Thomas Glavinic – Der Kameramörder
24. July 2010 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Ein Paar verbringt die Osterfeiertage bei einem befreundeten Ehepaar in der Weststeiermark. Plötzlich zerstören die Nachrichten über einen Mord, der in der näheren Gegend stattgefunden hat, die Wochenendsidylle: Ein Mann hat drei Kinder in seine Gewalt gebracht, zwei davon zum Selbstmord gezwungen und das Ganze mit einer Videokamera gefilmt. Die zwei Paare verfolgen im Laufe des Wochenendes die Berichterstattung über das Verbrechen, hin- und hergerissen zwischen Sensationsgier und Abscheu vor dieser schrecklichen Tat.
Der Roman ist nur 160 Seiten lang, aber diese 160 Seiten haben es wirklich in sich. Zunächst einmal ist die Erzählweise ein wenig gewöhnungsbedürftig: Der namenlose Ich-Erzähler, der mit seiner Lebensgefährtin auf Besuch bei ihren Freunden Heinrich und Eva ist, berichtet minutiös beinahe jedes Detail des kurzen Zeitraums, in dem sich das Geschehen abspielt: Was gegessen wurde, wer wann auf die Toilette geht, der Punktestand eines Tischtennisspiels – beinahe jeder Schritt der Protagonisten wird in diesem “Bericht” genau aufgezeichnet (wer “Die Arbeit der Nacht” gelesen hat, kennt das ja schon). Das mag langweilig klingen, aber gerade die Detailliertheit und Zwanghaftigkeit der Schilderung der Geschehnisse führt dazu, das man als Leser das Ganze wie einen Film vor den Augen hat, der in Echtzeit vor einem abläuft. Und deshalb kann man sich auch nur schwer von der Geschichte distanzieren. Die Sprache ist auf das Wesentliche reduziert, klar und sachlich.
Das nächste ist die Handlung, die einerseits eine Krimihandlung ist, aber das Buch als reinen Krimi abzutun wird ihm auf keinen Fall gerecht. Es ist zugleich auch ein gnadenloses Portrait der Gesellschaft, der Macht der Medien und der Sensationsgier, die durch das Fernsehen nur noch stärker kultiviert wird. Die Art der Berichterstattung, die Glavinic schildert, kann man sich lebhaft vorstellen, wenn man an Berichte über Amokläufe in Deutschland oder an 9/11 denkt. Ihren Höhepunkt erreicht sie in dieser Geschichte aber, als ein deutscher Privatsender das Video, das die Ermordung der Kinder zeigt, im Fernsehen zeigen will – natürlich nicht aus Sensationsgier, sondern “als hilfloser Versuch zur Aufarbeitung einer Tragödie“. Die beiden Ehepaare verbringen viel Zeit vor dem Fernseher bzw. Radio, um auf dem Laufenden zu bleiben, was hauptsächlich von Heinrich ausgeht, der als Figur des zynischen, in seinem Voyeurismus erst so richtig auflebenden Menschen wirklich mehr als treffend gelungen ist. Die beiden Frauen versuchen, sich von dem Geschehen zu distanzieren, bekommen Angst, als es heißt, der Mörder sei immer noch in der Gegend – aber auch zieht es immer wieder zum Fernseher.
Thomas Glavinics Beschreibung des Hin- und Hergerissenseins zwischen Abscheu und Neugierde nimmt mitunter auch satirische Züge an, etwa wenn, als die Ausstrahlung des Mordvideos beginnt, es sich die zwei Paare mit Erdnüssen, Chips und Getränken ausgerüstet auf dem Sofa gemütlich machen und sich gleichzeitig über die Ungehörigkeit der Ausstrahlung beklagen. Die Spannung spitzt sich gegen Ende hin natürlich zu – der Mörder wird eingekreist, die Polizei ist ihm auf den Fersen. Der Autor drängt den Leser mit Hinweisen immer deutlicher zur Auflösung hin, um ihn am Ende dann doch noch einmal zu überraschen. Ich bin wirklich hin und weg von diesem Buch, das eine so eigenwillige Atmosphäre beinhaltet, der man sich nur schwer entziehen kann – ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und musste mich dann erst mal wieder in die Wirklichkeit zurückfinden. Eine klare Empfehlung für jeden, der auf der Suche nach einem intelligenten, gesellschaftskritischen und außergewöhnlichen Krimi ist.
Stephen King – Sunset
20. July 2010 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

“Sunset” ist eine Sammlung von 13 neuen Kurzgeschichten meines Lieblings-Horrorautors Stephen King. Ich war schon sehr gespannt auf dieses Buch, da ich ein großer Fan seiner Erzählungen bin, und wurde (anders als bei seinem letzten Roman “Arena”) nicht in meinen Erwartungen enttäuscht.
