Cormac McCarthy – Grenzgänger
29. June 2008 - Kategorie: Rezension | 1 Kommentar

New Mexico in den 40er Jahren: Der 16-jährige Billy Parham verlässt sein Elternhaus und macht sich auf den Weg nach Mexiko, um eine trächtige Wölfin, die er gefangen hat, dort wieder freizulassen. Als er, Monate später, zurückkehrt, findet er das Haus verlassen vor: die Eltern ermordet, die Pferde gestohlen – nur sein zwei Jahre jüngerer Bruder Boyd hat überlebt. Mit ihm macht er sich abermals nach Mexiko auf, um die gestohlenen Pferde zu finden. Cormac McCarthy entwirft mit “Grenzgänger” das faszinierende Portrait zweier Länder und ihrer Bewohner und erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Suche nach der eigenen Identität und nach Heimat auch mit dem letzten Satz des Buches noch nicht ihr Ende gefunden hat.
Es fällt mir schwer, etwas zu diesem Roman zu schreiben, das ihm auch wirklich gerecht werden kann, weil er einfach nur überwältigend ist und zu den atmosphärisch beeindruckendsten Büchern zählt, die ich bis dato lesen durfte. Landschaftsbeschreibungen, die einen unvermittelt in die raue Realität des Grenzlandes katapultieren, eine Sprache, die karg und präzise ist, aber niemals unberührt lässt, Szenen, die ich nie vergessen werde, weil sie so intensiv sind, so wunderschön. “Grenzgänger” greift große Themen auf: Identitätsfindung, Heimatlosigkeit, Einsamkeit – und McCarthy ist diesen Themen auch mehr als gewachsen.
Besonders beeindruckt war ich von seiner Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren greifbar und nachvollziehbar zu machen, ohne ein einziges Mal z. B. zu schreiben „Billy war traurig“ (um es jetzt einmal ganz banal zu sagen). Trauer, Eifersucht, Angst… er muss diese Emotionen nicht benennen, er drückt sie in Szenen aus, die in ihrer Bildgewalt und Symbolik ihresgleichen suchen. Und das ist für mich wirklich große Literatur: Wenn die Gefühle nicht mehr ausgesprochen werden müssen, sondern sich aus dem Kontext von Handlung & Sprache von selbst ergeben und so umso stärker auf den Leser wirken.
Am besten gefällt mir der erste Teil des Buches. Schon in den ersten paar Seiten gibt es eine für mich unvergessliche Szene, in der Billy in einer verschneiten Nacht ein Rudel Wölfe beobachtet; dann die Geschichte um die Wölfin, ihre Gefangennahme und Billys Plan, sie zurück in ihre Heimat zu bringen, die Reise durch das Grenzland bis hin zu dem tragischen Ende… dazu später ein ausführlicheres Zitat.
Je länger ich über “Grenzgänger” nachdenke (und ich denke eigentlich ständig daran, seit ich es letztes Wochenende gelesen habe), desto lieber wird mir das Buch, und ich hätte nicht schlecht Lust, es gleich noch einmal zu lesen, vor allem weil ich auch das Gefühl habe, dass man beim ersten Mal gar nicht alles erfassen kann, was McCarthy an Symbolik etc. in sein Werk gelegt hat. Bleibt mir nur noch zu sagen: Unbedingt lesen & sich von dieser Geschichte in ehrfürchtiges Staunen versetzen lassen.
“Grenzgänger” ist übrigens der mittlere Teil der “Border-Trilogie”, die mit „All die schönen Pferde“ beginnt und mit „Land der Freien“ endet. Im Dezember 2008 erscheint bei Rowohlt ein Sammelband, der diese drei Romane in einem Buch vereint (und das für nur 15 €).
