätze
15. January 2009 - Kategorie: Allgemein | Kommentieren
Ich hab’s sonst nicht so mit Vorsätzen, aber es gibt ein paar Bücher, die ich heuer – aus den verschiedensten Gründen – wirklich gerne lesen würde:
• Lewis Carroll: Alice im Wunderland
• Cormac McCarthy: Die Border-Trilogie
• Stephen King: Sunset
• Mary Shelley: Frankenstein
• Susanne Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norell
• E. M. Forster: Wiedersehen in Howards End und Zimmer mit Aussicht
• Joyce Carol Oates: Zombie
• Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
• Siegfried Lenz: Schweigeminute
• Marina Zwetajewa: Poem vom Ende / Neujahrsbrief
• Ralph Waldo Emerson: Essays
• Vladimir Nabokov: Pnin
• Georg Heym: Gedichte
Ende des Jahres werde ich ja dann sehen, was ich tatsächlich gelesen habe
Endlich…
14. January 2009 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 1 Kommentar
… mal wieder gute Fantasy! Seit vorgestern lese ich Clive Barkers “Abarat” und bin richtig begeistert. Und ich dachte schon, dass es außer Harry Potter und der Otherland-Reihe von Tad Williams nichts mehr in diesem Genre gibt, was mich wirklich fesseln kann. Ralf Isau fand ich so lala, von Philip Pullmans “Der goldene Kompass” hatte ich mir auch viel mehr erwartet und “Tintenherz” hatte ich vor ein paar Tagen begonnen, nach ca. 100 Seiten aber abgebrochen, weil mir a) Meggie, b) die übertriebene Bücherverehrung (obwohl ich nie gedacht hätte, dass ich das mal sagen würde
) und c) der schlechte Schreibstil ziemlich auf die Nerven gegangen sind. Dann dachte ich: Okay, schlimmer kann’s nicht werden und habe zu “Abarat” gegriffen. Und war ziemlich schnell ziemlich begeistert.
Endlich mal neue Ideen, neue Wesen (keine Elfen, Orks, Vampire etc., Zauberer schon, aber die mag ich ja), eine tolle Welt, eine sympathische Heldin. Und recht düster, aber Clive Barker ist ja auch vor allem für seine Horrorbücher bekannt. Mittlerweile bin ich mit dem Buch schon fast durch und sehr erleichtert, dass es den zweiten Teil (fünf insgesamt sind geplant) schon auf Deutsch gibt. Den werd ich mir dann auch bald mal besorgen, damit ich nicht zu lange warten muss um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht
Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen
12. January 2009 - Kategorie: Rezension | 7 Kommentare