Von den 13 Geschichten ist eine, “N.”, absolut herausragend, eine mit dem Titel “Höllenkatze” ist absolut furchtbar und der Rest liegt im guten bis sehr guten Durchschnitt. “N.” ist wirklich das Highlight des Buches, eine Geschichte, an die ich seitdem ich das Buch vor zwei Wochen gelesen habe immer noch jeden Tag denken muss. N. ist ein Patient des Psychiaters Johnny Bonsaint, dessen Notizen über N. die Grundlage der Geschichte bilden. N. ist Zwangsneurotiker, und die Ursache seiner Zwänge, die authentische Darstellung einer Zwangserkrankung (am Ende der Geschichte war ich wirklich versucht, ein paar Gegenstände in meinem Zimmer abzuzählen und zu schauen, ob sie eine gute oder eine schlechte Zahl ergeben) und das schreckliche Erbe, das N. nach seinem Selbstmord hinterlässt, machen diese Geschichte zu einem wirklichen Meisterstück. “Höllenkatze” dagegen ist einfach nur schrecklich. Der Anfang liest sich noch ganz spannend – ein alter Mann beauftragt einen Auftragskiller, eine Katze zu ermorden. Aber das “Motiv” der Katze und vor allem das absolut dämliche Ende, das einfach nur aus einem plumpen Schockeffekt besteht, machen alles zunichte. Eine sehr interessante Geschichte ist auch “Der Hometrainer“, die von einem Mann erzählt, der bei seinen Fahrten auf dem Gerät in eine andere Welt gerät, in der er nicht mehr in seinem Keller sitzt, sondern auf einem Rad eine Straße entlangfährt. Ich mag so Geschichten, die mit alternativen Realitäten spielen. Sehr subtil erschütternd ist “Harveys Traum“, wo es um Wahrträume geht. “Hinterlassenschaften” ist Kings Versuch, mit den Ereignissen des 11. September 2001 umzugehen, eine bis auf das etwas banale Ende gute, unheimliche Geschichte. Was fast allen Erzählungen gemein ist, und das empfinde ich als ihre größte Stärke, ist dass die Spannung langsam und unterschwellig aufgebaut wird – subtiler Horror vom Feinsten.
Im Nachwort schreibt Stephen King noch kurz etwas zu jeder dieser Erzählungen: Gedanken darüber, ihre Entstehungsgeschichte etc. Sowas finde ich immer sehr interessant, und King hat so eine sympathische Art über das Schreiben und sein Leben zu erzählen. Als Fazit kann ich nur sagen: Ein Buch für alle, die unheimliche Geschichten die einen sofort in ihren Bann ziehen, lieben.
Jonathan Franzen – Die 27. Stadt
6. July 2010 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

“Die 27. Stadt” ist Jonathan Franzens Erstlingswerk, ein politischer Thriller, spannend, aber noch sehr unausgereift. Die Stadt St. Louis bekommt eine neue Polizeichefin, S. Jammu, eine Inderin. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt kommt es zu terroristischen Anschlägen, und der Leser erfährt nach und nach, dass Jammu selbst hinter den Anschlägen steckt. Ihr Ziel ist es, mit Hilfe von weiteren Immigranten aus Indien das Machtgefüge der Stadt zu verändern. Dabei versucht sie nicht nur durch die Anschläge, sondern vor allem durch “Psychoterror” die wichtigsten Personen der Stadt zu beeinflussen. Im Zentrum der Geschichte steht der Bauunternehmer Martin Probst, der eine Schlüsselfigur in Jammus Plan ist. Sie lässt seinen Hund töten und sorgt auf verschiedenste Weise dafür, dass der Familienfrieden der Probst zerstört wird, um Probst zu schwächen und ihn so auf ihre Seite zu ziehen, aber er erweist sich als hartnäckiger Fall.
Wie gesagt, ein durchaus spannendes Buch, aber leider überwiegen die negativen Seiten. Was mich am meisten geärgert hat, war dass man nicht wirklich erfährt, was die Motive von Jammu und ihrem Gefolge sind. Warum geht eine Inderin in die USA und zettelt eine so umfassende Verschwörung an? Man erfährt zwar gegen Ende des Buches mehr über Jammus Leben, aber das wirkliche Motiv für ihr Handeln wird nie erklärt.
Was das Lesen schwierig macht, ist die Fülle an auftretenden Personen, von denen ich bis zum Schluss bei einigen nicht wusste, wer sie eigentlich sind und inwiefern sie für die Handlung wichtig sind. Franzen beschreibt alles sehr detailgetreu, es gibt viele Gespräche, die sich um die kommunal- und baupolitischen Schwierigkeiten der Stadt drehen, und insgesamt hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sich Franzen einfach zu viel für dieses Buch vorgenommen hat. Die Verschwörung, das Schicksal der Probsts, die ganzen politischen Aspekte… das alles zusammen ergibt ein verwirrendes und zum Teil auch unlogisches und unverständliches Bild einer Stadt und ihrer Bewohner.
