Ray Bradbury – Fahrenheit 451
1. November 2009 - Kategorie: Rezension | 4 Kommentare

Die Geschichte spielt in einer Zukunft, in der Bücher als gefährlich angesehen sind und ihr Besitz verboten ist. Hauptfigur ist der Feuerwehrmann Guy Montag, und die Feuerwehr dieser fiktiven Zukunft löscht keine Feuer, sondern legt sie, nämlich um Häuser zu verbrennen in denen Bücher gefunden werden. Denn Bücher fördern selbstständiges Denken, und das ist in dieser Gesellschaft verpönt. Durch die Begegnung mit dem Mädchen Clarisse, das sich noch etwas von der alten Begeisterung für die Welt bewahrt hat und sich nicht scheut, Dinge zu hinterfragen, verändert er sich und beginnt, die herrschenden Zustände der Gesellschaft in der er lebt zu hinterfragen.
Ein Buch ist für mich persönlich dann ein gutes Buch, wenn ich weiß, dass ich es bestimmt noch mindestens einmal lesen werde. “Fahrenheit 451″ von Ray Bradbury ist so ein Buch, weil es inhaltlich und sprachlich zu beeindrucken weiß, und besonders freue ich mich auf zwei Szenen, die wirklich ganz stark waren und an die ich seitdem immer wieder denken muss.
Die erste Szene passiert im ersten Drittel des Buches. Montag hat einen Bücherverbrennungs-Einsatz hinter sich, bei dem er zum ersten Mal eigentlich nicht das tun wollte, was seine Pflicht ist. Bei diesem Einsatz hat eine Frau Selbstmord begangen, indem sie sich zusammen mit ihren Bücher verbrennen ließ. Er bleibt am folgenden Tag der Arbeit fern. Daraufhin besucht ihn der Feuerwehrhauptmann, der seine Zweifel bemerkt hat, und redet ihm ins Gewissen. Als der Hauptmann wieder gegangen ist, zeigt Montag seiner Frau ein Versteck, in dem er 20 Bücher verborgen hat. Er möchte selbst herausfinden, ob das, was der Hauptmann gesagt hat, wahr ist, ob Bücher wirklich sinn- und nutzlos sind und beginnt, aus ihnen vorzulesen:
„Wir wollen einmal sehen, was das hier ist“, sagte Montag. Er brachte die Worte nur stockend hervor und mit peinlicher Befangenheit. Dann las er ein Dutzend Seiten da und dort und stieß schließlich auf folgende Stelle:
„Schätzungsweise haben elftausend Menschen zu verschiedenen Zeiten lieber den Tod erlitten, als dass sie sich bereit erklärt hätten, Eier am spitzen Ende aufzuschlagen.“
Mildred saß auf der andern Seite des Flurs. „Was heißt das? Es heißt überhaupt nichts! Der Hauptmann hatte recht.“
„Lass nur“, beschwichtigte Montag. „Wir wollen einfach von vorn anfangen.“
In der zweiten Szene ist die Handlung der Geschichte schon weiter fortgeschritten. Montag nimmt Kontakt mit einem ehemaligen Professor der Literatur auf und entscheidet sich damit bewusst für den Widerstand gegen das Verbrennen von Büchern. Nach dem Besuch bei dem Professor trifft er bei sich zuhause auf seine Frau Mildred und ihre Freundinnen. Diese haben sich versammelt, um gemeinsam eine Fernsehshow anzusehen (das Fernsehen hat in dieser Zukunft einen hohen Stellenwert und dient hauptsächlich, wie auch heute schon zum größten Teil, der allgemeinen Verblödung). Montag schaltet die Fernsehwände ab und versucht, mit den Frauen ein normales Gespräch zu führen. Als dies nicht gelingt, holt er eines der Bücher, einen Gedichtband. Die Freundinnen sind natürlich schockiert darüber, dass er einen dieser verbotenen Gegenstände in seinem Besitz hat. Sie wollen das Haus verlassen, aber Montag befiehlt ihnen zu bleiben. Um endlich wieder die Fernsehshow weiterschauen zu können, bittet ihn eine der Frauen, doch eines der Gedichte vorzulesen, was er auch tut:
„Des Glaubens Meer
Umschloss einmal, als noch die Fluten schwollen,
Der Erde Ufer wie ein lichter Gürtel.
Doch heute hör
Ich nur sein melancholisch fernes Grollen,
Das bang verhält
Des Nachtwinds Hauch; nackt liegt und leer
Das Steingeröll am Rand der Welt.“Die Stühle ächzten unter den drei Frauen. Montag las das Gedicht zu Ende:
„Ah, Liebste, lass uns treu
Einander sein! Hat doch in dieser Welt, die nun
Gleich einem Traumland vor uns scheint zu ruhn,
So mannigfaltig schön, so neu,
In Wahrheit weder Lust noch Liebe Halt
Noch Licht, noch Frieden oder Schirm vor Arg und Wehn,
Und wir hier wie auf dunklem Felde stehn,
Wo nächtens wirres Kampfgetöse schallt
Und sinnlos Streitmacht gegen Streitmacht prallt.“Frau Phelps weinte vor sich hin.
