Das Mondschaf
15. July 2008 | notiert von: Eva

“The Good Night Field” | ©Pete Revonkorpi
Christian Morgenstern
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.
Und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.
»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«
Das Mondschaf.
Sein Leib ist weiß, die Sonn’ ist rot.
Das Mondschaf.
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In den Armen
9. July 2008 | notiert von: Eva
Alles was nie schläft, möchte sich in Deinen Armen ausschlafen.
- Marina Zwetajewa an R. M. Rilke, 2.8.1926
Nenn ich Dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosenröte.
Und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche liedlos sind und lang.Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen.
In meinen Armen schlafen Wälder ein,
und ich bin selbst das Klingen über ihnen
und mit dem Dunkel in den Violinen
verwandt durch all mein Dunkelsein.
- R. M. Rilke, “Nenn ich dich Aufgang oder Untergang”
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Françoise Chandernagor – Das Kind im Turm
8. July 2008 | notiert von: Eva

“Das Kind im Turm” ist ein historischer Roman um Louis Charles, Sohn von Ludwig XVI und Marie Antoinette, der mehr als zwei Jahre lang im Pariser Temple-Gefängnis gefangen gehalten wurde und im Alter von zehn Jahren dort verstarb. Ein sehr verstörendes Buch, weil es so bildhaft und überzeugend den Verfall des Kindes, sowohl den äußerlichen als auch den innerlichen, beschreibt. Und ganz besonders gut ist der Autorin gelungen, authentisch aus der Sicht eines Kindes zu schreiben, das die Welt anders wahrnimmt als ein Erwachsener, das vieles nicht versteht und sich auf seine Weise mit den Gegebenheiten arrangieren muss.
Die geschichtlichen Hintergründe, die die Autorin dem Leser durch kleine Nebenhandlungen und fiktive Verhöre mit Beteiligten nahe bringt, fand ich nicht so interessant, was aber eindeutig an mir liegt, nicht am Buch. Für an Geschichte Interessierte stellt der Roman bestimmt ein interessantes Portrait der Zeit der französischen Revolution dar. Für mich ist “Das Kind im Turm” aber vor allem eines: Eine meisterhaft erzählte, beklemmende Darstellung der Folgen von Gefangenschaft und Vernachlässigung.
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Gott hat keinen Zeugen
6. July 2008 | notiert von: Eva
Wenn die Welt eine Geschichte ist, wer außer dem Zeugen könnte ihr zum Leben verhelfen? Wer sonst könnte sie ins Dasein rufen? Diese Sicht der Dinge drängt sich ihm nun immer mehr auf. Und auf einmal sieht er in Gott eine furchtbare Tragödie. Gott fehlt es ganz einfach an etwas, und dadurch ist seine Existenz gefährdet. Gott hat keinen Zeugen. Für ihn gibt es nichts, wovon er sich abgrenzen kann. Nichts, was ihm sein Dasein bestätigt. Für ihn gibt es keine Trennung, nicht die Feststellung: Das bin ich, und das ist das andere. Wo das andere ist, da bin ich nicht. Alles hat er erschaffen können, bis auf das Eine, das zu ihm nein sagt.