Einige Szenen zeigen aber durchaus das Talent von Franzen, wie es in “Die Korrekturen” dann vollständig zum Vorschein kommt. Alles in allem ist “Die 27. Stadt” ein schwacher Erstling mit logischen Schwächen, der sich zwar spannend liest, insgesamt aber doch nicht überzeugen kann.
Ursula K. Le Guin – Die wilde Gabe
1. May 2010 - Kategorie: Rezension | 1 Kommentar

“Die wilde Gabe” erzählt die Geschichte eines Jungen namens Orrec, der eine besondere Gabe hat – er kann mit seinem Blick Gegenstände oder Menschen vernichten. Er lebt zurückgezogen im Hochland in der Gemeinschaft seiner Sippe, in der alle diese Gabe besitzen. Überall im Hochland gibt es diese Sippen, sie alle haben unterschiedliche Gaben, zum Beispiel die Fähigkeit mit Tieren zu kommunizieren oder die Fähigkeit, andere zu ihren Marionetten zu machen. Orrec ist ein besonderer Junge, denn er besitzt die sogennante “wilde Gabe”, was bedeutet, als dass er keine Kontrolle darüber hat. Daher verbindet ihm sein Vater die Augen, und Orrec muss einen großen Teil seiner Jugend als Blinder leben. Als seine Mutter stirbt und ihm Schriften hinterlässt, nimmt er immer öfter die Binde ab um sie lesen zu können, bis er am Ende schließlich einer bitteren Wahrheit ins Auge sehen muss.
Es fällt mir nicht leicht, dieses Buch einzuordnen. Einerseits ist es wirklich eine tolle Geschichte über das Erwachsen-werden und über das “anders sein”, was es auch zu einem guten Jugendbuch macht (wenn es nicht sowieso als Jugendbuch geführt wird, das weiß ich nicht). Andererseits: Irgendetwas hat der Geschichte gefehlt. Es ist ein sehr ruhiges Buch, mit einer schönen, “resignierten” (ich finde kein besseres Wort dafür) Erzählstimme, die eine ganz besondere Atmosphäre erschafft. Und ich bin auch gar nicht so ein Fan von Action und einer Handlung, in der andauernd was Aufregendes passiert, aber hier war es ein bisschen zuwenig. Die ganze Zeit während des Lesens habe ich auf etwas gewartet – auf das “Große”, das passiert und sozusagen den Kern der Geschichte ausmacht. Und es ist nicht so, als ob es keine überraschende Auflösung der Geschichte gäbe – die gibt es, aber nach dem Lesen der letzten Seite habe ich doch mit dem Gedanken “und das war es jetzt?” das Buch zugeklappt. Aber es fällt mir wirklich schwer zu sagen, was genau dieses Gefühl von Unvollständigkeit ausgelöst hat.
Insgesamt aber ein durchaus empfehlenswertes Buch für Freunde der etwas anderen Fantasy, in der es nicht primär um den Kampf zwischen Gut und Böse geht, sondern sich auf die Entwicklung der Hauptfigur konzentriert. Es ist wie gesagt ein ruhiges, aber tiefes Buch, das ich vielleicht nur zum falschen Zeitpunkt gelesen habe.
Marisha Pessl – Die alltägliche Physik des Unglücks
12. March 2010 - Kategorie: Rezension | 3 Kommentare

Die sechzehnjährige Blue van Meer führt ein rastloses Leben: Mir ihrem Vater, einem Universitätsprofessor, zieht sie seit dem Tod ihrer Mutter von Stadt zu Stadt. Erst ihr letztes Highschooljahr verbringen sie durchgehend an einem Ort. Dort lernt Blue Hannah Schneider, eine Lehrerin an der Schule, kennen und durch sie eine Gruppe von Jugendlichen. Hannah ist eine mysteriöse Figur, hinter deren Geheimnis Blue nach dem Tod der Lehrerin zu kommen versucht.
Ich bin sehr zwiegespalten was die Meinung zu diesem Buch betrifft. Es ist sehr spannend, hat interessante Charaktere und sprachlich ist es, wie eh in jeder Rezension erwähnt wird, wirklich eine Herausforderung. Das liegt vor allem an den vielen Zitaten und Buchverweisen, aber auch an den Metaphern die Pessl verwendet um Dinge zu beschreiben. Dieser besondere Stil hat aber auch seine Nachteile, weil es mit der Zeit sogar für eine Zitateliebhaberin wie mich nervig ist, außerdem sind die Metaphern zum Teil sehr weit hergeholt und da wäre weniger oft mehr gewesen.
Das kann man sowieso über das ganze Buch sagen, das stellenweise wirklich unnötige Längen hat, Beschreibungen oder vor allem Aussagen von Blues Vater, die man ohne weiteres hätte streichen können. Vor allem gegen Ende hin, als es richtig spannend geworden ist, habe ich die uninteressanten Ausführungen zum größten Teil nur überflogen weil ich einfach nur wissen wollte wie die Geschichte weitergeht.