Die andern mitten in der Einöde sahen zu, wie ihr Weinen lauter wurde und ihr Gesicht aus der Form geriet. Sie saßen da, ohne sie anzurühren, befremdet von dieser Schaustellung, diesem fassungslosen Schluchzen. Montag selber war betroffen und innerlich aufgewühlt.
Etwas in der Frau hat den Zusammenhang zwischen den Worten und ihrem Leben, von dessen Tragödien sie zuvor unberührt erzählt hat, hergestellt. Diese Szene hat mich deshalb so berührt, weil sie zeigt, dass nicht alles in den Menschen dieser Zukunft “tot” ist. Besonders an der Figur Mildreds zeigt Bradbury nämlich sehr gut die Abgestumpftheit, in der die Menschen leben und ihre Unfähigkeit, die Welt in ihren realen Einzelheiten außerhalb des Fernsehens und der sonstigen Berieselungen wahrzunehmen. Und das Tragische ist ihr Nicht-Begreifen dieser Abgestumpftheit, die schon zu weit fortgeschritten ist. Aber bei Frau Phelps, deren Mann in den Krieg einberufen wurde und deren Leben nur an der Oberfläche so zufriedenstellend ist wie es scheint, kommt ein schwaches Erkennen der Parallelen zwischen dem Gedicht und ihrer persönlichen Situation beim Hören dieser Zeilen zustande.
“Fahrenheit 451″ ist ein Buch für Bücherliebhaber, für Liebhaber von Dystopien und für jeden, der Tiefgang in einer spannenden, sprachlich gut erzählten Geschichte sucht. Heute noch aktueller als 1953, als das Buch erstmals erschienen ist, warnt es vor der Abhängigkeit von den Medien und dem Ende selbstständigen Denkens. Fahrenheit 451 ist übrigens die Temperatur, bei der Papier anfängt sich selbst zu entzünden.
Veronique Olmi – Meeresrand
20. August 2009 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

Ein Mutter macht sich mit ihren beiden Kindern auf eine Reise. Sie möchte, dass ihre Söhne einmal in ihrem Leben das Meer sehen. Aber was eine schöne, aufregende Zeit für die Familie werden soll, deren Alltag von den psychischen Problemen der Mutter geprägt ist, wird zu einem Versagen der Mutter an ihren Illusionen und ihrer Kraft.
Ein kurzes Buch (in meiner Ausgabe gerade mal 127 Seiten), aber in diesem Fall muss man wirklich sagen “Gott sei Dank ist es so kurz”. Nicht weil es so schlecht wäre, sondern weil es einem die Verzweiflung und Auswegslosigkeit der Protagonistin so nahe bringt, dass es schwer ist sich davon abzugrenzen. Die Geschichte wird in der ersten Person aus der Perspektive der namenlosen Mutter erzählt. Deren Gedanken, Ängste und Zweifel drängen sich dem Leser durch den Stil (sehr viel stream of consciousness) stark auf und man kann sich der wirklich unglaublich düsteren und tragischen Stimmung der Geschichte kaum entziehen.
Schon die Ankunft in der Stadt gestaltet sich als schwierig: Die Mutter ist überfordert, findet das Hotel nicht, es regnet. Die Unterkunft entpuppt sich dann als wenig einladend. Die Menschen in der Stadt werden als bedrohlich empfunden und auch das Meer zeigt, als sie es endlich mit ihren Kindern erreicht hat, nichts von seiner beruhigenden Schönheit, sondern wird zu einer weiteren Bedrohung. Auch ein Ausflug auf einen Vergnügungspark, ein letzter verzweifelter Versuch der Mutter so etwas wie Normalität herzustellen, wird zu einem deprimierenden Ereignis, so wie überhaupt jede Begegnung mit Menschen für sie eine Herausforderung ist, die nicht gemeistert werden kann.
Mich hat vor allem die Verzweiflung der Mutter sehr mitgenommen, ihre vielen Versuche, etwas Schönes für sich und ihre Kinder zu schaffen, Teil der “normalen” Welt zu werden und Dinge zu tun, die für andere selbstverständlich sind. Sie ist sich bewusst, dass sie als Mutter “versagt” hat, aber sie möchte es besser machen. Sie hat das Ideal einer perfekten Urlaubsreise vor sich – Sonne, Strand, blaues Meer, schönes Hotel, freundliche Menschen, Spaß etc. -, aber angefangen vom Wetter bis zu ihrem eigenen Unvermögen, sich von ihren Stimmungen und Gedanken zu befreien, stellt sich alles gegen sie. Ich habe mir mehrmals während des Lesens gedacht: Bitte mach dass zumindest etwas gut wird. Dass der Besuch im Café schön wird. Dass es zu regnen aufhört. Dass sie Spaß im Vergnügungspark haben. Einfach irgendwas, das diese Trostlosigkeit ein bisschen aufhebt.
“Meeresrand” ist ein wirklich erschütterndes Buch, dessen Ende man während des Lesens schon erahnt und trotzdem bis zum Schluss hofft, dass sich für die Protagonistin ein Ausweg finden lässt. Absolut empfehlenswert, aber vielleicht sollte man diese Geschichte nicht unbedingt an Tagen lesen, die sowieso schon düster oder traurig sind.
