Der feige Autor
notiert von: Eva
“Feige” ist vielleicht ein bisschen hart ausgedrückt: was ich eigentlich meine, ist Inkonsequenz. Eine Geschichte nicht zu dem Ende hin zu erzählen, auf das sie automatisch zusteuert. Oder einzelne Handlungsstränge nicht dorthin zu führen, wo sie hingehören. Das ist natürlich alles sehr subjektiv, weil jeder andere Erwartungen an den Ausgang einer Geschichte hat, aber es gibt Bücher bei denen ich mir sicher bin, dass fast jeder Leser denken würde: Da hat es sich der Autor jetzt aber leicht gemacht / da hat ihn jetzt der Mut verlassen.
Aktuell ist das so beim neuen Roman von Hakan Nesser, “Das zweite Leben des Herrn Roos“. Ich mag Nesser sehr gerne und habe ihn bis jetzt in keinem seiner Bücher als “feige” erlebt, aber hier hat er mich ein bisschen enttäuscht. (ACHTUNG: War das Buch noch lesen möchte sollte nicht weiterlesen, Spoiler!)
Valdemar Roos gewinnt überraschend viel Geld. Er beschließt, davon eine Hütte im Wald zu kaufen, was er heimlich macht, er kündigt seine Arbeit und verschweigt auch das seiner Familie. Was diese Hütte, von deren Existenz nur er selbst weiß, für ihn bedeutet, sagt das der Geschichte vorangestellte Zitat von Per Petterson am besten: Mein ganzes Leben lang habe ich mich nach einem Ort wie diesem hier gesehnt. Aber das Glück ist nur von kurzer Dauer: Ein Mädchen taucht auf, es passiert ein Mord, er flüchtet mit dem Mädchen, das bei dem Mord schwer verletzt worden ist.
Ich mochte die Figur des Valdemar Roos, der von seinen Mitmenschen als “langweilig” und als “Möbelstück” beschrieben wird, sehr gerne, eben weil man als Leser über diesen Menschen mehr weiß als seine eigene Frau und seine Arbeitskollegen. Roos’ Sehnsucht nach einem Ort, an dem er ein eigenes Leben führen kann, hat mich berührt, und seine Beziehung zu dem Mädchen und das Innenleben dieser beiden Menschen wird so schön von Nesser beschrieben, dass ich sehr mit ihnen mitgefühlt habe. Die Geschichte hat von Anfang an eine starke Tragik in sich – die Stimmung, die der Autor schon auf den ersten paar Seiten entwirft, zieht sich durch das ganze Buch. Und hier fängt es an: Ich habe diese Geschichte gelesen und war mir mit jeder Seite mehr sicher, dass sie kein gutes Ende nehmen wird. Und ich wollte auch kein gutes Ende – ein gutes Ende wäre gar nicht möglich, dachte ich.
Das Buch endet nicht wirklich “gut”. Das Mädchen erliegt fast seinen schweren Verletzungen, Roos muss sie zurücklassen als sie in ein Krankenhaus gebracht wird und plant seinen Selbstmord (den man schon erahnt und befürchtet, als man vom Selbstmord seines Vaters erfährt). Beim Lesen des letzten Viertels war ich traurig über den Ausgang mit dem ich gerechnet hatte (er begeht Selbstmord und/oder das Mädchen stirbt), aber gleichzeitig zufrieden, weil ich wusste dass mich diese Geschichte sehr berühren wird, eben weil nicht alles gut wird, weil sie realistisch bleibt.
Aber dann kommen zwei Kleinigkeiten: Die Szene in der Roos sich das Leben nehmen will, in der er schon zum Messer greift, und dann steht da (sinngemäß): “Plötzlich bekam er Zweifel.” Das ist das letzte, was man von ihm liest. Der Kommissar und seine Kollegin, die seinen Abschiedsbrief erhalten haben, fragen sich, ob er sich wirklich das Leben genommen hat oder ob er wieder auf der Flucht ist, und obwohl ich offene Enden sonst gerne mag, hat mich das hier geärgert. Die Vorstellung, dass diese Figur immer noch irgendwo in Europa herumreist, macht mich fast schon wütend. Sein Selbstmord wäre das logische und konsequente Ende seiner persönlichen Geschichte gewesen.
Der andere Punkt ist fast noch unwesentlicher: Die Kommissare versuchen natürlich, da nach den beiden gefahndet wird, etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Über das Mädchen bekommen sie zwei einhellige, aber komplett falsche Einschätzungen von zwei verschiedenen Personen. Und es wäre zwar traurig gewesen, wenn sie diesen Einschätzungen weiterhin geglaubt und das Mädchen bis zum Schluss als eine gefährliche Psychopathin angesehen hätte, aber es hätte der Geschichte mehr Tiefe (und Tragik) verliehen. Stattdessen begreifen sie durch ein kurzes Gespräch mit dem Mädchen, dass es doch ein “guter” Mensch ist.
Gut, ich muss zugeben, ich bin ein Freund von tragischen Geschichten. Aber noch mehr bin ich ein Freund von realistischen Geschichten, und wenn diese zwei Punkte so geschrieben woren wären wie ich es mir gedacht habe, wäre “Das zweite Leben des Herrn Roos” für mich nicht nur ein sehr gutes, sondern ein wirklich herausragendes Buch.
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