Die Geschichte selbst ist von Anfang an spannend. Blue lernt diese Lehrerin kennen, die sie zu den sonntäglichen Treffen, die sie mit ein paar anderen Schülern abhält, einlädt. Die anderen Jugendlichen sind wenig begeistert davon, dass Blue plötzlich so viel Aufmerksamkeit von ihrer verehrten Lehrerin bekommen und man fragt sich (wie Blue selbst) die ganze Zeit, warum Hannah ihr überhaupt soviel Aufmerksamkeit widmet. Die Person Hannah Schneider ist ein Rätsel, da niemand viel über sie weiß. Man erfährt schon ganz am Anfang des Buches dass Hannah im Laufe der Handlung sterben wird und ist natürlich sehr gespannt auf die Umstände. Ab dem Zeitpunkt ihres Todes später im Buch dann wird aus der Geschichte eine kleine Krimihandlung. Blue versucht, hinter das Geheimnis „Hannah Schneider“ zu kommen und ihren Tod aufzuklären. Wirklich sehr spannend, aber leider fand ich die Auflösung dann doch etwas weit hergeholt, da von diesem speziellen Thema vorher nie die Rede war. Außerdem passieren ein paar zuviele ermittlungstechnische Zufälle, und man bleibt auch am Ende des Buches eher ratlos zurück.
Sehr genervt hat mich Blues Vater, der nicht viel tut außer Frauen zu verführen und Weisheiten von sich zu geben, und das in einem Ausmaß und auf eine Art, die ich einfach nur nervig fand, da es zum Teil sehr überheblich war, in dem Sinne dass er sich und seine Tochter als etwas ganz Besonderes hervorhebt das weit über allen anderen Menschen steht. Und das ist mir einfach unsympathisch. Blue hingegen, von der ich bevor ich das Buch gelesen habe dachte dass sie bestimmt so ein perfekter, hochintelligenter, von allen bewunderter Teenager ist (was mich sehr genervt hätte), hat mich als Figur überrascht und war mir sehr sympathisch.
Insgesamt würde ich das Buch trotz einiger Kritik doch als lesenswert empfehlen. Es ist eine klassische Coming-of-age-Geschichte, interessant und spannend erzählt. Man braucht aber definitiv Geduld für die Sprache und sollte sich am Schluss ob der „Auflösung“ der Geschehnisse nicht allzuviel ärgern.
Ray Bradbury – Fahrenheit 451
1. November 2009 - Kategorie: Rezension | 4 Kommentare

Die Geschichte spielt in einer Zukunft, in der Bücher als gefährlich angesehen sind und ihr Besitz verboten ist. Hauptfigur ist der Feuerwehrmann Guy Montag, und die Feuerwehr dieser fiktiven Zukunft löscht keine Feuer, sondern legt sie, nämlich um Häuser zu verbrennen in denen Bücher gefunden werden. Denn Bücher fördern selbstständiges Denken, und das ist in dieser Gesellschaft verpönt. Durch die Begegnung mit dem Mädchen Clarisse, das sich noch etwas von der alten Begeisterung für die Welt bewahrt hat und sich nicht scheut, Dinge zu hinterfragen, verändert er sich und beginnt, die herrschenden Zustände der Gesellschaft in der er lebt zu hinterfragen.
Ein Buch ist für mich persönlich dann ein gutes Buch, wenn ich weiß, dass ich es bestimmt noch mindestens einmal lesen werde. “Fahrenheit 451″ von Ray Bradbury ist so ein Buch, weil es inhaltlich und sprachlich zu beeindrucken weiß, und besonders freue ich mich auf zwei Szenen, die wirklich ganz stark waren und an die ich seitdem immer wieder denken muss.