Jodi Picoult – 19 Minuten
27. July 2009 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

19 Minuten braucht der 17-jährige Peter Houghton, um in einem Amoklauf 9 Mitschüler und einen Lehrer an seiner Schule zu töten. Aus der Sicht verschiedener Figuren, deren Leben unmittelbar mit dem Geschehen verknüpft ist, erzählt die Autorin von der Aufarbeitung dieser Tat und was ihr vorausgegangen ist.
Als großer Fan von Picoults “Beim Leben meiner Schwester” hatte ich mich schon sehr auf “19 Minuten” gefreut, weil mich die Thematik des Amoklaufs an Schulen schon bei “Wir müssen über Kevin reden” von Lionel Shriver sehr fasziniert hat und ich neugierig war, wie Jodi Picoult das Thema umsetzt. Leider fand ich die Umsetzung aber nicht so gelungen. Zum einen sind (was aber typisch ist für die Autorin) viele der Charaktere sehr klischeehaft. Die gerechte und hart arbeitende Richterin, die vernachlässigte Tochter derselben, der Freund der Tochter ein typischer Highschool-Star, der Prototyp eines auf der richtigen Seite des Gesetzes stehenden Polizisten (in den sich die Richterin dann auch noch verliebt)… irgendwie fehlte es fast allen Charakteren an Tiefe und Vielseitigkeit. Nur der Amokläufer selbst und seine Geschichte waren interessant gestaltet. Man ist zwischen Mitgefühl und Verständnis und gleichzeitigem Unverständnis seiner Tat gegenüber hin- und hergerissen.
Was mir gefehlt war einfach allgemein ein bisschen mehr Tiefe. Nachdem ich “Wir müssen über Kevin reden” gelesen hatte (ich kann einfach nicht anders als die beiden Bücher zu vergleichen), war ich sehr aufgewühlt und verstört, was nicht nur an dem überraschenden Ende lag, sondern einfach an der Eindringlichkeit der Geschichte. Das Buch hat mich damals sehr mitgenommen, und genau das hatte ich mir von “19 Minuten” auch erwartet: Dass es nicht eines der Bücher ist, die man liest und dann sofort wieder vergisst.
Um auch etwas Positives zu sagen (weil so schlecht fand ich das Buch dann auch wieder nicht): Es ist recht spannend, und vor allem die vielen Perspektiven, aus denen das Geschehen erzählt wird, machen das Lesen sehr abwechslungsreich. Vor allem gegen Ende hin wird es dann so richtig spannend, wenn man als Leser schon merkt dass hier noch etwas Unerwartetes kommt, obwohl ich sagen muss dass ich die “Überraschung” dann an sich nicht so gelungen und wenig nachvollziehbar fand.
Interessant fand ich auch die Verteidigungsstragie des Anwalts, Peter Houghton ebenso als Opfer darzustellen (jahrelanges Mobbing von den Mitschülern) und die Schuldfrage so in ein neues Licht zu rücken. Das hat mir schon ein paar Gedankenanstöße gegeben. Zusammenfassend kann ich sagen: Durchaus spannende und interessante Lektüre für zwischendurch, aber wenn man das Buch vor allem der Amoklauf-Thematik wegen lesen möchte, ist man mit “Wir müssen über Kevin reden” meiner Meinung nach besser bedient.
Und nachdem ich jetzt schon drei Bücher von Jodi Picoult gelesen habe muss ich noch sagen, dass es wirklich schade ist dass die Autorin ihre durchwegs interessanten Themen und Geschichten mit so stereotypen Charakteren besetzt. Wenn sie nur ein bisschen mehr Figurentiefe hätten, wären die Bücher nicht nur halbwegs gut bis gut, sondern vielleicht sogar mal “richtig gut”.
Juli Zeh – Corpus Delicti
1. June 2009 - Kategorie: Rezension | 3 Kommentare

Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt, gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid. Zu diesem Zweck haben wir unseren Staat hochkomplex organisiert, komplexer als jeden anderen vor ihm. Unsere Gesetze funktionieren in filigraner Feinabstimmung, vergleichbar dem Nervensystem eines Organismus.
Irgendwann in der Zukunft, in einer Gesellschaft, die sich am besten als “Gesundheitsdiktatur” beschreiben lässt, lebt Mia Holl, eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin. Die “Methode”, wie dieses System genannt wird, überwacht die Gesundheit der Bürger: Implantierte Mikrochips, die den Behörden Informationen über das absolvierte Fitnessprogramm und die Ernährungweise übermitteln, keine Krankheiten mehr, keimfreie Lebenswelt. Der Selbstmord ihres Bruders Moritz, der der Vergewaltigung für schuldig befunden wurde, lässt Mia langsam am System und vor allem an seiner Unfehlbarkeit zweifeln.
Ein schwieriger Fall, dieses Buch. Das Thema ist natürlich hochinteressant und aktuell. Das Szenario, das Juli Zeh hier entwirft, ist ein Erschreckendes. Obwohl wir uns wahrscheinlich alle einig sind, dass Gesundheit und ein funktionierender Körper absolut erstrebenswerte Ideale sind, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit dieses Ideal zu einer Pflicht werden sollte oder kann. Wer wünscht sich schon nicht manchmal mehr Disziplin, was die Ernährungsgewohnheiten oder Sport betrifft? Ich bestimmt, aber die Vorstellung, dass es einen Verstoß gegen Gesetze darstellt, ungesund zu leben – also dass ich quasi für meine Faulheit bestraft werden könnte
, ist keine schöne.
