Nachtrag zum “Kameramörder”
25. July 2010 - Kategorie: Literarisches Allerlei | Kommentieren
Was mir jetzt im Nachhinein noch zu dem Buch eingefallen ist: Ich als Autor hätte bei der Schilderung so eines Verbrechens ja Angst, dass irgendjemand das nachmacht, so wie bei dem Film “American History X” diese schreckliche Bordstein-Szene ja auch angeblich eine Gruppe Neonazis in Deutschland inspiriert hat. Und das Verbrechen, das Glavinic da schildert, ist an psychologischer Grausamkeit ja wirklich kaum zu überbieten. Natürlich könnte der Autor nicht für eine Nachahmungstat verantwortlich gemacht werden (zumindest nicht von einem rein objektiven Standpunkt aus), aber ich würde wirklich nicht in Glavinics Haut stecken wollen, wenn einer dieses Verbrechen nachahmt und dann angibt, er sei von “Der Kameramörder” inspiriert worden.
Klar, die ganzen amerikanischen Serientäter-Thriller sparen auch nicht gerade an Details und könnten inspiriernd wirken, aber die scheinen mir alle relativ ähnlich zu sein und basieren ja auch teilweise auf realen Verbrechen – gerade über Serientäter gibt es ja Unmengen an Berichten, Dokumentation usw. Aber das was Glavinic da erzählt ist irgendwie wirklich so “neu”, dass ich als Autor das Risiko nicht hätte eingehen wollen… oder wie seht ihr das, das würde mich wirklich interessieren!
Edit: So, jetzt hab ich gerade auch noch entdeckt, dass das Buch verfilmt worden ist. Und ich wusste beim Lesen der Inhaltsangabe echt nicht, ob ich lachen oder weinen soll, weil das Ganze mit der ursprünglichen Handlung wirklich nicht mehr viel zu tun hat. Alles ist verdreht, und vom eigentlich Thema bleibt, soweit man das vom Trailer her sagen kann, nicht mehr viel übrig. Stattdessen wird, wie so gerne in Film und Fernsehen, der Fokus auf die “Beziehungen der Protagonisten untereinander” gelegt. Schon möglich (und ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich), dass das ein spannender und ansprechender Film ist, aber das eigentliche Wesen des Romans fängt dieser Film bestimmt nicht ein – wenn das denn überhaupt möglich wäre.
Musik in Büchern
18. July 2010 - Kategorie: Literarisches Allerlei | Kommentieren
Ich mag es, wenn in Büchern von bestimmten Musikstücken die Rede ist. Hier habe ich schon einmal ein Beispiel dazu gebracht. Jetzt höre ich gerade Bob Marleys “Coming In From The Cold“. In Michael Ondaatjes Buch “Anils Geist” tanzt Anil, eine forensische Archäologin, zu diesem Lied im Hof einer verlassenen Villa irgendwo in Sri Lanka. Der Hof ist ihre Arbeitsstätte; hier untersucht sie das Skelett eines unidentifizierten Mordopfers. Die Untersuchung läuft im Geheimen ab, da der Mann vermutlich im Auftrag der Regierung ermordet wurde. Sie wird von Sarath, einem Archäologen, und Ananda begleitet. Ananda ist ein ehemaliger Künstler, einer der wenigen, die die Augen einer Buddha-Statue bemalen und sie dadurch zum Leben bringen konnte. Er hilft Anil und Sarath bei der Identifizierung des Opfers. Sarath beobachtet Anils Tanz:
Ein Tuch, das sie eng um den Kopf geschlungen hat, hält die Kopfhörer fest. Sie braucht die Musik als Antrieb, um Extreme und Anmut zu finden. Sie braucht Anmut, und sie erlangt sie hier nur an solchen Morgen oder nach einem spätnachmittäglichen Wolkenbruch – wenn die Luft leicht und kühl ist und zugleich die Gefahr besteht, dass man auf den nassen Blättern ausrutscht. Ihr ist zumute, als könne sie wie ein Pfeil aus dem eigenen Körper hinausschnellen.