Philip Perlmann, ein angesehener Sprachwissenschaftler, trifft sich in einem Hotel mit anderen Wissenschaftlern zu einer mehrwöchigen Fachtagung. Was keiner seiner Kollegen ahnt: Er hat nichts mehr zu sagen, zweifelt an seinen Fähigkeiten und hat den Glauben an die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Tätigkeiten verloren. Er, der die Tagung leiten soll, hat keinen Beitrag vorbereitet und schafft es auch in den ersten Wochen nicht, etwas zu schreiben – stattdessen vertieft er sich in die Übersetzung eines russischen Manuskriptes und verstrickt sich in Lügen. Als der Termin für seinen Vortrag immer näher rückt, zieht sich auch die Schlinge, die er sich durch sein Schweigen selbst geknüpft hat, immer enger zusammen, und Perlmann gerät in eine scheinbar auswegslose Situation.
Die Geschichte ist im Grunde eine Charakterstudie und ich habe noch nie ein Buch gelesen, dass so authentisch und wahr ist was den psychologischen und emotionalen Inhalt betrifft. Man könnte den eigentlichen Inhalt so zusammenfassen: Hier wird aufgezeigt, was passieren kann, wenn man versucht, Erwartungen zu entsprechen, denen man – aus welchen Gründen auch immer – einfach nicht entsprechen kann. Wie sehr man sich selbst in etwas verstricken kann, wenn man schweigt und versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten – und wie weit man zu gehen bereit ist, um sie aufrecht zu erhalten.
Und all das erzählt Pascal Mercier so authentisch, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Außerdem ist das Buch unglaublich spannend, aber es ist nicht die typische Krimi/Thriller-Spannung, die meistens doch eher oberflächlich bleibt, sondern eine, die viel tiefer geht und die ich in dieser Art noch nie so erlebt habe. Ich war beim Lesen so emotional involviert in die Geschichte, dass ich zwischendurch aufhören und mir bewusst machen musste, dass das alles nicht echt passiert, dass ich aufatmen und mich entspannen kann, dass das nicht meine Geschichte ist. Man kann einfach nicht anders als mitleiden und jedes Mal hoffen, dass es Perlmann auch diesmal gelingt, sein Versagen (und alles andere was passiert, was ich aber natürlich nicht verraten möchte) zu verbergen und die anderen ein weiteres Mal zu täuschen.
Den Großteil des Buches machen die Gedanken und Überlegungen Philip Perlmanns aus, die Rahmenhandlung wird sehr detailliert geschildert. Das klingt jetzt vielleicht nach viel Langeweile, aber ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, außerdem halte ich es für einen tollen Kunstgriff, denn die zwanghafte Wiederholung von Gedanken und die Fokussierung auf äußere Details sind in so einer Situation normal, was das Buch auch zu einem guten Beispiel dafür macht, wie man den Sprachstil zur Vermittlung des Geschehens einsetzen kann.
Ganz allmählich begann er zu ahnen, dass er jahrzehntelang mit einem Irrtum gelebt hatte. Es war gar nicht wahr, dass Abgrenzung hieß, sich abzuschirmen und einzumauern wie in einer inneren Festung. Worauf es ankam, war etwas ganz anderes: dass man, wenn die anderen es erfuhren, furchtlos und ruhig zu dem stand, was man im Innersten war.
Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, bin ich erstmal 20 Minuten lang wie betäubt dagesessen, weil mich die Geschichte ziemlich erschüttert hat. Das Tragische am Ende ist nämlich: Die Erkenntnis über den jahrzehntelangen Irrtum ist zu spät gekommen, weil das, wozu ihn sein Schweigen beinahe geführt hätte, alles verändert hat; weil er eine Grenze überschritten hat, nach der man nicht mehr einfach so weitermachen kann wie bisher. Und was mich ganz besonders beeindruckt: Dass Pascal Mercier es schafft, diese eigentlich unvorstellbare Verstrickung so plausibel zu machen, dass sich (ich kann es mir nicht anders vorstellen) jeder am Ende denken muss: Das könnte mir auch passieren.
Langer Rede kurzer Sinn: Eines der besten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und ich freue mich jetzt auch schon sehr auf “Der Klavierstimmer” (”Nachtzug nach Lissabon” und “Lea” hab ich schon gelesen, die fand ich beide auch gut, aber lange nicht so brillant wie den Perlmann).
Maiden Voyage
11. January 2009 - Kategorie: Kunst | Kommentieren