Der eigene Körper als Eigentum des Staates – das ist das Ergebnis der sogenannten “Methode”. Mia Holl, anfangs überzeugte Anhängerin dieses Systems, beginnt bald, an ihm zu zweifeln, und während die Gesundheitsdiktatur das eine große Thema dieses Buches ist, ist das andere der Widerstand des Einzelnen gegen ein System und die Bedrohung, die dieser Einzelne für ein so straffes System darstellen kann: Widerstandsbewegungen, Märtyrertum, Terrorismus.
Von den Themen und Ideen her also ein wirklich interessantes Buch, aber die Umsetzung hat mich manchmal nur verzweifelt den Kopf schütteln lassen. Das Buch lässt sich zwar angenehm lesen, es ist in kurze, knackige Kapitel unterteilt, kaum Ausschweifungen, aber insgesamt wirkt es sehr künstlich, was sich vor allem in den Dialogen zeigt. Die sind nämlich keine wirklichen Dialoge, sondern dienen hauptsächlich dazu, die Meinungen und Ideen der Autorin zu transportieren. Juli Zehs Sprachstil, der einfach eigen ist und den ich in ihren anderen Büchern aber sehr mochte, ist mir hier zu extrem. Die Protagonisten sind zu einem großen Teil keine wirklichen Menschen, sondern auch Ideenträger: Das Opfers des Systems (Mias Bruder), der Träger und Verteidiger des Systems (Kramer), der idealistische Anwalt (Rosentreter) und so weiter. Ein bisschen mehr Figurentiefe hätte der Geschichte für meinen Geschmack nicht geschadet.
Trotzdem ist “Corpus Delicti” ein Buch, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte. Auch wenn einem der Stil nicht zusagt, ist das Thema der Gesundheitsdiktatur doch zu interessant, um dieses Buch einfach zu übergehen, und Juli Zeh gelingt es, die möglichen Folgen des gegenwärtigen Trends eindringlich aufzuzeigen. Vielleicht – um auch einmal visionär zu sein
– ist das sogar eines der Bücher, von dem in einem Jahrhundert gesagt wird: Hier hat jemand versucht, uns zu warnen, aber die Botschaft hat uns nicht erreicht.
Zum Schluss noch ein Auszug aus dem Kapitel “Wie die Frage lautet”, ein Auszug aus Mias Pamphlet:
Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Version vom Normalkörper darstellen soll. [...] Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. [...] Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht.
Robert Schneider: Die Offenbarung
15. March 2009 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Der Organist Jakob Kemper, ein eigenbrötlerischer Mensch und selbsternannter Musikforscher, entdeckt ein bislang unbekanntes Werk des von ihm hochverehrten Komponisten Johann Sebastian Bach. Mit dieser Entdeckung ändert sich das bisher von vielen Tiefschlägen gezeichnete Leben Kempers schlagartig: Er liest das Oratorium und begreift, dass dieses Werk geheimnisvolle Kräfte hat – es gewährt Einblicke in vergessen geglaubtes Vergangenes und in die Zukunft. Die Ankunft einer Gruppe von Experten der Bachgesellschaft, die die Restaurierung der Orgel seiner Heimatstadt überwachen sollen, stellt Jakob Kemper schließlich vor die Entscheidung, ob er die Wissenschaftler, von denen er nie als ihresgleichen anerkannt wurde, in seinen unglaublichen Fund einweihen oder sein Geheimnis für sich behalten soll.
Robert Schneiders Rheintal-Trilogie (”Schlafes Bruder”, “Die Luftgängerin” und “Die Unberührten”) liebe ich über alles. Umso enttäuschter war ich, als ich vor einiger Zeit sein zwei Jahre nach Vollendung der Trilogie erschienenes Buch “Schatten” gelesen habe – eine wie ich finde unglaublich banale Geschichte, von der ich immer noch nicht ganz glauben kann, dass sie wirklich vom selben Autor ist. Entsprechend vorsichtig war ich dann natürlich in meiner Vorfreude auf “Die Offenbarung”, aber ich wurde nicht enttäuscht: “Die Offenbarung” ist ein vielschichtiges, humorvolles und auch spannendes Buch, das im Gegensatz zu “Schatten” wieder sehr nach Robert Schneider klingt und das ich in einem Rutsch durchgelesen habe.
Die Figur des Jakob Kemper ist liebenswert und mit feiner Ironie gezeichnet. Seine komplizierte Familiensituation, seine unerfüllte Liebe zu einer Reisebüroangestellten und seine akribische Besessenheit machen ihn sympathisch und menschlich. Auch die anderen Figuren sind sehr glaubwürdig und man schließt sie schnell ins Herz. Es gibt ein paar Parallelen zu “Schlafes Bruder”: Der Charakter von Jakob ist dem von Elias ähnlich, Orgelmusik, eine Kirche und seltsame Erscheinungen in derselben, ebenso das Thema der unerfüllten Liebe. Trotzdem hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass Schneider einfach nur versucht an seinen größten Erfolg anzuknüpfen.