Sarath sieht ihr vom Esszimmerfenster aus zu. Er beobachtet einen Menschen, den er noch nie gesehen hat. Eine Wahnsinnige, eine Druidin im Mondlicht, eine Lichtschnuppe. Das ist nicht die Anil, die er kennt. Genau wie sie für sich selbst in diesem Zustand unsichtbar ist, auch wenn es der Zustand ist, nach dem sie sich sehnt. Nicht die graue Maus in einem Männerklüngel. Nicht jemand, der Knochen trägt und wiegt, obwohl sie auch diese Seite ihrer Persönlichkeit braucht, so wie sie sich als Liebende mag. Doch jetzt ist sie die, die zu einem zornerfüllten Liebeslied tanzt, das den Verlust heraustrommelt – “Coming In from the Cold” -, die mit ihrem ganzen Sein die Rhetorik des Abschieds einer Liebenden tanzt. Ihr scheint, dass sie am vernünftigsten mit der Liebe verfährt, wenn sie auf Gesten verfällt, die ihn verurteilen, sie, sie beide als Paar, Eros, den bittersüßen, von ihnen verschlungen und im letzten Stadium ihrer Liebesgeschichte ausgespien. Die Tränen kommen leicht. In diesem Zustand bedeuten sie ihr nicht mehr als Schweiß, nicht mehr als der Schnitt im Fuß, den sie sich beim Tanzen zuzieht, nichts, was sie innehalten ließe, wie sie sich auch um eines Liebhabers Geheuls oder süßen Lächeln willens nicht verändern würde, weder jetzt noch jemals.
Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit
12. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | 1 Kommentar
Ich weiß nicht mehr wie alt ich war, als ich “Die Unendliche Geschichte” von Michael Ende zum ersten Mal gelesen habe, aber ich weiß noch dass ich es von Anfang an wirklich sehr geliebt habe. Und ich glaube es gibt kaum jemanden, der dieses Buch gelesen hat und nicht dem Zauber von Bastians Erlebnissen in Phantásien erlegen ist. Als Kind habe ich die Geschichte wegen der phantasievollen Gestalten und der spannenden Handlung geliebt; als ich es vor ein paar Jahren zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gelesen habe, ist mir bewusst geworden, dass Michael Ende viele Themen wie Freundschaft, der Umgang mit Macht etc. in seine Geschichte verpackt hat. Ich weiß noch wie ich als Kind geweint habe, als Atreju sein Pferd verliert. Als Erwachsene habe ich geweint, als Bastian alles vergessen hat, seinen Vater und zuletzt sogar seinen eigenen Namen. Ich habe jetzt richtig Lust bekommen, das Buch wieder zu lesen…
Tag 13 – Ein Buch bei dem du nur lachen kannst
11. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | Kommentieren
Ich liebe Thomas Glavinics “Das bin doch ich” und das ist genau das richtige Buch, das ich lesen muss, wenn ich zum Lachen gebracht werden will. Es ist eine Mischung zwischen Fiktion und Autobiographie, ein Einblick in das Leben des Schriftstellers Thomas Glavinic, bei dem man nie weiß was wirklich passiert und was erfunden ist. Der Autor hat genau die Art von Selbstironie die ich so gerne mag, und ein paar Szenen aus dem Buch werde ich wohl nie vergessen, zum Beispiel wie er in einem Gasthaus eine Leberknödelsuppe bestellt, die Knödel dann aber nicht essen will und versucht, sie möglichst diskret “verschwinden” zu lassen. Oder als seine Großmutter ihn bittet, für ihren Arzt eines seiner Bücher zu signieren – das kann man leider nicht nacherzählen, aber ich habe da wirklich Tränen gelacht.
Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast
10. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | Kommentieren
Die Person, die meinen Büchergeschmack am besten kennt und mich immer wieder auf neuen interessanten Lesestoff bringt, ist meine Mutter. Durch sie bin ich vor einigen Jahren auch auf eines meiner absoluten Lieblingsbücher gekommen, und zwar “Rebecca” von Daphne du Maurier.