“Maiden Voyage” | ©Bo Bartlett
Leserückblick 2008
6. January 2009 - Kategorie: Leserrückblick | 4 Kommentare
Zuerst einmal die Zahlen:
111 gelesene Bücher, das sind 0,3 Bücher pro Tag bzw. 9,3 Bücher pro Monat. Am meisten habe ich im Jänner gelesen (15 Bücher), am wenigsten im Oktober (ein Buch). Insgesamt waren es 42.886 Seiten, was 117,5 Seiten pro Tag ausmacht.
Genremäßig war die Verteilung wie erwartet: Der Großteil aus dem Bereich “Allgemeine Belletristik” (35 %, 39 Bücher), auf Platz 2 “Krimi & Thriller” (17 %, 19 Bücher) und den dritten Platz machten heuer die Klassiker (9 %, 10 Bücher). Der Rest verteilt sich auf Erzählungen, Fantasy, Tagebücher & Briefe, Horror & Mystery, Kinder- und Jugenbücher, Science Fiction etc., um mal die häufigsten zu nennen.
Was die Lesesprache betrifft, ist das Ergebnis mehr als enttäuschend: Trotz des Vorsatzes, in diesem Jahr mehr englische Lektüre zu lesen, habe ich es nur auf ein englischsprachiges Buch geschafft. Die Verteilung der Originalsprache war wie erwartet: Mehr als Hälfte Englisch, jeweils 23 % Deutsch und “Anderes” (was hauptsächlich Schwedisch ist).
24 % der Bücher hatte ich zum zweiten (oder dritten, oder vierten, oder fünften) Mal gelesen, 76 % waren neu, und ziemlich genau so hatte ich mir das auch vorgenommen gehabt.
Erworben habe ich 90 Bücher, davon waren 13 Stück geschenkt oder gewonnen. Durchschnittlich habe ich 6,78 € für ein Buch ausgegeben, pro Tag 1,36 € für Bücher. Ob ich das viel finde oder nicht, muss ich mir erst noch überlegen
Ende 2007 betrug der Stand meiner Bücherwunschliste 338 Bücher, jetzt sind es 403 Stück. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich trotz strenger Vorsätze viel mehr Bücher spontan gekauft habe (70 %).
Und ja, ich liebe Statistiken
Und jetzt ein bisschen was Allgemeines:
Insgesamt gesehen war 2008 ein sehr schönes und interessantes Lesejahr. Es waren wenige Enttäuschungen dabei, dafür aber viele Highlights.
Besondere Leseerlebnisse waren: die ersten zwei Bände der Kafka-Tagebücher, die Briefe von Marina Zwetajewa, die Larsson-Trilogie und die Entdeckung neuer Lieblingsautoren wie H. G. Wells, E. M. Forster und Cormac McCarthy, dessen “Grenzgänger” unangefochten das beste Buch des Jahres war. Ganz besonders ist mir auch Wajdi Mouawads “Verbrennungen” im Gedächtnis geblieben, das erste Theaterstück, das ich seit ewiger Zeit gelesen hatte und eine unglaublich tragische und fantastisch umgesetzte Geschichte. Und sehr positiv überrascht war ich auch von Henning Mankells “Die italienischen Schuhe”, da ich von ihm bisher nur die Wallander-Krimis kannte.
Sehr enttäuschend waren:
• Alessandro Baricco: Ohne Blut (andere Bücher von ihm liebe ich, das fand ich einfach nur langweilig)
• Michel Faber: Die Unvollendete (ein komplett sinnloses Buch, enttäuschend deshalb, weil ich von “Das karmesinrote Blütenblatt” so begeistert war)
• Mo Hayder: Der Vogelmann (weil “Tokio” eines der besten Bücher der letzten Jahre war und ich mir einfach mehr erwartet hätte)
• Tom Rob Smith: Kind 44 (weil zu hollywoodmäßig und großartiges Thema einfach nicht angemessen umgesetzt)
• Isabelle Holland: Der Mann ohne Gesicht (weil der Film einer der besten der Welt ist und ich immer noch nicht ganz glauben kann, dass die literarische Vorlage so dermaßen schlecht ist)
Als lustigstes Buch habe ich übrigens – neben den Kehlmanns – Thomas Glavinics “Das bin doch ich” in Erinnerung behalten. Ich musste selten so viel lachen wie bei dieser Geschichte, weil sie einfach so wunderbar selbstironisch ist. Und weil wir schon dabei sind: Am traurigsten/erschütterndsten/berührendsten waren McCarthys “Grenzgänger”, “Verbrennungen” von Mouawad, Doris Lessings “Das fünfte Kind”, Stephen Kings “Love” und die Kurzgeschichte “Die Frau des Studenten” von Raymond Carver.
Liebster Buch-Charakter des Jahres: Lisey aus Stephen Kings “Love”. Weil sie einfach nur liebenswert ist, liebenswert und tapfer. Und die ungeliebteste Figur war der Missionar in einer Kurzgeschichte von W. Somerset Maugham, deren Titel mir entfallen ist, aber ich war selten so aufgebracht beim Lesen einer Geschichte (und bin es auch jetzt immer noch, wenn ich daran denke). Und die liebe Emma aus Jane Austens gleichnamigem Roman fand ich auch recht anstrengend.
Jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass auch 2009 ein ebenso gutes Lesejahr wird – und dass ich meine Vorsätze (Wunschliste abbauen & mehr englische Bücher lesen) ein bisschen besser einhalten werde, aber wie das immer so ist mit guten Vorsätzen…
Unser Lehrsatz
3. January 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren
Unser Lehrsatz vom Kampf gegen das Böse, der nie, unter keinen Umständen und unter keinen Verhältnissen aufgegeben werden darf, stimmt im luftleeren Raum oder, was dasselbe ist, auf dem Schreibtisch; aber nicht auf dem Planeten, auf dem wir durch das Weltall rasen wie Hexen auf einem Besen.
- Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht
Leserückblick Dezember
3. January 2009 - Kategorie: Leserrückblick | Kommentieren

Zeruya Shalev: Liebesleben
Rezension

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
Auf dieses Buch war ich schon sehr lange sehr neugierig. Ich hatte ja die Befürchtung, dass es mich enttäuschen wird, aber es hat mir ausgesprochen gut gefallen. Gut und interessant erzählt, toller Humor, der genau meinen Geschmack trifft. Sehr interessant fand ich auch den Sprachstil: Nur indirekte Rede, sehr viel Konjunktiv. Hätte man mir das vorher gesagt, hätte ich wohl gedacht, dass das nur schlecht lesbar ist, aber gerade das hat das Buch irgendwie so einzigartig gemacht.