Alberto Manguel – A Reading Diary
19. June 2008 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Ein Jahr, zwölf Bücher: Jeden Monat, von Juni 2002 bis Mai 2003, liest Alberto Manguel eines seiner Lieblingsbücher wieder & führt über die Lektüre Tagebuch. Was dabei herauskommt, ist ein persönliches, wunderschönes Buch über die Liebe zur Literatur und die Verknüpfungen zwischen dem eigenen Leben und den Büchern, die es begleiten. Alles scheint miteinander verwoben zu sein: Weltpolitische und private Geschehnisse spiegeln sich in den Geschichten wieder (oder umgekehrt, je nach Betrachtungsweise); die Erfahrungen & Erkenntnisse der Figuren werden mit Betrachtungen über die eigene Person vernetzt. Manguel schreibt intelligent & mitreißend und hat mich auf viele Bücher, von denen er erzählt, neugierig gemacht, vor allem auf die Werke von H. G. Wells (”Die Insel des Dr. Moreau”, “Die Zeitmaschine” und “Der Unsichtbare” liegen schon im Amazon-Einkaufswagen) sowie auf Chateaubriands “Mémoires d’outre-tombe”, die online in einer englischen Übersetzung zu finden sind. Auf Deutsch wären sie mir allerdings lieber – ein so umfangreiches & anspruchsvolles Werk auf Englisch zu lesen würde mich wohl doch sehr überfordern.
Was mich an der Lektüre von Alberto Manguels “A Reading Diary” so begeistert, ist die Bestätigung, die ich durch sie erfahre: Es ist in Ordnung, das eigene Leben dem Lesen und den Büchern widmen zu wollen. In manchen Momenten frage ich mich nämlich: Ist das nicht zu wenig für ein Leben? Aber woran will ich das messen? Natürlich kann man nicht für die Zukunft sprechen, aber ich werde wohl nie etwas anderes sein als eine Leserin, eine Liebhaberin von Sprache, Literatur, Worten, Geschichten.
“A Reading Diary” hat mich auf jeden Fall den Vorsatz fassen lassen, reflektierter zu lesen. Nicht nur die Worte und Geschehnisse aus den Büchern aufzunehmen, sondern auch die Gedanken, die hinter ihnen stehen; mein Leben & die Welt um mich in Beziehung zu meiner Lektüre zu setzen. Vita brevis est, und es gibt noch so viel zu lesen, und ich möchte so viel davon haben wie nur möglich.
Am Ende des Vorwortes schreibt Manguel:
Scientists have imagined that, before the universe came into being, it existed in a state of potentiality, time and space held in abeyance – “in a fog of possibility”, as one commentator put it – until the Big Bang. This latent existence should surprise no reader, for whom every book exists in a dreamlike condition until the hands that open it and the eyes that peruse it stir the words into awareness. The following pages are my attempt to record a few such awakenings.
Ich kann nur jedem empfehlen, sich auf diesen Versuch einzulassen.
Karen Duve – Regenroman
7. June 2008 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare

Habe Karen Duves “Regenroman” soeben beendet, nachdem ich gestern Abend schon mehr als die Hälfte in einem Zug gelesen und das Buch nur aufgrund unüberwindbarer Müdigkeit nicht sofort beendet hatte. Anfangs war ich mehr als begeistert: Der Regen, die Stimmung, die Protagonisten, die mir beide herzlich unsympathisch waren (vor allem Leon), was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch getan hat; sprachlich hervorragend, flüssig zu lesen (ist lustig, das gerade bei diesem Buch zu schreiben). Aber vor allem: der Regen. Feuchtigkeit, Schnecken, Schleim, Moor, Verwesung, Nässe. Der Verfall des Hauses, parallel dazu der Verfall der Protagonisten und ihrer Beziehung zueinander. Atmosphärisch sehr dicht, man konnte den Moder beim Lesen beinahe riechen.
Gegen Ende hin wurden mir die Geschehnisse dann aber zu extrem: Der Besuch des Zuhälters, die Vergewaltigung, der Mord … all das hätte es nicht gebraucht – das Buch war eindringlich genug & diese Extrema haben die Eindringlichkeit durch ihre oberflächlichen Schockeffekte zum Teil zunichte bzw. lächerlich gemacht.
Jetzt überlege ich, ob noch ein Buch von Duve auf meine Wunschliste soll. Einerseits bin ich von ihrem Talent überzeugt (vor allem sprachlich hat sie einiges drauf), andererseits interessieren mich ihre seitdem erschienenen Bücher thematisch nicht so sehr. Aber diese Entscheidung eilt ja nicht.
