Cormac McCarthy – Grenzgänger

notiert von: Eva

GrenzgaengerNew Mexico in den 40er Jahren: Der 16-jährige Billy Parham verlässt sein Elternhaus und macht sich auf den Weg nach Mexiko, um eine trächtige Wölfin, die er gefangen hat, dort wieder freizulassen. Als er, Monate später, zurückkehrt, findet er das Haus verlassen vor: die Eltern ermordet, die Pferde gestohlen – nur sein zwei Jahre jüngerer Bruder Boyd hat überlebt. Mit ihm macht er sich abermals nach Mexiko auf, um die gestohlenen Pferde zu finden. Cormac McCarthy entwirft mit “Grenzgänger” das faszinierende Portrait zweier Länder und ihrer Bewohner und erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Suche nach der eigenen Identität und nach Heimat auch mit dem letzten Satz des Buches noch nicht ihr Ende gefunden hat.

Es fällt mir schwer, etwas zu diesem Roman zu schreiben, das ihm auch wirklich gerecht werden kann, weil er einfach nur überwältigend ist und zu den atmosphärisch beeindruckendsten Büchern zählt, die ich bis dato lesen durfte. Landschaftsbeschreibungen, die einen unvermittelt in die raue Realität des Grenzlandes katapultieren, eine Sprache, die karg und präzise ist, aber niemals unberührt lässt, Szenen, die ich nie vergessen werde, weil sie so intensiv sind, so wunderschön. “Grenzgänger” greift große Themen auf: Identitätsfindung, Heimatlosigkeit, Einsamkeit – und McCarthy ist diesen Themen auch mehr als gewachsen.

Besonders beeindruckt war ich von seiner Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren greifbar und nachvollziehbar zu machen, ohne ein einziges Mal z. B. zu schreiben „Billy war traurig“ (um es jetzt einmal ganz banal zu sagen). Trauer, Eifersucht, Angst… er muss diese Emotionen nicht benennen, er drückt sie in Szenen aus, die in ihrer Bildgewalt und Symbolik ihresgleichen suchen. Und das ist für mich wirklich große Literatur: Wenn die Gefühle nicht mehr ausgesprochen werden müssen, sondern sich aus dem Kontext von Handlung & Sprache von selbst ergeben und so umso stärker auf den Leser wirken.

Am besten gefällt mir der erste Teil des Buches. Schon in den ersten paar Seiten gibt es eine für mich unvergessliche Szene, in der Billy in einer verschneiten Nacht ein Rudel Wölfe beobachtet; dann die Geschichte um die Wölfin, ihre Gefangennahme und Billys Plan, sie zurück in ihre Heimat zu bringen, die Reise durch das Grenzland bis hin zu dem tragischen Ende… dazu später ein ausführlicheres Zitat.

Je länger ich über “Grenzgänger” nachdenke (und ich denke eigentlich ständig daran, seit ich es letztes Wochenende gelesen habe), desto lieber wird mir das Buch, und ich hätte nicht schlecht Lust, es gleich noch einmal zu lesen, vor allem weil ich auch das Gefühl habe, dass man beim ersten Mal gar nicht alles erfassen kann, was McCarthy an Symbolik etc. in sein Werk gelegt hat. Bleibt mir nur noch zu sagen: Unbedingt lesen & sich von dieser Geschichte in ehrfürchtiges Staunen versetzen lassen.

“Grenzgänger” ist übrigens der mittlere Teil der “Border-Trilogie”, die mit „All die schönen Pferde“ beginnt und mit „Land der Freien“ endet. Im Dezember 2008 erscheint bei Rowohlt ein Sammelband, der diese drei Romane in einem Buch vereint (und das für nur 15 €).

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Kommentare

Ein Kommentar zu “Cormac McCarthy – Grenzgänger”

  1. John Steinbeck - Früchte des Zorns am 21. August 2008 13:45

    [...] auch Cormac McCarthys “Grenzgänger” besitzt das Buch eine enorme emotionale Kraft, ohne dass die Emotionen im Text direkt [...]

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