Sehr interessant waren die Einblicke in Bachs Leben und Werk bzw. vor allem in die Welt der Musikforschung (hier ist es vielleicht interessant zu wissen, dass R. Schneider Musik- und Theaterwissenschaft studiert hat). Die Liebe des Autors zur Musik ist unverkennbar zu spüren. Neben der Musik ist ein weiteres großes Hauptthema des Buches die Suche nach Anerkennung: Jakob wird von seinem Vater abgelehnt und in seinen Leidenschaften nicht ernst genommen, so wie er von der Experten nicht anerkannt wird und weder als Komponist noch als Forscher Erfolge aufweisen kann. Die Aussöhnung mit sich selbst und der Ablehnung, die er erfahren hat, ist der Kernpunkt in der Entwicklung von Jakob.
Zusammenfassend kann ich sagen: Nicht ganz so “groß” wie die Rheintal-Trilogie, aber auf jeden Fall lesenswert.
Isaac Asimov: Die Foundation-Trilogie
1. March 2009 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Die Psychohistorie ist die Quintessenz der Soziologie; sie ist die Wissenschaft vom menschlichen Verhalten, reduziert auf mathematische Gleichungen. … Das einzelne menschliche Wesen ist unberechenbar, aber auf die Reaktionen von Menschenmassen, so Seldon, lassen sich die Methoden der Statistik anwenden. Je größer die Masse, eine desto größere Genauigkeit kann erzielt werden.
Hari Seldon, der letzte große Wissenschaftler des Ersten Imperiums, sagt mit Hilfe der Psychohistorie den Zerfall des galaktischen Imperiums und eine dreißigtausend Jahre andauernde Zeit der Barbarei voraus. Er ersinnt aufgrund seiner Berechnungen einen Plan, der diese Zeit der Barbarei auf nur tausend Jahre verkürzen soll. Zu diesem Zweck gründet er zwei “Foundations”: Wissenschaftler-Kolonien, die seinen Plan zu Ende führen und später die Grundlage für das neue Imperium bilden sollen.
Es gibt viele Dinge, die an dieser Trilogie faszinierend sind: Da ist einmal die Tatsache, dass die Geschichte in einer Zeit spielt, die so fern in der Zukunft liegt, dass die Erde und die Tatsache, dass das menschliche Leben auf ihr entstanden ist, nur noch eine Legende ist. Unvorstellbar irgendwie, dass alles was wir jetzt haben – dieser Planet – irgendwann einmal so völlig unbedeutend sein wird. Und die Bedeutungslosigkeit zeigt sich auch darin, dass sich die Geschichte über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten erstreckt. Einzelne Charaktere tauchen auf, sind in ihrer Zeit wichtige Handlungsträger, aber im nächsten Kapitel schon sind wieder viele Jahre vergangen und diese einst so bedeutenden Menschen sind längst wieder Vergangenheit.
Diese Art des Erzählens führt auch dazu, dass man sich so gut wie gar nicht mit irgendwelchen Figuren identifizieren kann. Die gesamte eigentliche Handlung des Buches besteht zu einem großen Teil aus Dialogen, wichtige Ereignisse wie Kriege etc. werden quasi im Zeitraffer erzählt. Es geht in der Geschichte nicht um einzelne Menschen, sondern um eine Grundidee – die Idee der Voraussagbarkeit menschlichen Verhaltens, die Idee eines Plans und die Komplikationen, die trotz dieses sorgfältig ausgearbeiteten Plans auftreten. Und das ist der nächste faszinierende Punkt: Der Seldon-Plan.
Zwei Foundations. Die erste Foundation wird in der Peripherie der Galaxis gegründet, und nichts an dieser Gründung wird dem Zufall überlassen:
Wir haben den Planeten und den Zeitpunkt für Ihre Aussiedlung so ausgewählt, dass Sie in fünfzig Jahren an einen Punkt manövriert worden sind, von dem aus Sie keine Handlungsfreiheit mehr haben werden. Von jetzt an ist Ihnen der Weg für die nächsten Jahrhunderte vorgezeichnet.
Aber, fragt man sich beim Lesen, ist es denn wirklich möglich, das Verhalten einer so großen Masse vorauszuberechnen? Kann man wirklich alle Möglichkeiten, alle Faktoren berücksichtigen? Was ist mit dem Individuum – ist es wirklich nicht möglich, dass ein einzelner Mensch den Lauf der Geschichte verändern kann?
Laut Hari Seldon ist es nicht möglich, aber es zeigt sich, dass er sich getäuscht hat. Ein Wesen, “das Maultier” genannt, durchkreuzt den Seldon-Plan. Das Maultier ist ein Mutant mit besonderen Fähigkeiten, eine statistische Unwahrscheinlichkeit, die Seldon nicht voraussehen konnte. Während der erste Teil der Trilogie (”Foundation”) sich mit der ersten Foundation und den Krisen, die sie durchlebt, befasst, dreht sich im zweiten Teil (”Foundation und Imperium”) alles um das Maultier und sein Streben nach der Herrschaft über die Galaxis.
Im dritten Teil (”Zweite Foundation”) geht es schließlich um die Suche nach der zweiten Foundation, über die nichts bekannt ist, außer dass sie laut Seldon “am anderen Ende der Galaxis” gegründet wurde. Und hier jagt dann eine unerwartete Wendung die andere – man glaubt immer wieder, den Plan durchschaut zu haben und sieht sich dann doch wieder mit unerwarteten Ereignissen konfrontiert, bis sich am Ende dann alles so zuspitzt, dass man gar nicht mehr weiß, was man eigentlich glauben soll.