Georges Simenon: Bellas Tod
Mein erster Simenon und bestimmt nicht mein letzter. Ein Mann wird angeklagt, eine in seinem Haus wohnende junge Frau getötet zu haben. Mit viel psychologischer Raffinesse erzählt Simenon die Geschichte dieses Mannes und von den Folgen der Anklage. Interessant war die Geschichte vor allem auch dadurch, dass wirklich nur aus der Sicht des Mannes erzählt wurde, der Leser also immer auf dem gleichen Wissenstand und deshalb immer mit derselben Unsicherheit konfrontiert war. Dazu ein brillantes Ende, das ich hier natürlich nicht verraten werde

Daniel Kehlmann: Unter der Sonne
Auch die Kurzgeschichten von Herrn Kehlmann haben mir gut gefallen. Sehr authentisch und aus dem Leben gegriffen, sprachlich schön klar und ohne die üblichen Sprachexperimente und Spielereien, die man sonst leider oft in den modernen Kurzgeschichten findet (und die den Text meistens ungenießbar machen). Im Gedächtnis geblieben sind mir vor allem die Geschichten “Töten” (ein heißer, erdrückender Sommertag, ein Jugendlicher, der aus Langeweile bzw. Abgestumpftheit zum Verbrecher wird) und die erste Geschichte, deren Titel mir gerade nicht einfällt, in der ein einfacher Angestellter unerwarteterweise plötzlich zu sehr viel Geld kommt.

Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski
Auch sehr guter Humor, vor allem anfangs. Der Ich-Erzähler Sebastian Zöllner, ein Kunstkritiker, ist eine lustige Figur, absolut von sich überzeugt und nicht in der Lage zu bemerken, dass er nicht einmal halb so gut ankommt wie er sich das einbildet. Diesen Menschentypus des sich selbst für den Nabel der Welt haltenden Narzissten hat Kehlmann wirklich wunderbar karikiert. Ich fand das Buch aber nicht so gut wie “Die Vermessung der Welt”, weil es gegen Ende hin etwas abflachte und mich die Geschichte um Zöllner und Kaminiski nicht mehr so sehr interessierte.

H. G. Wells: Der Unsichtbare
Wie auch in “Die Insel des Dr. Moreau” und “Die Zeitmaschine” gelingt es Wells vortrefflich, die negativen Aspekte einer auf den ersten Blick verlockenden Idee punktgenau aufzuzeigen. Wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, wie es wäre, sich ungesehen in der Welt bewegen zu können? Und wer denkt schon an die Folgen, die eine Verwirklichung dieser Vorstellung haben würde? An die Isolation innerhalb der Gesellschaft, die alle Vorteile zunichte macht?

Stephen King: Cujo
Das Buch hatte ich vor mehr als zehn Jahren schon einmal gelesen, habe aber das Ende, das mich sehr getroffen hat, vergessen (oder, eher wahrscheinlich, verdrängt). Stephen King zu lesen ist immer ein bisschen wie nachhause kommen, weil alles so vertraut ist: Liebenswerte Charaktere, hassenswerte Charaktere, spannende und mitreißend erzählte Geschichte.

John Irving: Die vierte Hand
Vor drei Jahren habe ich mich zum ersten Mal an dem Buch versucht, damals hab ich es aber abgebrochen. Diesmal habe ich durchgehalten. Ein typischer Irving zwar, aber kein Vergleich mit meinen Lieblingen von ihm, insgesamt also eher enttäuschend. Ich kann gar nicht genau sagen, was mir gefehlt hat, vielleicht dass die Geschichte zu oberflächlich blieb.

Raymond Carver: Würdest du bitte endlich still sein, bitte
Mit Kurzgeschichten tu ich mir oft schwer. Auch hier hatte ich lange das Gefühl, dass das nichts für mich ist, und das obwohl die Geschichten wirklich gut sind, sowohl sprachlich als auch inhaltlich (auch wenn ich sie inhaltlich nicht recht verstanden hatte). Aber mir fehlte immer ein richtiges Ende, weil eine Geschichte für mich einfach einen Anfang und ein Ende haben muss. Carvers Geschichten sind dagegen wie Schnappschüsse aus den Leben seiner Protagonisten, und als ich das endlich begriffen hatte, konnte ich sie ganz anders lesen und einfach als das nehmen, was sie sind. Zwei Geschichten sind mir besonders im Gedächtnis geblieben, und von diesen beiden hat mich vor allem “Die Frau des Studenten” sehr berührt.

Henning Mankell: Die weiße Löwin
Zum dritten oder vierten Mal gelesen, immer wieder spannend, immer wieder gut. Hier gefällt mir besonders gut die politische Komponente (die Verhältnisse in Südafrika).

Hakan Nesser: Die Fliege und die Ewigkeit
Der schlechteste Nesser bisher. Zwar der gewohnte, vielgeliebte nüchtern-klare Erzählstil, aber die Geschichte selbst fand ich diesmal nicht so toll. Erstens fand ich das Motiv für die Tat etwas weit hergeholt, zweitens gab es einen kleinen Nebenplot, den ich einfach nicht verstanden habe und wo ich mich jetzt noch frage, was das eigentlich sollte.