Die erste Szene passiert im ersten Drittel des Buches. Montag hat einen Bücherverbrennungs-Einsatz hinter sich, bei dem er zum ersten Mal eigentlich nicht das tun wollte, was seine Pflicht ist. Bei diesem Einsatz hat eine Frau Selbstmord begangen, indem sie sich zusammen mit ihren Bücher verbrennen ließ. Er bleibt am folgenden Tag der Arbeit fern. Daraufhin besucht ihn der Feuerwehrhauptmann, der seine Zweifel bemerkt hat, und redet ihm ins Gewissen. Als der Hauptmann wieder gegangen ist, zeigt Montag seiner Frau ein Versteck, in dem er 20 Bücher verborgen hat. Er möchte selbst herausfinden, ob das, was der Hauptmann gesagt hat, wahr ist, ob Bücher wirklich sinn- und nutzlos sind und beginnt, aus ihnen vorzulesen:
„Wir wollen einmal sehen, was das hier ist“, sagte Montag. Er brachte die Worte nur stockend hervor und mit peinlicher Befangenheit. Dann las er ein Dutzend Seiten da und dort und stieß schließlich auf folgende Stelle:
„Schätzungsweise haben elftausend Menschen zu verschiedenen Zeiten lieber den Tod erlitten, als dass sie sich bereit erklärt hätten, Eier am spitzen Ende aufzuschlagen.“
Mildred saß auf der andern Seite des Flurs. „Was heißt das? Es heißt überhaupt nichts! Der Hauptmann hatte recht.“
„Lass nur“, beschwichtigte Montag. „Wir wollen einfach von vorn anfangen.“
In der zweiten Szene ist die Handlung der Geschichte schon weiter fortgeschritten. Montag nimmt Kontakt mit einem ehemaligen Professor der Literatur auf und entscheidet sich damit bewusst für den Widerstand gegen das Verbrennen von Büchern. Nach dem Besuch bei dem Professor trifft er bei sich zuhause auf seine Frau Mildred und ihre Freundinnen. Diese haben sich versammelt, um gemeinsam eine Fernsehshow anzusehen (das Fernsehen hat in dieser Zukunft einen hohen Stellenwert und dient hauptsächlich, wie auch heute schon zum größten Teil, der allgemeinen Verblödung). Montag schaltet die Fernsehwände ab und versucht, mit den Frauen ein normales Gespräch zu führen. Als dies nicht gelingt, holt er eines der Bücher, einen Gedichtband. Die Freundinnen sind natürlich schockiert darüber, dass er einen dieser verbotenen Gegenstände in seinem Besitz hat. Sie wollen das Haus verlassen, aber Montag befiehlt ihnen zu bleiben. Um endlich wieder die Fernsehshow weiterschauen zu können, bittet ihn eine der Frauen, doch eines der Gedichte vorzulesen, was er auch tut:
„Des Glaubens Meer
Umschloss einmal, als noch die Fluten schwollen,
Der Erde Ufer wie ein lichter Gürtel.
Doch heute hör
Ich nur sein melancholisch fernes Grollen,
Das bang verhält
Des Nachtwinds Hauch; nackt liegt und leer
Das Steingeröll am Rand der Welt.“Die Stühle ächzten unter den drei Frauen. Montag las das Gedicht zu Ende:
„Ah, Liebste, lass uns treu
Einander sein! Hat doch in dieser Welt, die nun
Gleich einem Traumland vor uns scheint zu ruhn,
So mannigfaltig schön, so neu,
In Wahrheit weder Lust noch Liebe Halt
Noch Licht, noch Frieden oder Schirm vor Arg und Wehn,
Und wir hier wie auf dunklem Felde stehn,
Wo nächtens wirres Kampfgetöse schallt
Und sinnlos Streitmacht gegen Streitmacht prallt.“Frau Phelps weinte vor sich hin.
Die andern mitten in der Einöde sahen zu, wie ihr Weinen lauter wurde und ihr Gesicht aus der Form geriet. Sie saßen da, ohne sie anzurühren, befremdet von dieser Schaustellung, diesem fassungslosen Schluchzen. Montag selber war betroffen und innerlich aufgewühlt.
Etwas in der Frau hat den Zusammenhang zwischen den Worten und ihrem Leben, von dessen Tragödien sie zuvor unberührt erzählt hat, hergestellt. Diese Szene hat mich deshalb so berührt, weil sie zeigt, dass nicht alles in den Menschen dieser Zukunft “tot” ist. Besonders an der Figur Mildreds zeigt Bradbury nämlich sehr gut die Abgestumpftheit, in der die Menschen leben und ihre Unfähigkeit, die Welt in ihren realen Einzelheiten außerhalb des Fernsehens und der sonstigen Berieselungen wahrzunehmen. Und das Tragische ist ihr Nicht-Begreifen dieser Abgestumpftheit, die schon zu weit fortgeschritten ist. Aber bei Frau Phelps, deren Mann in den Krieg einberufen wurde und deren Leben nur an der Oberfläche so zufriedenstellend ist wie es scheint, kommt ein schwaches Erkennen der Parallelen zwischen dem Gedicht und ihrer persönlichen Situation beim Hören dieser Zeilen zustande.
“Fahrenheit 451″ ist ein Buch für Bücherliebhaber, für Liebhaber von Dystopien und für jeden, der Tiefgang in einer spannenden, sprachlich gut erzählten Geschichte sucht. Heute noch aktueller als 1953, als das Buch erstmals erschienen ist, warnt es vor der Abhängigkeit von den Medien und dem Ende selbstständigen Denkens. Fahrenheit 451 ist übrigens die Temperatur, bei der Papier anfängt sich selbst zu entzünden.
Veronique Olmi – Meeresrand
20. August 2009 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

Ein Mutter macht sich mit ihren beiden Kindern auf eine Reise. Sie möchte, dass ihre Söhne einmal in ihrem Leben das Meer sehen. Aber was eine schöne, aufregende Zeit für die Familie werden soll, deren Alltag von den psychischen Problemen der Mutter geprägt ist, wird zu einem Versagen der Mutter an ihren Illusionen und ihrer Kraft.
