Neuentdeckung: Thomas Bernhard
notiert von: Eva
Thomas Bernhard stand bei mir bisher immer auf der selben Stufe wie Peter Handke: Schwer lesbare, nicht begreifbare und langweilige Autoren. Ein ziemlich pauschales Urteil, ich weiß, vor allem weil ich von Bernhard noch nicht mal eine Zeile gelesen hatte. An Handke habe ich mich vor langer Zeit mal versucht, und zwar an “In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus”. Das Buch hatte ich mir gekauft weil ich den Titel interessant fand, ich bin aber nie über die ersten paar Seiten hinausgekommen. Bernhard hingegen war mir immer irgendwie suspekt, so sehr dass ich ihn nicht mal ausprobieren wollte. Aber zum Glück gibt es ja Menschen deren Literaturgeschmack dem eigenen sehr nahe ist, und wenn so jemand begeistert von Thomas Bernhard erzählt wird man neugierig.
Ich habe mich also an seinen Erzählungen versucht und schon die erste, “Die Mütze”, hat mich sehr beeindruckt. Nicht leicht zu lesen wegen den langen Sätzen und den vielen Wiederholungen, aber gerade das macht dann irgendwie den Reiz aus. Auch die nächsten beiden Erzählungen (”An der Baumgrenze” und “Zwei Erzieher”) haben mir gefallen und schließlich habe ich das ganze Buch gelesen.
In allen Geschichten steckt etwas Zwanghaftes, auf zwei Ebenen, einmal die zwanghafte Beschäftigung mit einem Gegenstand oder einer Sache innerhalb der Geschichte und dann die Sprache in der die Geschichte erzählt wird, die durch ihre vielen Wiederholungen ebenso zwanghaft wirkt. Und, und das ist der Hauptgrund warum ich Bernhard jetzt doch so gerne mag, es gibt Parallelen zu Kafka. Erstens einmal die Symbolik, das Gefühl des “Großen Ungesagten”, und vor allem das Motiv der Bedrängnis bzw. des Unerreichbaren. Bei Kafka ist es meistens etwas das von Außen kommt: Das unerreichbare Schloss in “Das Schloss”, dessen Zutritt dem Protagonisten durch undurchschaubare bürokratische Prozesse verwehrt wird; die Verurteilung durch den Vater in “Das Urteil” usw., während bei Bernhard in den Erzählungen die ich bisher gelesen habe die Bedrängnis von innen kommt, zum Beispiel die Schlaflosigkeit des Erziehers in “Zwei Erzieher” oder die unerträglichen Zustände in “Die Mütze”, die den Ich-Erzähler jeden Abend aus dem Haus treiben.
Auch ähnlich ist die Ratlosigkeit, die sowohl Kafka als auch Bernhard in mir hinterlassen. Ich lese eine Erzählung und frage mich danach, was mir damit gesagt hat werden sollen und habe gleichzeitig das Gefühl, dass sehr viel gesagt wurde, es für mich aber nicht wirklich greifbar ist. Es ist aber eine interessante Ratlosigkeit, die keine wirklichen Lücken hinterlässt. Vor allem die Erzählung “Die Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns” ist in dieser Hinsicht sehr interessant: Der Ich-Erzähler erzählt von der wirklich schrecklichen Kindheit seines Wohn- und Studienkollegen, von der Ablehnung seiner Eltern und Geschwister und den Grausamkeiten der Familienmitglieder ihm gegenüber. Am Ende der Geschichte wacht er in der Nacht auf:
Als ich wach wurde, kurz vor zwei durch ein Geräusch, denn Georg hatte sich völlig ruhig verhalten, wohl aus dem einen Grund schon, mich unter keinen Umständen aufzuwecken (und jetzt weiß ich, wie qualvoll das für ihn gewesen sein muß), habe ich die entsetzliche Entdeckung gemacht, die Georgs Eltern jetzt als Verbrechen ihres Sohnes gegen sich selbst und als Verbrechen an seiner Familie bezeichnen. Schon um zehn des nächsten Vormittags war Georgs Vater aus Innsbruck in Wien angekommen und hatte von mir Aufklärung über den Vorfall verlangt. Als ich aus der Klinik, in welche Georg gebracht worden war, zurückgekommen war, befand sich Georgs Vater schon in unserem Zimmer [...]
Man erfährt nicht was genau in dieser Nacht passiert ist, was das “Verbrechen” ist, das Georg begangen hat. Aber gerade die Tatsache dass dieser Sachverhalt nicht aufgeklärt wird, macht die Geschichte so reizvoll. Interessant an dieser Erzählung sind auch die Parallelen zu Kafkas “Das Urteil”: die Namensgleichheit des Sohnes, und eben die Verurteilung durch die Familie bzw. den Vater.
Ob ich mich in nächster Zeit auch an die Romane von Thomas Bernhard wagen werde weiß ich noch nicht, weil mir trotz aller Faszination das Lesen wegen der nicht einfachen Sprache schwer fällt und ich nicht weiß ob ich das einen ganzen Roman lang durchhalten kann. Aber die Erzählungen sind wirklich kleine Schätze, bei denen es sich lohnt sich auf sie einzulassen.
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