Tom Rob Smith – Kind 44
2. June 2008 - Kategorie: Rezension | 3 Kommentare

Moskau im Jahr 1953: Die Leiche eines Jungen wird auf Bahngleisen gefunden – ein Unfall, wie es von offizieller Seite her heißt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow wird zu der Familie des Verstorbenen geschickt, um die Eltern von ihrer Überzeugung, ihr Kind sei ermordet worden, abzubringen, denn: In einem perfekten Staat kann es keine Verbrechen geben.
Kurz darauf erhält Leo den Befehl, seine eigene Frau Raisa zu überwachen und zu denunzieren. Er weigert sich, wird degradiert und zusammen mit Raisa in den Ort Wualsk versetzt. Dort stößt er auf die Leiche eines jungen Mädchens und erkennt schnell, dass die beiden Verbrechen erschreckende Parallelen aufweisen und der Tod des Jungen kein Unfall war. Trotz seiner unsicheren Position beginnt er, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen und stößt auf viele weitere Morde. Gejagt vom Geheimdienst macht er sich zusammen mit Raisa auf die Suche nach dem Mörder.
Dieser Thriller lebt für mich vor allem von der atmosphärisch dichten Beschreibung der Zeit des Stalin-Regimes. Das Leben in einem totalen Überwachungsstaat, in dem man niemandem vertrauen, sich nie wirklich sicher fühlen kann, wird eindrucksvoll dargestellt. Vor allem die Tatsache, dass von Leo erwartet wird, seine eigene Frau zu überwachen und sie als Spionin zu entlarven, hat mich sehr betroffen gemacht, ebenso die Verhaftung des Tierarztes, die nur zu deutlich zeigt, dass es in diesen Zeiten egal war, ob man unschuldig ist oder nicht: Folter erzeugt Schuld, wenn diese verlangt wird.
Gut gefallen hat mir auch die Wandlung Leos, der anfangs überzeugt vom Regime und seinen Regeln ist, bald dann aber zu zweifeln beginnt und sich schließlich eine neue Identität jenseits seiner alten Überzeugungen erarbeiten muss. Er, der vorher selbst Menschen ausgeliefert und dadurch ihre Existenzen und die ihrer Familien zerstört hat, erfährt bald am eigenen Leib, wie es ist, in Ungnade zu fallen und ein Leben in Verfolgung und Angst leben zu müssen.
(Achtung, Spoiler!) (more…)
Wajdi Mouawad – Verbrennungen
23. May 2008 - Kategorie: Rezension | Kommentieren

Nawal Marwan, die fünf Jahre vor ihrem Tod zu sprechen aufgehört hat, hinterlässt ihren Kindern Jeanne und Simon, einem Zwillingspärchen, ein rätselhaftes Testament: Sie sollen ihren Vater, den sie für tot hielten und ihren Bruder, von dessen Existenz sie nichts wussten, finden. Widerwillig, denn das Schweigen der Mutter hat die Kinder von ihr entfremdet, machen sich die beiden auf die Suche nach ihren Wurzeln in dem Land, aus dem ihre Mutter einst geflohen ist, hinein in die Geschichte eines Bürgerkrieges und hinein in eine Vergangenheit, die ihnen das schreckliche Geheimnis ihrer Herkunft offenbart.
Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle. Man zieht es nicht so leicht heraus.
Diese Worte und die Wahrheit, die hinter ihnen liegt, ziehen sich durch das gesamte Werk, aber Verbrennungen ist nicht nur ein Stück über die Verletzungen der Kindheit oder die Schrecken, die von Kriegen hervorgebracht werden: es erzählt auch von der Notwendigkeit des Schweigens und seinen Gefahren, von Konflikten, die sich über Generationen hinwegziehen und von dem ewigen Kreislauf der Vergeltung, in dem Opfer wie Täter gefangen sind.
Der im Libanon geborene kanadische Autor Wajdi Mouawad verwebt in seinem zehnten Theaterstück (es ist das erste, das in die deutsche Sprache übersetzt wurde) gekonnt verschiedene Zeit- und Handlungsebenen miteinander, was anfangs ein wenig irritierend ist, dann aber umso eindringlicher die Verstrickungen der Protagonisten und die Zeitlosigkeit der aufgegriffenen Themen deutlich macht.