Ein kurzes Buch (in meiner Ausgabe gerade mal 127 Seiten), aber in diesem Fall muss man wirklich sagen “Gott sei Dank ist es so kurz”. Nicht weil es so schlecht wäre, sondern weil es einem die Verzweiflung und Auswegslosigkeit der Protagonistin so nahe bringt, dass es schwer ist sich davon abzugrenzen. Die Geschichte wird in der ersten Person aus der Perspektive der namenlosen Mutter erzählt. Deren Gedanken, Ängste und Zweifel drängen sich dem Leser durch den Stil (sehr viel stream of consciousness) stark auf und man kann sich der wirklich unglaublich düsteren und tragischen Stimmung der Geschichte kaum entziehen.
Schon die Ankunft in der Stadt gestaltet sich als schwierig: Die Mutter ist überfordert, findet das Hotel nicht, es regnet. Die Unterkunft entpuppt sich dann als wenig einladend. Die Menschen in der Stadt werden als bedrohlich empfunden und auch das Meer zeigt, als sie es endlich mit ihren Kindern erreicht hat, nichts von seiner beruhigenden Schönheit, sondern wird zu einer weiteren Bedrohung. Auch ein Ausflug auf einen Vergnügungspark, ein letzter verzweifelter Versuch der Mutter so etwas wie Normalität herzustellen, wird zu einem deprimierenden Ereignis, so wie überhaupt jede Begegnung mit Menschen für sie eine Herausforderung ist, die nicht gemeistert werden kann.
Mich hat vor allem die Verzweiflung der Mutter sehr mitgenommen, ihre vielen Versuche, etwas Schönes für sich und ihre Kinder zu schaffen, Teil der “normalen” Welt zu werden und Dinge zu tun, die für andere selbstverständlich sind. Sie ist sich bewusst, dass sie als Mutter “versagt” hat, aber sie möchte es besser machen. Sie hat das Ideal einer perfekten Urlaubsreise vor sich – Sonne, Strand, blaues Meer, schönes Hotel, freundliche Menschen, Spaß etc. -, aber angefangen vom Wetter bis zu ihrem eigenen Unvermögen, sich von ihren Stimmungen und Gedanken zu befreien, stellt sich alles gegen sie. Ich habe mir mehrmals während des Lesens gedacht: Bitte mach dass zumindest etwas gut wird. Dass der Besuch im Café schön wird. Dass es zu regnen aufhört. Dass sie Spaß im Vergnügungspark haben. Einfach irgendwas, das diese Trostlosigkeit ein bisschen aufhebt.
“Meeresrand” ist ein wirklich erschütterndes Buch, dessen Ende man während des Lesens schon erahnt und trotzdem bis zum Schluss hofft, dass sich für die Protagonistin ein Ausweg finden lässt. Absolut empfehlenswert, aber vielleicht sollte man diese Geschichte nicht unbedingt an Tagen lesen, die sowieso schon düster oder traurig sind.
Jodi Picoult – 19 Minuten
27. July 2009 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

19 Minuten braucht der 17-jährige Peter Houghton, um in einem Amoklauf 9 Mitschüler und einen Lehrer an seiner Schule zu töten. Aus der Sicht verschiedener Figuren, deren Leben unmittelbar mit dem Geschehen verknüpft ist, erzählt die Autorin von der Aufarbeitung dieser Tat und was ihr vorausgegangen ist.
Als großer Fan von Picoults “Beim Leben meiner Schwester” hatte ich mich schon sehr auf “19 Minuten” gefreut, weil mich die Thematik des Amoklaufs an Schulen schon bei “Wir müssen über Kevin reden” von Lionel Shriver sehr fasziniert hat und ich neugierig war, wie Jodi Picoult das Thema umsetzt. Leider fand ich die Umsetzung aber nicht so gelungen. Zum einen sind (was aber typisch ist für die Autorin) viele der Charaktere sehr klischeehaft. Die gerechte und hart arbeitende Richterin, die vernachlässigte Tochter derselben, der Freund der Tochter ein typischer Highschool-Star, der Prototyp eines auf der richtigen Seite des Gesetzes stehenden Polizisten (in den sich die Richterin dann auch noch verliebt)… irgendwie fehlte es fast allen Charakteren an Tiefe und Vielseitigkeit. Nur der Amokläufer selbst und seine Geschichte waren interessant gestaltet. Man ist zwischen Mitgefühl und Verständnis und gleichzeitigem Unverständnis seiner Tat gegenüber hin- und hergerissen.