Wer einen typischen SF-Roman mit Weltraumschlachten & fremden Rassen & innovativer Technologie sucht, wird hier definitiv enttäuscht werden. Wer aber Interesse an einem interessanten Gedankenexperiment und an einem faszinierenden Ausblick in eine der vielen möglichen Entwicklungen der Zukunft der Menschheit hat, dem kann ich dieses Buch wirklich nur empfehlen!
Josie Litton: Wikinger meiner Träume
1. March 2009 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Na das war mal eine interessante Leseerfahrung! Wie schon berichtet, fand ich die ersten Kapitel wirklich noch lustig. Auf eine “das ist so blöd, dass es schon wieder lustig ist”-Art. Aber dann, mit jeder Seite mehr, dachte ich nur noch: Bitte mach, dass das Buch bald zuende geht! Ich mag schon auch gerne Bücher, die ich ohne viel Nachdenken genießen kann, Entspannungslektüre, die nicht viel Aufmerksamkeit braucht, zum Hirn abschalten und mich berieseln lassen (Rosamunde Pilcher zum Beispiel, die man mit dem hier aber kein bisschen vergleichen kann). Aber es sollte zumindest irgendwas dahinter sein. Ein kleines bisschen wenigstens. Ich kenne andere Bücher dieses Genres nicht, kann also nicht beurteilen, ob ich einfach nur ein schlechtes erwischt habe oder ob die alle so sind. Ich werde es aber auf keinen weiteren Versuch ankommen lassen
Das Problem ist auch, dass ich generell kein großer Romantik-Fan bin, zumindest mag ich diese typischen Liebesgeschichten nicht, in denen sie sich verlieben, es vielleicht ein paar Probleme gibt, sie am Schluss aber glücklich miteinander sind. Und mein Wikinger war genau das in ganz schlimm & übertrieben. Vielleicht hätte ich es nicht so schnell in einem Stück, sondern eher häppchenweise lesen sollen – 30 Seiten auf einmal gehen ja gerade noch, aber alles was mehr ist, ist nur noch anstrengend und nervig.
Aber ich habe mich tapfer durchgekämpft durch die Geschichte, auch wenn ich gestehen muss, dass ich die letzten 30 Seiten dann nur noch quergelesen habe. Und dann kamen endlich die letzten Zeilen:
Dunkelheit sinkt herab, aber heller Fackelschein erleuchtet die Nacht so wie die Liebe, wie der Traum vom Frieden, der die künftigen Jahre überstrahlen wird. In ferner Zukunft werden die Erben der drei Paare ihren eigenen Herausforderungen begegnen, ihre eigenen Abenteuer bestehen, in immer währender Liebe ihr eigenes Glück finden.
Und ich dachte: Ich gönn euch das alles von Herzen, liebe Erben – hauptsache nur, ich muss darüber nichts mehr lesen
Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen
12. January 2009 - Kategorie: Rezension | 5 Kommentare

Philip Perlmann, ein angesehener Sprachwissenschaftler, trifft sich in einem Hotel mit anderen Wissenschaftlern zu einer mehrwöchigen Fachtagung. Was keiner seiner Kollegen ahnt: Er hat nichts mehr zu sagen, zweifelt an seinen Fähigkeiten und hat den Glauben an die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Tätigkeiten verloren. Er, der die Tagung leiten soll, hat keinen Beitrag vorbereitet und schafft es auch in den ersten Wochen nicht, etwas zu schreiben – stattdessen vertieft er sich in die Übersetzung eines russischen Manuskriptes und verstrickt sich in Lügen. Als der Termin für seinen Vortrag immer näher rückt, zieht sich auch die Schlinge, die er sich durch sein Schweigen selbst geknüpft hat, immer enger zusammen, und Perlmann gerät in eine scheinbar auswegslose Situation.
Die Geschichte ist im Grunde eine Charakterstudie und ich habe noch nie ein Buch gelesen, dass so authentisch und wahr ist was den psychologischen und emotionalen Inhalt betrifft. Man könnte den eigentlichen Inhalt so zusammenfassen: Hier wird aufgezeigt, was passieren kann, wenn man versucht, Erwartungen zu entsprechen, denen man – aus welchen Gründen auch immer – einfach nicht entsprechen kann. Wie sehr man sich selbst in etwas verstricken kann, wenn man schweigt und versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten – und wie weit man zu gehen bereit ist, um sie aufrecht zu erhalten.
Und all das erzählt Pascal Mercier so authentisch, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Außerdem ist das Buch unglaublich spannend, aber es ist nicht die typische Krimi/Thriller-Spannung, die meistens doch eher oberflächlich bleibt, sondern eine, die viel tiefer geht und die ich in dieser Art noch nie so erlebt habe. Ich war beim Lesen so emotional involviert in die Geschichte, dass ich zwischendurch aufhören und mir bewusst machen musste, dass das alles nicht echt passiert, dass ich aufatmen und mich entspannen kann, dass das nicht meine Geschichte ist. Man kann einfach nicht anders als mitleiden und jedes Mal hoffen, dass es Perlmann auch diesmal gelingt, sein Versagen (und alles andere was passiert, was ich aber natürlich nicht verraten möchte) zu verbergen und die anderen ein weiteres Mal zu täuschen.
