Endlich menschlich

12. March 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Und die Dinge würde nicht schmerzen, sondern sich von der Strömung getragen annähern, man könnte sie zuerst leicht, dann fester berühren und sich schließlich von ihnen berühren lassen. Sich auch verletzen lassen. Daran sterben. Das ist nicht wichtig. Aber alles wäre endlich menschlich.

- Alessandro Baricco: Oceano Mare



So selten

28. January 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Doch es ist so selten, dass man ein Bett für seine Müdigkeiten findet.

- Gustave Flaubert an Louise Colet am 27./28.2.1853



Unser Lehrsatz

3. January 2009 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Unser Lehrsatz vom Kampf gegen das Böse, der nie, unter keinen Umständen und unter keinen Verhältnissen aufgegeben werden darf, stimmt im luftleeren Raum oder, was dasselbe ist, auf dem Schreibtisch; aber nicht auf dem Planeten, auf dem wir durch das Weltall rasen wie Hexen auf einem Besen.

- Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht



Als ob es um Steine ginge

12. December 2008 - Kategorie: Zitat | 2 Kommentare

Aber ich weiß gar nicht, wie ich bin, sagte ich, morgens bin ich mutig und abends ein Angsthase, morgens will ich die Welt auf den Kopf stellen und abends möchte ich einen Mann, der auf mich aufpasst, und er sagte, dann such dir einen Mann, der bereit ist, abends auf dich aufzupassen und dich morgens freilässt, vergiss nicht, dass alles möglich ist, die Welt ist offener, als du es dir vorstellst, sie ist ein einziges großes Tor, glaub mir, und ich reagierte gereizt, er sprach wie ein Renovierungsfachmann, so nachdrücklich und selbstsicher, reißen Sie die Wand hier ein, verlegen Sie das Badezimmer dorthin, als ob es um Steine ginge und nicht um ein dermaßen kompliziertes, schwieriges und schwebendes Material wie die Seele.

- Zeruya Shalev: Liebesleben



Ein Buch über nichts

9. October 2008 - Kategorie: Zitat | 6 Kommentare

Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts, ein Buch ohne äußere Bindung, das sich selbst durch die innere Kraft seines Stils trägt, so wie die Erde sich in der Luft hält, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast kein Sujet hätte, oder bei dem das Sujet zumindest fast unsichtbar wäre, wenn das möglich ist. Die schönsten Werke sind jene, die die wenigste Materie enthalten; je mehr der Ausdruck sich dem Gedanken nähert, je enger das Wort daran haftet und verschwindet, um so schöner ist es. Ich glaube, dass die Zukunft der Kunst in dieser Richtung liegt. Ich sehe, dass sie je mehr sie wächst, soweit wie möglich immer ätherischer wird, von den ägyptischen Pylonen bis zu den gotischen Spitzbogen und von den Gedichten der Inder mit zwanzigtausend Versen bis zu den Aufschwüngen Byrons. Die Form verfeinert sich, während sie geschmeidiger wird. Sie gibt alle Liturgie, alle Regel, alles Maß auf; sie verlässt das Epische zugunsten des Romans, den Vers zugunsten der Prosa; sie kennt keine Orthodoxie mehr an und ist frei wie der Wille, der sie hervorbringt. Diese Befreiung vom Stofflichen findet sich in allem wieder, die Regierungen sind ihr gefolgt von den orientalischen Despotien bis zu den zukünftigen sozialistischen Regierungsformen.

Es gibt deshalb keine schönen oder hässlichen Themen, und mann könnte fast als Axiom aufstellen, wenn man sich auf den Standpunkt der reinen Kunst stellt, dass es überhaupt keines gibt, dass der Stil für sich allein eine absolute Art und Weise ist, die Dinge zu sehen.

- Gustave Flaubert an Louise Colet am 16. Jänner 1852



Digitale Welt

23. September 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Aber mit einem Schlag begriff sie, warum der Verstand es gar nicht abwarten konnte, digital zu werden. Warum er diesen Ort so dringend brauchte, an dem es für jeden Aberwitz einen Knopf namens “Rückgängig” gab.

Der größte Wert der plumpen, geistlosen, unaufhaltsamen Digitalisierung lag darin, dass zum ersten Mal bewusst wurde, wie grenzenlos und unerfassbar die analoge Welt für alle Zeiten bleiben würde.

- Richard Powers, Schattenflucht



Ein solches Strahlen

10. September 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Und die Intensität des Fühlens leitet uns in die Irre, ich weiß, dass dem so ist, Rilke verliebte sich in zwei Frauen, die Freundinnen waren. Er heiratete die eine und fuhr fort, die andere zu lieben. Von unserer Moira, die so leidenschaftlich leidvoll mit Brad verheiratet ist, wird erzählt, dass sie, kurz bevor sie mit ihm auf und davon ging, einem alten Freund sagte, sie würde ihn heiraten, wenn er sie noch wolle. Da ist ein solches Strahlen in uns, wenn wir lieben – unser Kreiselkompass wackelt, torkelt umher, droht uns geradewegs aus dem Weltall plumpsen zu lassen. Es erscheint mir nicht ungewöhnlich, dass man mitten im grellsten Schein absolut ekstatischer Gewissheit seiner Liebe zu einer Frau, in seiner funkensprühenden Lebhaftigkeit, ebenso leicht die Hand nach der Frau ausstrecken kann, die neben ihr steht.

- E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter



Ein kleiner Zauber

2. September 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Das Faszinierende an der künstlerischen Kreativität (oder wahrscheinlich an jeder Art von Schaffensprozess) ist der Moment, wenn die nebelhafte, gegenstandslose Idee konkrete Gestalt annimmt, Substanz gewinnt, sich zu einem Ding in einer Welt der Dinge wandelt. Circe, Nimue, Artemis, Athene – all diese alten Hexen müssen das Gefühl gekannt haben, wenn sie bloße Menschen in Fabelwesen verwandelten, den Zauberern ihre Geheimnisse stahlen oder ganze Armeen in Bewegung setzten: Ah, sieh nur, da ist es, das neue Ding: Nennt es Schwein, Krieg, Lorbeerbaum. Nennt es Kunst. Der Zauber, den ich bewirken kann, ist nun ein kleiner Zauber, ein aufgeschobener Zauber. Ich arbeite jeden Tag, aber nichts nimmt Gestalt an. Ich fühle mich wie Penelope, die immer wieder webt und auftrennt.

- Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden



Ein Untier, wild und seltsam

31. August 2008 - Kategorie: Kunst, Zitat | Kommentieren

Cerberus

“Cerberus” | ©Alice Duke

 

Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus,
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß.

Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Höhlen
Mit weitem Bauch, die Hände scharf beklaut,
Vierteilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.

(aus “Die Göttliche Komödie” von Dante Alighieri)



Ganz Asien

24. August 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Sie stellt sich ganz Asien durch die Gesten dieses einen Mannes vor.

- Michael Ondaatje, Der englische Patient



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