Es geht in dieser Geschichte um eine junge Frau, die den wohlhabenden Maxim de Winter kennenlernt, ihn heiratet und die neue Hausherrin seines Anwesens “Manderley” wird. Das Glück der namenlosen Ich-Erzählerin ist allerdings getrübt durch ihre Vorgängerin, die erste Frau von Maxim, die verstorbene Rebecca. Und hier gelingt es Daphne du Maurier wie auch in ihren Erzählungen, eine wunderbar subtile Spannung aufzubauen: Wer war diese Rebecca, von der alle noch sprechen, die weltgewandt und schön war und der sich die neue Herrin von Manderley so unterlegen fühlt? Warum spricht Maxim nicht über seine erste Frau, und welches Geheimnis verbirgt sich hinter Rebeccas angeblich strahlendem Leben und ihrem mysteriösen Tod?
Das Buch ist sehr spannend, beklemmend und atmosphärisch, und außerdem mit interessanten Charakteren besetzt. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern wie es war, es zum ersten Mal zu lesen – die Neugierde über die Auflösung des Geheimnisses um Rebecca und das unheimliche Gefühl, das ich während des Lesens die ganze Geschichte hindurch hatte. Und unvergessen wird für mich immer der erste Satz des Prologs bleiben: Letzte Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. Wer das Buch kennt, wird wissen warum ich jedes Mal wenn ich diesen Satz lese oder an ihn denke, eine leichte Gänsehaut bekomme
Verfilmung von “Die Wand”
8. June 2010 - Kategorie: Literarisches Allerlei | 4 Kommentare
Gerade habe ich beim Lesekreis erfahren, dass das Buch “Die Wand” von der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer verfilmt werden soll. Das ist eine Nachricht, die mich einerseits sehr freut, weil das Buch zu meinen “Top 10 der besten Bücher aller Zeiten” gehört, andererseits bin ich aber auch sehr verwundert darüber dass sich jemand daran wagt, diese Geschichte zu verfilmen. Ein interessantes Interview mit Martina Gedeck, der Hauptdarstellerin, findet sich hier.
Es geht in dem Buch um eine Frau, die ein paar Tage auf einer Almhütte verbringt und am Tag nach ihrer Ankunft feststellen muss, dass über Nacht eine unsichtbare Wand entstanden ist, die sie vom Rest der Welt abschneidet. Ich halte die Geschichte deshalb für schwer verfilmbar, weil in dem Buch bis auf den Anfang, als sie die Wand entdeckt, und das traurige Ende nicht viel “Wirkliches” passiert. Die Frau arrangiert sich mit ihrem neuen Leben, lernt, sich und die Tiere selbst zu versorgen und beginnt irgendwann mit den Aufzeichnungen über das Geschehene. Das Buch polarisiert sehr – während die einen es langweilig finden und vor allem von der fehlenden Auflösung über die Entstehung der Wand enttäuscht sind, lieben es die anderen. Ich kann, obwohl ich es wirklich ganz unglaublich toll finde, auch verstehen warum einige nicht viel damit anfangen können. Auf jeden Fall freue ich mich schon sehr auf den Film und bin wirklich gespannt auf die Umsetzung.
Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
4. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | Kommentieren

So ein Buch gibt es nicht. Es gibt Bücher, bei denen ich, wenn ich sie nach einiger Zeit wieder lese, mich schon frage was ich beim ersten Mal so toll daran fand, aber ganz schrecklich habe ich noch kein Buch gefunden das mir irgendwann mal gut gefallen hat. Ein gutes Beispiel dafür ist Fernanda Eberstadts “Liebeswut”, das ich beim ersten Lesen wirklich geliebt und danach noch ewig davon geschwärmt habe, und bei der zweiten Lektüre ein paar Jahre später fand ich es zwar auch gut, aber bei weitem nicht so herausragend wie damals. Aber generell habe ich einige der Bücher, die zu meinen absoluten Lieblingen zählen, schon vor ca. zehn Jahren gelesen, und an meiner Meinung über sie hat sich im Laufe der Zeit nichts geändert.