Den Großteil des Buches machen die Gedanken und Überlegungen Philip Perlmanns aus, die Rahmenhandlung wird sehr detailliert geschildert. Das klingt jetzt vielleicht nach viel Langeweile, aber ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, außerdem halte ich es für einen tollen Kunstgriff, denn die zwanghafte Wiederholung von Gedanken und die Fokussierung auf äußere Details sind in so einer Situation normal, was das Buch auch zu einem guten Beispiel dafür macht, wie man den Sprachstil zur Vermittlung des Geschehens einsetzen kann.
Ganz allmählich begann er zu ahnen, dass er jahrzehntelang mit einem Irrtum gelebt hatte. Es war gar nicht wahr, dass Abgrenzung hieß, sich abzuschirmen und einzumauern wie in einer inneren Festung. Worauf es ankam, war etwas ganz anderes: dass man, wenn die anderen es erfuhren, furchtlos und ruhig zu dem stand, was man im Innersten war.
Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, bin ich erstmal 20 Minuten lang wie betäubt dagesessen, weil mich die Geschichte ziemlich erschüttert hat. Das Tragische am Ende ist nämlich: Die Erkenntnis über den jahrzehntelangen Irrtum ist zu spät gekommen, weil das, wozu ihn sein Schweigen beinahe geführt hätte, alles verändert hat; weil er eine Grenze überschritten hat, nach der man nicht mehr einfach so weitermachen kann wie bisher. Und was mich ganz besonders beeindruckt: Dass Pascal Mercier es schafft, diese eigentlich unvorstellbare Verstrickung so plausibel zu machen, dass sich (ich kann es mir nicht anders vorstellen) jeder am Ende denken muss: Das könnte mir auch passieren.
Langer Rede kurzer Sinn: Eines der besten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und ich freue mich jetzt auch schon sehr auf “Der Klavierstimmer” (”Nachtzug nach Lissabon” und “Lea” hab ich schon gelesen, die fand ich beide auch gut, aber lange nicht so brillant wie den Perlmann).
Zeruya Shalev – Liebesleben
15. December 2008 - Kategorie: Rezension | 10 Kommentare

Ja’ara, eine junge, verheiratete Frau, trifft, als sie ihre Eltern besuchen will, auf Arie, einen Jugendfreund ihres Vaters. Und verfällt ihm, vom ersten Augenblick an. Sie trifft sich immer wieder mit ihm und es entwickelt sich eine obsessive, demütigende Beziehung zu diesem älteren Mann, der rätselhaft und tyrannisch ist. Immer wieder versucht sie, zu ihrem alten Leben, ihrem Mann, der Arbeit an der Universität, zurückzukehren, kann sich aber der Anziehungskraft Aries und ihrer eigenen Abhängigkeit von dieser Beziehung nicht mehr entziehen.
Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang, die Hand auf der Türklinke, ich begann zurückzuweichen, schaute nach, ob ich mich vielleicht im Stockwerk geirrt hatte, aber das Namensschild beharrte hartnäckig darauf, dass dies ihre Wohnung war, wenigstens war es ihre Wohnung gewesen, und mit leiser Stimme fragte ich, was ist mit meinen Eltern passiert, und er öffnete weit seinen großen Mund, nichts ist ihnen passiert, Ja’ara, mein Name rutschte aus seinem Mund wie ein Fisch aus dem Netz, und ich stürzte in die Wohnung, mein Arm streifte seinen kühlen glatten Arm, ich ging an dem leeren Wohnzimmer vorbei, öffnete die verschlossene Tür ihres Schlafzimmers.
Das ist der erste Satz, und nachdem ich den gelesen hatte, dachte ich: Okay. Das geht aber nicht das ganze Buch lang so, oder? Weil wenn ja, dann halte ich das bestimmt nicht durch.
Tja, es geht das ganze Buch lang so, und ich habe es durchgehalten. Nämlich gerade dieses Stils wegen. Das ganze Geschichte ist ein innerer Monolog der Protagonistin, keine direkten Dialoge, nur lange, introspektive Sätze. Und gerade das macht es so faszinierend: Diese Sprache ist hypnotisierend, man wird hineingezogen in die Gedankenwelt von Ja’ara und findet irgendwie nicht mehr hinaus. Es liest sich erstaunlich flüssig, eben weil man von Satz zu Satz weitergetrieben wird – ein richtiger Sog.
Interessant waren für mich beim Lesen vor allem meine eigenen widersprüchlichen Emotionen: Auf der einen Seite konnte ich Ja’ara nicht verstehen – dass sie alles aufgibt für diesen seltsamen (und überaus unsympathischen) Menschen, von dem sie eigentlich nichts erwarten kann, und als sie am Ende wieder mal zu ihrem Mann zurückkehren wollte, dachte ich nur: Tu das bloß nicht – du hast den doch gar nicht verdient. Und auf der anderen Seite war ihr Verhalten nachvollziehbar: Manchmal passiert es einem eben, so eine Obsession. Wo alles andere in den Hintergrund rückt und man sein ganzes Denken und Fühlen auf etwas konzentriert, das es vielleicht gar nicht wert ist, man aber trotzdem nicht anders kann.