Was mir gefehlt war einfach allgemein ein bisschen mehr Tiefe. Nachdem ich “Wir müssen über Kevin reden” gelesen hatte (ich kann einfach nicht anders als die beiden Bücher zu vergleichen), war ich sehr aufgewühlt und verstört, was nicht nur an dem überraschenden Ende lag, sondern einfach an der Eindringlichkeit der Geschichte. Das Buch hat mich damals sehr mitgenommen, und genau das hatte ich mir von “19 Minuten” auch erwartet: Dass es nicht eines der Bücher ist, die man liest und dann sofort wieder vergisst.
Um auch etwas Positives zu sagen (weil so schlecht fand ich das Buch dann auch wieder nicht): Es ist recht spannend, und vor allem die vielen Perspektiven, aus denen das Geschehen erzählt wird, machen das Lesen sehr abwechslungsreich. Vor allem gegen Ende hin wird es dann so richtig spannend, wenn man als Leser schon merkt dass hier noch etwas Unerwartetes kommt, obwohl ich sagen muss dass ich die “Überraschung” dann an sich nicht so gelungen und wenig nachvollziehbar fand.
Interessant fand ich auch die Verteidigungsstragie des Anwalts, Peter Houghton ebenso als Opfer darzustellen (jahrelanges Mobbing von den Mitschülern) und die Schuldfrage so in ein neues Licht zu rücken. Das hat mir schon ein paar Gedankenanstöße gegeben. Zusammenfassend kann ich sagen: Durchaus spannende und interessante Lektüre für zwischendurch, aber wenn man das Buch vor allem der Amoklauf-Thematik wegen lesen möchte, ist man mit “Wir müssen über Kevin reden” meiner Meinung nach besser bedient.
Und nachdem ich jetzt schon drei Bücher von Jodi Picoult gelesen habe muss ich noch sagen, dass es wirklich schade ist dass die Autorin ihre durchwegs interessanten Themen und Geschichten mit so stereotypen Charakteren besetzt. Wenn sie nur ein bisschen mehr Figurentiefe hätten, wären die Bücher nicht nur halbwegs gut bis gut, sondern vielleicht sogar mal “richtig gut”.
Juli Zeh – Corpus Delicti
1. June 2009 - Kategorie: Rezension | 7 Kommentare

Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt, gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid. Zu diesem Zweck haben wir unseren Staat hochkomplex organisiert, komplexer als jeden anderen vor ihm. Unsere Gesetze funktionieren in filigraner Feinabstimmung, vergleichbar dem Nervensystem eines Organismus.
Irgendwann in der Zukunft, in einer Gesellschaft, die sich am besten als “Gesundheitsdiktatur” beschreiben lässt, lebt Mia Holl, eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin. Die “Methode”, wie dieses System genannt wird, überwacht die Gesundheit der Bürger: Implantierte Mikrochips, die den Behörden Informationen über das absolvierte Fitnessprogramm und die Ernährungweise übermitteln, keine Krankheiten mehr, keimfreie Lebenswelt. Der Selbstmord ihres Bruders Moritz, der der Vergewaltigung für schuldig befunden wurde, lässt Mia langsam am System und vor allem an seiner Unfehlbarkeit zweifeln.
Ein schwieriger Fall, dieses Buch. Das Thema ist natürlich hochinteressant und aktuell. Das Szenario, das Juli Zeh hier entwirft, ist ein Erschreckendes. Obwohl wir uns wahrscheinlich alle einig sind, dass Gesundheit und ein funktionierender Körper absolut erstrebenswerte Ideale sind, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit dieses Ideal zu einer Pflicht werden sollte oder kann. Wer wünscht sich schon nicht manchmal mehr Disziplin, was die Ernährungsgewohnheiten oder Sport betrifft? Ich bestimmt, aber die Vorstellung, dass es einen Verstoß gegen Gesetze darstellt, ungesund zu leben – also dass ich quasi für meine Faulheit bestraft werden könnte
, ist keine schöne.
Der eigene Körper als Eigentum des Staates – das ist das Ergebnis der sogenannten “Methode”. Mia Holl, anfangs überzeugte Anhängerin dieses Systems, beginnt bald, an ihm zu zweifeln, und während die Gesundheitsdiktatur das eine große Thema dieses Buches ist, ist das andere der Widerstand des Einzelnen gegen ein System und die Bedrohung, die dieser Einzelne für ein so straffes System darstellen kann: Widerstandsbewegungen, Märtyrertum, Terrorismus.
Von den Themen und Ideen her also ein wirklich interessantes Buch, aber die Umsetzung hat mich manchmal nur verzweifelt den Kopf schütteln lassen. Das Buch lässt sich zwar angenehm lesen, es ist in kurze, knackige Kapitel unterteilt, kaum Ausschweifungen, aber insgesamt wirkt es sehr künstlich, was sich vor allem in den Dialogen zeigt. Die sind nämlich keine wirklichen Dialoge, sondern dienen hauptsächlich dazu, die Meinungen und Ideen der Autorin zu transportieren. Juli Zehs Sprachstil, der einfach eigen ist und den ich in ihren anderen Büchern aber sehr mochte, ist mir hier zu extrem. Die Protagonisten sind zu einem großen Teil keine wirklichen Menschen, sondern auch Ideenträger: Das Opfers des Systems (Mias Bruder), der Träger und Verteidiger des Systems (Kramer), der idealistische Anwalt (Rosentreter) und so weiter. Ein bisschen mehr Figurentiefe hätte der Geschichte für meinen Geschmack nicht geschadet.
