Die Zuverlässigkeit der Unruhe
31. July 2010 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren
Walter Helmut Fritz
Die Zuverlässigkeit der Unruhe
1966
Nicht einwilligen.
Damit uns eine Hoffnung bleibt.
Mit den Dämonen
rechnen.
Die Ausdauer bitten,
sie möge mit uns leben.
Die Zuverlässigkeit der Unruhe
nicht vergessen.
Niemand, nicht einmal der Regen
21. April 2010 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren
irgendwo, wo ich noch nie gewesen,
wohl jenseits jeglicher erfahrung,
ist die stille deiner augen:
in deiner zartesten geste sind dinge, die mich umfassen
oder welche ich nicht zu berühren vermag, weil sie zu nah
sind
mühelos öffnet mich der flüchtigste deiner blicke,
wenn ich mich auch wie finger geschlossen habe,
so öffnest du mich doch stets blatt für blatt, wie der frühling
(mit verständiger, geheimnisvoller berührung) seine erste
rose
wünschest du aber, mich zu verschließen, so schließen
sich
plötzlich auf wundersame weise ich und mein leben,
als erträumte das herz dieser blume
des schneefalls leises herniedersinken
nichts auf dieser welt kommt der macht
deiner eindringlichen zartheit gleich,
deren tönung mich mit den farben ihrer herkunft lockt,
tod und ewigkeit mit jedem atemzug verströmend
(ich weiß nicht, was an dir sich schließt
und öffnet; nur etwas ist in mir, als
fände ich die antwort in der stimme deiner augen, tiefer noch
als rosen)
niemand, nicht einmal der regen, hat solch kleine hände.
[e. e. cummings]
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt
13. December 2009 - Kategorie: Lyrik | 1 Kommentar
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.

Jane Hirshfield
10. March 2009 - Kategorie: Lyrik, Neuzugänge | 5 Kommentare
To follow it all the way into leaf-form, bark-furl, root-touch,
and then keep walking, unimaginably further.
aus “Metempsychosis“
Vor einiger Zeit bin ich zufällig im Internet auf ein paar Gedichte der amerikanischen Dichterin Jane Hirshfield gestoßen und war sofort verliebt in ihren klaren, einprägsamen Schreibstil. Vor zwei Wochen habe ich mir dann endlich ihre fünf noch erhältlichen Gedichtbände (ihr erster wird leider nicht mehr aufgelegt) bestellt, und heute sind sie angekommen:
Ich bin richtig aufgeregt – wenn die restlichen Gedichte nur annähernd so gut sind wie die wenigen, die ich kenne, dann wird das einfach nur großartig werden.
Hier noch ein paar Gedichte, die online zu finden sind:
A Room
The Weighing
The Envoy
This Was Once a Love Poem
Poem With Two Endings
Der Weihnachtsabend eines Kellners
24. December 2008 - Kategorie: Allgemein, Lyrik | 2 Kommentare
Erich Kästner
und sein Blick geht zu Protest.
Und dann murmelt er beim Bücken:
“Ach, du liebes Weihnachtsfest!”
(Fröhlich sehn die auch nicht aus.)
Und der Kellner zählt die Stunden.
Doch er darf noch nicht nach Haus.
welcher keinen Christbaum hat,
und allein ist wie sonst keiner
in der feierlichen Stadt.
und zur Nacht nach Hause gehn,
als jetzt durch die Straßen treiben
und vor fremden Fenstern stehn.
An fernem Ort
21. December 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren

Reiner Kunze
Mit dem verstand begreifst du seine ferne
Du weißt, es liegen zwischen ihm und dir
ein himmel sonne und ein himmel sterne
Sylvia Plath: Edge
3. December 2008 - Kategorie: Lyrik | 4 Kommentare
Manchmal passt alles zusammen: Da lerne ich heute ein Gedicht von Sylvia Plath auswendig & sage es mir bei der Heimfahrt von der Arbeit immer wieder laut vor & denke darüber nach, wie sehr sich ein Gedicht verändern kann, wenn man es laut vorliest oder vorgelesen bekommt & wie wichtig es ist, dass man Lyrik hört oder spricht, und dann entdecke ich den neuesten Beitrag von flattersatz, in dem er sehr schön über seine Erfahrungen mit dem Vortragen von Gedichten schreibt.
Hier das Gedicht:
Edge
The woman is perfected
Her dead
Body wears the smile of accomplishment,
The illusion of a Greek necessity
Flows in the scrolls of her toga,
Her bare
Feet seem to be saying:
We have come so far, it is over.
Each dead child coiled, a white serpent,
One at each little
Pitcher of milk, now empty
She has folded
Them back into her body as petals
Of a rose close when the garden
Stiffens and odors bleed
From the sweet, deep throats of the night flower.
The moon has nothing to be sad about,
Staring from her hood of bone.
She is used to this sort of thing.
Her blacks crackle and drag.
Und hier eine Audioaufnahme, die mir gut gefällt (der zweite Teil des Videos ist etwas sehr melodramatisch, aber den ersten finde ich toll):
Die Beiden
4. November 2008 - Kategorie: Lyrik | 2 Kommentare
In der Sprechbude heute ein Beitrag von Harald Preis, der eines meiner Lieblingsgedichte von Hugo von Hofmannsthal liest:
Hugo von Hofmannsthal
Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.
Was ich noch gestern war
15. August 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Lyrik, Zitat | Kommentieren
Heute Morgen bin ich mit diesen Zeilen im Kopf aufgewacht:
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.
Das ist ein Ausschnitt aus Rilkes Gedicht “Die Liebende” und mal eine angenehme Abwechslung – sehr oft passiert es mir nämlich, dass ich mit einem bestimmten Lied im Kopf aufwache, das ich dann den ganzen Tag lang nicht aus meinen Gedanken verscheuchen kann. Meistens sind das dann auch noch Lieder, die ich nicht ausstehen kann, wie zum Beispiel kürzlich DJ Ötzis “Anton aus Tirol” – das ist dann ziemlich nervig. Hier das ganze Gedicht:
R. M. Rilke
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.
“Die Todesfuge” und “Er”
22. July 2008 - Kategorie: Lyrik | Kommentieren
Ein kleiner Nachtrag zur “Todesfuge” von Paul Celan: Viele Elemente sind aus Immanuel Weißglas’ Gedicht “Er” entnommen (Weißglas war ein rumänischer Dichter und Schulfreund Paul Celans):
Wir heben Gräber in die Luft und siedeln Er will, daß über diese Därme dreister Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend, Er spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet,
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort.
Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister,
Der durch die Lande als ein Nebel schleicht.
Öffn’ ich nachzehrend den verbissnen Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund.
In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar.
Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.