Tag 10 – Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin
3. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | Kommentieren
Stephen King zählt zu meinen absoluten Lieblingsautoren, und “Friedhof der Kuscheltiere” ist das Buch von ihm, das ich am öftesten gelesen habe (bestimmt an die 10-12 mal) und das mich immer wieder aufs neue begeistert. Diese Geschichte über einen Vater, der seinen Sohn verliert und einen alten Indianerfriedhof, der Tote wieder auferstehen lässt, ist nicht nur sehr unheimlich und verstörend, sondern auch eine sehr tragische Geschichte über Verlust und Trauer und den Wunsch der Menschen, dem Tod seine Endgültigkeit nehmen zu wollen. Ich kann mich noch ganz genau erinnern: Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe war ich 15, und ich habe die letzten Seiten in meinem Bett sitzend gelesen und bin, nachdem ich das Buch zugeschlagen hatte, eine ganze Weile zitternd und mit einer Gänsehaut am ganzen Körper dagesessen, weil die letzte Szene einfach so verstörend war. Stephen King hat ja sehr viele Bücher geschrieben, und “Friedhof der Kuscheltiere” gehört für mich neben “Dead Zone”, “Es” und “Love” zu seinen absolut besten.
Worüber ich mich jedes Mal ärgere, ist diese furchtbare Titel-Übersetzung. Im Original heißt es “Pet Semetary”, und der Friedhof ist ja auch ein Friedhof für Haustiere, warum also “Kuscheltiere”? Das klingt einfach nur bescheuert…
Tag 9 – Das erste Buch, das du je gelesen hast
2. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | Kommentieren

Wenn ich mich daran nur noch erinnern könnte! Ich habe eine vage Erinnerung an zwei Bücher, die zu den ersten gehören müssen die ich gelesen habe, aber ich weiß weder Titel noch Autor. Ich kann mich nur daran erinnern, das eines als Titelbild geknüpfte Taschentücher mit Gesichtern (das klingt jetzt komisch, ich kanns aber nicht besser beschreiben) hatte, und um diese Taschentuch-Wesen ist es glaub ich in dem Buch auch gegangen. Das zweite Buch war, das weiß ich noch genau, in Schreibschrift gedruckt und auf dem Cover waren zwei “Wesen” (Zwerge vielleicht?) und viel Gras/Wiese. Der Titel war glaube ich “xxx und xxx”.
Jetzt ärgert es mich so richtig, dass mir nicht mehr einfällt wie die beiden Bücher hießen. Google hilft da leider auch nicht weiter bei so dürftigen Informationen…
Tag 8 – Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
1. June 2010 - Kategorie: Blogprojekt, Literarisches Allerlei | Kommentieren
Während meines dreiwöchigen Aufenthalts in New York vor neun Jahren musste ich natürlich unbedingt die Buchhandlung “Barnes & Noble” aufsuchen. Ich kann mich noch genau an das tolle Gefühl erinnern, wie es war, in dieser fantastischen Stadt in einer Buchhandlung zu stehen und zu schmökern. Marya Hornbachers “Wasted” ist eine Autobiographie über eine Frau mit Essstörungen und das beste Buch über diese Thematik, das ich kenne. Ich hatte es vorher schon auf deutsch gelesen und mir vorgenommen, mir in New York die Originalausgabe zu kaufen. Ich habe es dort dann auch bekommen, was allerdings ein bisschen schwierig war, weil mir die korrekte englische Aussprache von “Hornbacher” nicht gelingen wollte (ich weiß bis heute nicht wie man das ausspricht) und der Verkäufer mit dem Titel alleine nichts anfangen konnte. Er wollte schon Zettel und Stift holen, damit ich ihm den Namen aufschreiben konnte, aber ich habe dann einfach irgendwas von “autobiography” und “eating disorders” gestammelt, und dann wusste er auf einmal welches Buch ich meine. In dem Buch liegt vorne drinnen immer noch der Kaufbeleg und ich freue mich jedes Mal wenn ich es aufschlage und wieder an den tollen Aufenthalt in New York zurückdenke.