Trotzdem ist “Corpus Delicti” ein Buch, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte. Auch wenn einem der Stil nicht zusagt, ist das Thema der Gesundheitsdiktatur doch zu interessant, um dieses Buch einfach zu übergehen, und Juli Zeh gelingt es, die möglichen Folgen des gegenwärtigen Trends eindringlich aufzuzeigen. Vielleicht – um auch einmal visionär zu sein
– ist das sogar eines der Bücher, von dem in einem Jahrhundert gesagt wird: Hier hat jemand versucht, uns zu warnen, aber die Botschaft hat uns nicht erreicht.
Zum Schluss noch ein Auszug aus dem Kapitel “Wie die Frage lautet”, ein Auszug aus Mias Pamphlet:
Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Version vom Normalkörper darstellen soll. [...] Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. [...] Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht.
Robert Schneider: Die Offenbarung
15. March 2009 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Der Organist Jakob Kemper, ein eigenbrötlerischer Mensch und selbsternannter Musikforscher, entdeckt ein bislang unbekanntes Werk des von ihm hochverehrten Komponisten Johann Sebastian Bach. Mit dieser Entdeckung ändert sich das bisher von vielen Tiefschlägen gezeichnete Leben Kempers schlagartig: Er liest das Oratorium und begreift, dass dieses Werk geheimnisvolle Kräfte hat – es gewährt Einblicke in vergessen geglaubtes Vergangenes und in die Zukunft. Die Ankunft einer Gruppe von Experten der Bachgesellschaft, die die Restaurierung der Orgel seiner Heimatstadt überwachen sollen, stellt Jakob Kemper schließlich vor die Entscheidung, ob er die Wissenschaftler, von denen er nie als ihresgleichen anerkannt wurde, in seinen unglaublichen Fund einweihen oder sein Geheimnis für sich behalten soll.
Robert Schneiders Rheintal-Trilogie (”Schlafes Bruder”, “Die Luftgängerin” und “Die Unberührten”) liebe ich über alles. Umso enttäuschter war ich, als ich vor einiger Zeit sein zwei Jahre nach Vollendung der Trilogie erschienenes Buch “Schatten” gelesen habe – eine wie ich finde unglaublich banale Geschichte, von der ich immer noch nicht ganz glauben kann, dass sie wirklich vom selben Autor ist. Entsprechend vorsichtig war ich dann natürlich in meiner Vorfreude auf “Die Offenbarung”, aber ich wurde nicht enttäuscht: “Die Offenbarung” ist ein vielschichtiges, humorvolles und auch spannendes Buch, das im Gegensatz zu “Schatten” wieder sehr nach Robert Schneider klingt und das ich in einem Rutsch durchgelesen habe.
Die Figur des Jakob Kemper ist liebenswert und mit feiner Ironie gezeichnet. Seine komplizierte Familiensituation, seine unerfüllte Liebe zu einer Reisebüroangestellten und seine akribische Besessenheit machen ihn sympathisch und menschlich. Auch die anderen Figuren sind sehr glaubwürdig und man schließt sie schnell ins Herz. Es gibt ein paar Parallelen zu “Schlafes Bruder”: Der Charakter von Jakob ist dem von Elias ähnlich, Orgelmusik, eine Kirche und seltsame Erscheinungen in derselben, ebenso das Thema der unerfüllten Liebe. Trotzdem hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass Schneider einfach nur versucht an seinen größten Erfolg anzuknüpfen.
Sehr interessant waren die Einblicke in Bachs Leben und Werk bzw. vor allem in die Welt der Musikforschung (hier ist es vielleicht interessant zu wissen, dass R. Schneider Musik- und Theaterwissenschaft studiert hat). Die Liebe des Autors zur Musik ist unverkennbar zu spüren. Neben der Musik ist ein weiteres großes Hauptthema des Buches die Suche nach Anerkennung: Jakob wird von seinem Vater abgelehnt und in seinen Leidenschaften nicht ernst genommen, so wie er von der Experten nicht anerkannt wird und weder als Komponist noch als Forscher Erfolge aufweisen kann. Die Aussöhnung mit sich selbst und der Ablehnung, die er erfahren hat, ist der Kernpunkt in der Entwicklung von Jakob.
Zusammenfassend kann ich sagen: Nicht ganz so “groß” wie die Rheintal-Trilogie, aber auf jeden Fall lesenswert.