Ich hatte seit meiner Schulzeit kein Theaterstück mehr gelesen; umso neugieriger war ich auf dieses Büchlein, das ich zum Geburtstag geschenkt bekam. Ich bin nicht sehr leicht durch etwas zu schockieren, vor allem nicht in der Literatur, aber Verbrennungen hat mich sprachlos und sehr aufgewühlt zurückgelassen. Beeindruckt war ich vor allem auch von der Sprache, die sehr bildhaft und eindringlich ist.
Hier findet man Informationen über die Inszenierung von Stefan Bachmann am Wiener Akademietheater, wo das Stück am 21. Juni 2008 noch einmal aufgeführt wird.
Henning Mankell – Die italienischen Schuhe
26. March 2008 - Kategorie: Rezension | 2 Kommentare
In seinem Leben vor der Einsamkeit war Frederik Welin Chirurg. Nach einem Ereignis, das er selbst nur “die Katastrophe” nennt und das seiner beruflichen Laufbahn ein abruptes Ende setzt, zieht er sich auf eine abgelegene Schäreninsel zurück, wo der einzige menschliche Kontakt der zu dem hypochondrischen Postboten Jansson ist. In seinem Wohnzimmer wächst ein Ameisenhaufen und jeden Morgen im Winter hackt er ein Loch in das Eis und steigt in das kalte Wasser, weil danach, wie er sagt, die Einsamkeit leise verklingt.
An einem solchen Wintertag, viele Jahre nach der Katastrophe, findet die erste Begegnung zwischen dem Leser und Welin statt. Wir erfahren, wie es dazu gekommen ist, dass er Arzt wurde. Wir lauschen mit ihm dem Gesang des Eises. Und wir sehen zu, wie die Frau, die er vor 40 Jahren geliebt und ohne ein Wort verlassen hat, plötzlich auf dem Eis vor seinem Haus steht.
Harriet ist todkrank, und sie ist gekommen, um ein Versprechen einzufordern, das er ihr vor langer Zeit gegeben hat: Mit ihr zu einem Waldsee zu fahren, den er in seiner Jugend mit seinem Vater besucht hat. Und Frederik hält sein Wort. Er verlässt seine Festung und macht sich mit Harriet auf eine Reise, die in weiterer Folge nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das vieler anderer Menschen berührt und verändert.
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Henning Mankell erzählt seine Geschichte in einer Sprache, die in ihrer Intensität und Schlichtheit auf sehr schöne Weise sowohl das Außen als auch das Innen seines Protagonisten widerspiegelt: die Eislandschaft der schwedischen Schären und die karge Seelenlandschaft eines Menschen, der sich schon lange von der Gesellschaft und vor allem von sich selbst zurückgezogen hat.
Eine der stärksten Szenen ist das Fest, das sie auf Wunsch von Harriet, die im Sterben liegt, auf Welins Insel feiern. Hier hat Mankell perfekt die Stimmung eines solchen Abends eingefangen, an dem alles leuchtet, der vom übrigen Leben losgelöst zu sein scheint und für die Zeit seiner Dauer alle Gesetze von Zeit, Leben und Gesellschaft beiseite gelegt hat, um die Intensität der Begegnungen nicht einzuschränken.
Dieses Buch klingt lange nach. Man ist danach ein bisschen wehmütig, ist noch eine Weile gefangen in der leisen Melancholie, die die Geschichte und ihre Charaktere durchzieht, denn natürlich ist am Ende nicht auf märchenhafte Weise plötzlich alles gut. Es gibt Verluste, Eingeständnisse, Fehler. Aber daneben gibt es auch Gewinne und Wiedergutmachung. Und was für mich von dieser Lektüre zurückbleibt, ist die Einsicht, dass es keine allgemeinen Maßstäbe für die Entwicklung des eigenen Lebens geben kann: Man versucht, fehlt, macht weiter. Und wenn man am Ende das Gefühl hat, gescheitert zu sein, muss man sich vielleicht vor Augen halten, dass Scheitern immer subjektiv ist und dass das, was wir Scheitern nennen, manchmal nicht mehr ist als der bestmögliche Weg den zu gehen wir fähig waren und dass dieser Weg genügt, denn:
Bis hierher sind wir gekommen. Nicht weiter. Aber bis hierher.

