Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt

13. December 2009 - Kategorie: Lyrik | 1 Kommentar

Weil du nicht da bist
(Auszug)
Mascha Kaleko

 

Hier unterm Dach sitz ich beim Lampenschirm;
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.

 

013-01

 



Jane Hirshfield

10. March 2009 - Kategorie: Lyrik, Neuzugänge | 5 Kommentare

I would like not minding, whatever travels my heart.
To follow it all the way into leaf-form, bark-furl, root-touch,
and then keep walking, unimaginably further.

aus “Metempsychosis

 

Vor einiger Zeit bin ich zufällig im Internet auf ein paar Gedichte der amerikanischen Dichterin Jane Hirshfield gestoßen und war sofort verliebt in ihren klaren, einprägsamen Schreibstil. Vor zwei Wochen habe ich mir dann endlich ihre fünf noch erhältlichen Gedichtbände (ihr erster wird leider nicht mehr aufgelegt) bestellt, und heute sind sie angekommen:

 

 

Ich bin richtig aufgeregt – wenn die restlichen Gedichte nur annähernd so gut sind wie die wenigen, die ich kenne, dann wird das einfach nur großartig werden.

Hier noch ein paar Gedichte, die online zu finden sind:
A Room
The Weighing
The Envoy
This Was Once a Love Poem
Poem With Two Endings



Der Weihnachtsabend eines Kellners

24. December 2008 - Kategorie: Allgemein, Lyrik | 2 Kommentare

Der Weihnachtsabend eines Kellners
Erich Kästner

 

Aller Welt dreht er den Rücken,
und sein Blick geht zu Protest.
Und dann murmelt er beim Bücken:
“Ach, du liebes Weihnachtsfest!”

 

Im Lokal sind nur zwei Kunden.
(Fröhlich sehn die auch nicht aus.)
Und der Kellner zählt die Stunden.
Doch er darf noch nicht nach Haus.

 

Denn vielleicht kommt doch noch einer,
welcher keinen Christbaum hat,
und allein ist wie sonst keiner
in der feierlichen Stadt.

 

Dann schon lieber Kellner bleiben
und zur Nacht nach Hause gehn,
als jetzt durch die Straßen treiben
und vor fremden Fenstern stehn.

 

Ich wünsche Euch allen ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2009!

 



An fernem Ort

21. December 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren

kunze

 

Du weißt zur Stunde ihn an fernem Ort
Rainer Kunze

 

Du weißt zur stunde ihn an fernem ort
Mit dem verstand begreifst du seine ferne
Du weißt, es liegen zwischen ihm und dir
ein himmel sonne und ein himmel sterne

 

Und doch trittst du ans fenster immerfort

 



Sylvia Plath: Edge

3. December 2008 - Kategorie: Lyrik | 4 Kommentare

Manchmal passt alles zusammen: Da lerne ich heute ein Gedicht von Sylvia Plath auswendig & sage es mir bei der Heimfahrt von der Arbeit immer wieder laut vor & denke darüber nach, wie sehr sich ein Gedicht verändern kann, wenn man es laut vorliest oder vorgelesen bekommt & wie wichtig es ist, dass man Lyrik hört oder spricht, und dann entdecke ich den neuesten Beitrag von flattersatz, in dem er sehr schön über seine Erfahrungen mit dem Vortragen von Gedichten schreibt.

Hier das Gedicht:

Edge

The woman is perfected
Her dead

Body wears the smile of accomplishment,
The illusion of a Greek necessity

Flows in the scrolls of her toga,
Her bare

Feet seem to be saying:
We have come so far, it is over.

Each dead child coiled, a white serpent,
One at each little

Pitcher of milk, now empty
She has folded

Them back into her body as petals
Of a rose close when the garden

Stiffens and odors bleed
From the sweet, deep throats of the night flower.

The moon has nothing to be sad about,
Staring from her hood of bone.

She is used to this sort of thing.
Her blacks crackle and drag.

Und hier eine Audioaufnahme, die mir gut gefällt (der zweite Teil des Videos ist etwas sehr melodramatisch, aber den ersten finde ich toll):



Die Beiden

4. November 2008 - Kategorie: Lyrik | 2 Kommentare

In der Sprechbude heute ein Beitrag von Harald Preis, der eines meiner Lieblingsgedichte von Hugo von Hofmannsthal liest:

 

Die Beiden
Hugo von Hofmannsthal

 

Sie trug den Becher in der Hand –
Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

 

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.

 

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.

 



Was ich noch gestern war

15. August 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Lyrik, Zitat | Kommentieren

Heute Morgen bin ich mit diesen Zeilen im Kopf aufgewacht:

Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

Das ist ein Ausschnitt aus Rilkes Gedicht “Die Liebende” und mal eine angenehme Abwechslung – sehr oft passiert es mir nämlich, dass ich mit einem bestimmten Lied im Kopf aufwache, das ich dann den ganzen Tag lang nicht aus meinen Gedanken verscheuchen kann. Meistens sind das dann auch noch Lieder, die ich nicht ausstehen kann, wie zum Beispiel kürzlich DJ Ötzis “Anton aus Tirol” – das ist dann ziemlich nervig. Hier das ganze Gedicht:

 

Die Liebende
R. M. Rilke

 

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

 

… jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

 

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

 



“Die Todesfuge” und “Er”

22. July 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren

Ein kleiner Nachtrag zur “Todesfuge” von Paul Celan: Viele Elemente sind aus Immanuel Weißglas’ Gedicht “Er” entnommen (Weißglas war ein rumänischer Dichter und Schulfreund Paul Celans):

Wir heben Gräber in die Luft und siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.