Man fühlt sich fast ein bisschen voyeuristisch beim Lesen dieses Buches, so authentisch wirkt das Geschriebene, als wäre man unbeabsichtigt in den Kopf einer realen Person geschlüpft und würde ihre Gedanken lesen können, und man ist gleichzeitig fasziniert und abgestoßen von der (fast schon krankhaften) Abhängigkeit, in die sich diese Person begibt. Aber irgendwie beneidet man sie auch wegen der Fähigkeit, etwas in seiner ganzen Intensität so zuzulassen, ohne Rücksicht auf das bisherige Leben. Die Vorstellung, alles liegen und stehen zu lassen für einen Menschen oder eine Sache oder was auch immer finde ich persönlich irgendwie schon auch anziehend.
Auf jeden Fall will ich jetzt noch was von Zeruya Shalev lesen – falls jemand eine Empfehlung für mich hat, nur her damit
Stieg Larsson – Vergebung
14. September 2008 - Kategorie: Rezension | 5 Kommentare

Ach, was für ein Buch. Was für ein perfekter Abschluss für die Millenium-Trilogie. Ich bin wirklich froh, dass ich mit dem Lesen gewartet habe bis ich genügend Zeit hatte – ich hätte um keinen Preis zwischendrin aufhören können, denn handlungsmäßig gesehen ist “Vergebung” definitiv das spannendste der drei Bücher. Diese Mischung aus Regierungs-, Journalisten- und am Ende auch ein wenig Gerichts-Thriller ist unwiderstehlich und erstaunlich gut gelungen. Faszinierend, wie Larsson die vielen Handlungsfäden zusammenführt, wie die unterschiedlichen Interessensgruppen schließlich zusammenarbeiten, um die Verschwörung rund um Lisbeth Salander aufzudecken.
Die Charaktere, von denen man den größten Teil schon in “Verblendung” und “Verdammnis” kennengelernt hat, werden immer komplexer & interessanter – allen voran natürlich Lisbeth, von der ich wirklich nur sagen kann, dass sie unglaublich ist. Ich liebe dieses Mädchen *lach*. Und auch die anderen Figuren, Mikael natürlich, aber auch seine Schwester oder Sonja Modig sind mir richtig ans Herz gewachsen. Das liegt zu einem gewissen Teil übrigens auch daran, dass Larsson immer wieder sehr alltägliche Handlungen beschreibt: Was sie essen, was sie anziehen etc. Es würde mich nicht wundern, wenn andere das nervig finden, aber ich finde es toll. Ich mag solche Details, weil sie das Geschehen realistisch machen.
Was die Handlung betrifft, möchte ich nichts verraten, deshalb nur so viel: Sie ist komplex, ohne aber zu verwirren. Und wirklich verdammt spannend, bis zur letzten Seite. Mit der Entwicklung der Beziehung zwischen Mikael & Lisbeth – für mich die interessanteste Komponente der Trilogie – war ich auch mehr als zufrieden – es passt einfach & bleibt realistisch.
Natürlich hat das Buch kleine Schwächen: Zu viele glückliche Zufälle, und die Nebengeschichte um Erika Bergers Problem wirkte irgendwie konstruiert und hat die Handlung nur unnötig aufgeblasen, aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten. Es bleibt wenig offen – man kann die Trilogie eigentlich als abgeschlossen ansehen, merkt aber schon auch, dass da noch Folgebände hätten kommen sollen. Dass Larsson so früh und unerwartet gestorben ist und es keine weiteren Bände um Lisbeth und Mikael geben wird, tut wirklich weh.
Noch eine Anmerkung zu den Titeln: Es nervt zwar, dass diese nicht original übersetzt wurden, aber abgesehen davon finde ich die deutschen Titel gar nicht so schlecht gewählt, weil sie eigentlich perfekt auf den Punkt bringen, was mit Lisbeth bzw. in der Beziehung zwischen ihr und Mikael passiert. Und sie haben eine einheitliche Linie, im Gegensatz zu den englischen Titeln: “The Girl with the Dragon Tattoo”, “The Girl Who Played with Fire”, “Castles in the Sky” (wobei der letzte Titel noch nicht bestätigt ist). Warum den zweiten Band wörtlich übersetzen, den ersten ganz anders und den dritten so halb richtig? Die Orginialtitel lauten (laut diversen Internetquellen, ich selbst kann leider kein Schwedisch): “Männer, die Frauen hassen”, “Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte” und “Das Luftschloss, das gesprengt wurde”. Aber wie auch immer, ich beneide jeden, der diese Trilogie noch vor sich hat. Und freue mich schon sehr darauf, sie in ein paar Jahren wiederzulesen.
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Doch im Allgemeinen schweigen sich die Geschichtsbücher über weibliche Kriegerinnen aus, die als gewöhnliche Soldaten den Umgang mit der Waffe erlernten, in ein Regiment eintraten und unter denselben Bedingungen wie die Männer an Schlachten gegen feindliche Heere teilnahmen. Dennoch hat es sie immer gegeben. Kaum ein Krieg hat sich ohne weibliche Beteiligung abgespielt.
