Das traurige Meer von Mailand

30. March 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Er wäre am liebsten davongelaufen, um die Müdigkeit und das Schwindelgefühl, das ihn taumeln ließ, zu besiegen, fort aus diesem Zimmer, vielleicht nach Mailand, vielleicht auch nur ans Meer, um ein Boot aufzutreiben und für immer aus dieser Gegend zu verschwinden. Sobald er ans Meer dachte, fiel ihm sein Neffe Salvatore ein, Salvatores Körper mit dem vom Schrot für die Wolfsjagd aufgerissenen Rücken. Er lag am Strand, die Arme vorgereckt, als wollte er ins Wasser springen, um zu fliehen, um schwimmend der Wut der Landarbeiter zu entkommen, die er hatte befreien wollen. Er sah seinen Neffen und hörte seinen neben dem zerfetzten Körper knienden Bruder weinen, schreien und Pisacane und die Revolutionäre verfluchen. Er hatte verstanden.Salvatore verschwand, und an seiner Stelle sah er seinen Jungen, schön, jung, mit dem Lehrerdiplom in der Tasche und dem von einem Gewehrschuss zerrissenen Rücken. Denn so sieht das Ende eines Menschen aus, der die Welt verändern will, der die Gutsbesitzer durch die Landarbeiter ersetzten möchte und der bereitwillig seinen Verstand, seinen Schlaf und seine Freiheit für die Freiheit der anderen opfert, verflucht soll sei sein. Er sah seinen Jungen totenstarr ausgestreckt an einem Mailänder Strand, und Tränen traten ihm in die Augen. Die Stimme seiner Frau holte ihn ins Zimmer zurück, sie, die ihn sanft berührte.
„Anto’“, fragte sie, „was machst du, weinst du? Freust du dich denn nicht?“
Der Mann sah seine Frau an, doch eigentlich sahen seine Augen etwas in viel weiterer Ferne.
„Wenn du wüsstest“, sagte er mit brüchiger Stimme, „wenn du wüsstest, wie traurig das Meer von Mailand ist…“

- Ugo Riccarelli, Der vollkommene Schmerz



Franz Kafka I

29. March 2008 - Kategorie: Literarisches Allerlei, Zitat | Kommentieren

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Heute abend war ich wieder voll ängstlich zurückgehaltener Fähigkeit.

- Franz Kafka, Die Tagebücher

Immer wenn ich Kafkas Tagebücher lese, sehe ich ihn vor mir, wie er in seinem halbdunklen Zimmer sitzt, über den Schreibtisch gebeugt, den Stift fest umklammert, und ich möchte zu ihm hingehen, die Hand auf seinen Arm legen und ihm sagen, dass nicht alles so aussichtslos und streng ist – dass Veränderung möglich ist.

Kafka, der laut Max Brod auf den von Balzac auf dessen Spazierstock eingravierten Satz ‘Ich breche jedes Hindernis‘ mit den Worten ‘Mich bricht jedes Hindernis‘ antwortete.



Perlen & Welten

23. March 2008 - Kategorie: Zitat | Kommentieren

Widme mir deine gesamte Aufmerksamkeit…
nimm mich als deine einzige Zuflucht…
Ich bin der Verursacher: Niemand außer mir.
Auf mir werden diese Welten gehalten wie Perlen auf einer Schnur.
- Upanishaden

Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
- R. M. Rilke



Walt Whitman – Song of Myself

21. March 2008 - Kategorie: Lyrik, Zitat | Kommentieren

Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)

Dieses Zitat aus Walt Whitmans Song of Myself begleitet mich schon sehr lange, und immer wieder, wenn ich in innere Widersprüche verstrickt bin und fassungslos vor der Tatsache stehe, dass die gegensätzlichsten Gefühle oder Wünsche scheinbar unabhängig voneinander Seite an Seite im Raum stehen können, kommen mir diese drei Zeilen in den Sinn. Und sie sind immer tröstlich.

Erst vor ein paar Tagen habe ich den Song of Myself zum ersten Mal von Anfang bis Ende gelesen, und auch diese Zeilen werden mich vielleicht noch lange begleiten:

There was never any more inception than there is now,
Nor any more youth or age than there is now,
And will never be any more perfection than there is now,
Nor any more heaven or hell than there is now.

One world is aware and by far the largest to me, and that is myself

My ties and ballasts leave me, my elbows rest in sea-gaps,
I skirt sierras, my palms cover continents,
I am afoot with my vision.

Undrape! you are not guilty to me, nor stale nor discarded,
I see through the broadcloth and gingham whether or no,
And am around, tenacious, acquisitive, tireless, and cannot be shaken away.



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