Er will, daß über diese Därme dreister
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.

Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend,
Öffn’ ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.

Er spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.



Paul Celan: Ans Herzland vielleicht

21. July 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Lyrik | Kommentieren

Die Kunst des Hungers“, das ich gerade lese, versammelt Essays & Vorworte von sowie Interviews mit Paul Auster. Sehr schön ist der Essay über Paul Celan, der zu meinen liebsten Lyrikern zählt. Auster zitiert aus der Rede, die Celan anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises gehalten hat:

“In dieser Sprache”, sagt Celan – und er meint das Deutsche, die Sprache der Nazis und die Sprache seiner Gedichte – “habe ich … Gedichte zu schreiben versucht … um mir Wirklichkeit zu entwerfen.” Dann vergleicht er das Gedicht mit einer Flaschenpost – ins Meer geworfen in der Hoffnung, sie könnte eines Tages irgendwo an Land gespült werden, “ans Herzland vielleicht”. “Gedichte”, fährt er fort, “sind auch in dieser Weise unterwegs: Sie halten auf etwas zu. Worauf? Auf etwas Offenstehendes, Besetzbares, auf ein ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit.”

Paul Celans Lyrik ist, vor allem seine späten Gedichte betreffend, oft schwer zugänglich. Sprachspielereien, Wortneuschöpfungen und eine sehr bildhafte, symbolische Sprache verlangen dem Leser viel Aufmerksamkeit ab, wenn dieser versucht, hinter die Worte zu schauen und die Symbolik zu entschlüsseln. Aber das Verständnis kann auch über die emotionale Ebene erfolgen, indem man die Bilder, die Celan entwirft, einfach auf sich wirken lässt, sich auf sie einlässt.

Beider entnarbte Leiber,
beider Todesblatt über der Blöße,
beider entwirklichtes Antlitz.

An Land gezogen von
der weißesten Wurzel
des weißesten
Baums.

Mehr als bei allen anderen Lyrikern gilt für mich bei Celan: Der Zeitpunkt muss passen. Ich kann eines seiner Gedichte lesen und den Kopf darüber schütteln, weil es mir völlig unzugänglich ist; ich lese es ein paar Jahre später und auf einmal begreife ich es – es ist angekommen, hat eine Leerstelle in meinen Gedanken & meinem Empfinden gefunden und sie besetzt. Das “Todesblatt über der Blöße” ist kein sinnleeres Bild mehr und die Symbolik der “weißesten Wurzel des weißesten Baums” hat sich mir – in einer rein subjektiven Weise – offenbart. Und auf einer objektiveren Ebene denke ich an Adam und Eva: das Feigenblatt, die Vertreibung, der Baum der Erkenntnis, die Farbe “Weiß”, die für Unschuld und Geburt steht, aber auch, in anderen Kulturen, die Farbe der Trauer ist. Ganz überraschend kommen diese Gedanken, und auf einmal scheint so viel in diesen sieben Zeilen zu liegen, zu denen ich vorher keinen Zugang finden konnte.

Celan ist vor allem durch sein Gedicht “Die Todesfuge” bekannt, das trotz Adornos Äußerung, es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben*, geschrieben wurde und zu den bekanntesten schriftstellerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust zählt (ein interessanter Artikel über die Beziehung zwischen Celan und Adorno findet sich hier). Auch in diesem Gedicht gibt es Bilder und Begriffe, deren Sinn sich nicht sofort erschließt: Die “schwarze Milch der Frühe”, die Schlangen, Margarete und Sulamith (ausführliche Erklärungen dazu beim Celan-Projekt); trotzdem ist es “ans Herzland” vieler Menschen gespült worden und hat für sie in Worte gefasst, was nur schwer in Worte zu fassen ist.

Paul Celan ist ein Dichter, den man immer wieder neu entdeckt, der auch auf den zweiten und dritten Blick noch Ungesehenes bietet; ein, wie Paul Auster in seinem Essay schreibt, “Dichter des Exils, ein Außenseiter selbst der Sprache seiner eigenen Gedichte gegenüber“, und es lohnt sich, sich auf ihn und sein Werk einzulassen.

 

*“Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.” (Theodor W. Adorno: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft.)



Das Mondschaf

15. July 2008 - Kategorie: Kunst, Lyrik | 6 Kommentare

The Good Night Field

“The Good Night Field” | ©Pete Revonkorpi

 

Das Mondschaf
Christian Morgenstern

 

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

 

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
Und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

 

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«
Das Mondschaf.

 

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn’ ist rot.
Das Mondschaf.

 



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