- Cormac McCarthy, Grenzgänger
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Martin Jonsson
5. July 2008 | notiert von: Eva
Als Liebhaberin der surrealistischen Malerei freue ich mich immer sehr, wenn ich Künstler wie Martin Jonsson entdecke. Vor allem seine Wolken-Gemälde finde ich sehr faszinierend:
Noch ein paar Bilder:
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125 Jahre Kafka
3. July 2008 | notiert von: Eva
Heute vor 125 Jahren wurde in Prag Franz Kafka, der zu meinen liebsten Schriftstellern zählt, geboren. Dieses Jahr ist auch für mich ein besonderes Kafka-Jahr: Erstens lese ich zum ersten Mal seine Tagebücher (ich kannte bisher nur Teile daraus), zweitens werde ich mir demnächst die drei bisher erschienen Bände der kommentierten Ausgabe der Briefe kaufen (eins, zwei, drei), auf die ich mich schon unheimlich freue (und die zudem der wohl teuerste Bücherkauf meines Lebens werden *lach*, aber ich habe seit Weihnachten fleißig geschenkte und durch einen Nebenjob verdiente Büchergutscheine gesammelt und werde daher kaum eigenes Geld dafür ausgeben müssen). Den Jahrestag möchte ich zum Anlass nehmen, um meine kleine Kafka-Linksammlung vorzustellen:
The Kafka Project:
Meines Wissens die umfangreichste Kafka-Seite: unzählige Texte (Prosa, Tagebücher, Notizen) in der Fassung der Kritischen Ausgabe auf deutsch sowie Übersetzungen einiger Texte in verschiedene Sprachen; digitalisierte Manuskriptseiten aus „Der Prozess“; jede Menge Artikel & Zusatzinfos etc. Die beste Seite für stundenlanges Stöbern
Bondageprojekt:
Lesung von „Nachts“
Die Tagebücher Franz Kafkas:
Ein Blog, das die Tagebücher chronologisch in deutscher und englischer Übersetzung bereitstellt. Bis dato sind die Eintragungen bis zum März 1911 vorhanden.
franzkafka.de:
Wunderschön gestaltete, informative Seite des Fischer Verlags. Besonders interessant: die Fundstücke des Monats.
Xlibris:
Interpretationen & Inhaltsangaben zu vielen Werken
Volkslesen.tv:
Lesung von „Ein Brudermord“ und „Eine kaiserliche Botschaft“
kafkaesk.de:
Schöne Seite mit vielen Infos vor allem über Kafkas Prag & einem Forum
Ein Geburtstags-Zitat habe ich auch gefunden, auch wenn es nicht seinen eigenen betrifft; an wen es gerichtet ist, weiß ich nicht. Es stammt aus einem Tagebucheintrag vom 26. März 1911:
Du hast heute Geburtstag, aber ich schicke Dir nicht einmal das gewöhnliche Buch, denn es wäre nur Schein; im Grunde bin ich doch nicht einmal im Stande Dir ein Buch zu schenken. Nur weil ich es so nötig habe, heute einen Augenblick und sei es nur mit dieser Karte in Deiner Nähe zu sein, schreibe ich und habe mit der Klage deshalb angefangen, damit Du mich gleich erkennst.
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Halbjahresstatistik
2. July 2008 | notiert von: Eva
Als großer Statistik- und Listenfan führe ich natürlich auch genauestens Buch über meine Lektüre:
Auswertung für das 1. Halbjahr 2008:
Allgemein:
Anzahl Bücher: 59
Seiten gesamt: 23.681
Genres:
Autobiographie, Tagebücher, Briefe: 5
Belletristik (das ist bei mir alles andere): 25
Erzählungen: 1
Fantasy & Phantastik: 3
Historischer Roman: 3
Horror & Mystery: 2
Kinder- und Jugendbuch: 3
Klassiker: 4
Krimi & Thriller: 8
Lyrik: 1
Science Fiction: 1
Sonstiges: 3
Originalsprache:
Deutsch: 11
Englisch: 35
Andere: 13
Lesesprache:
Deutsch: 58
Englisch: 1 (dabei hatte ich mir fest vorgenommen, mehr englische Lektüre zu lesen…)
Reread/Neu:
Neu: 45
Reread: 14
Außerdem habe ich 41 Bücher erworben, davon waren 11 geschenkt bzw. von Gutscheinen gekauft. Für die 30 selbst gekauften habe ich 223,14 € ausgegeben, das macht 7,44 € pro Buch. 51 % der Käufe waren Wunschlistenkäufe, 49 % Spontankäufe (auch da hatte ich mir eigentlich etwas anderes vorgenommen…)
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Was gelernt
1. July 2008 | notiert von: Eva
Jetzt weiß ich endlich, wie diese Bücher genau heißen, die ich so gerne lese: Dystopische Romane (Dystopie = “Geschichte, die in einer fiktiven Gesellschaft spielt, die sich zum Negativen entwickelt hat”, siehe Wikipedia). Ich nannte sie für mich selbst immer einfach “utopische Bücher” oder habe sie zur Science Fiction gezählt, wobei ich nicht weiß, ob sie dort offiziell nicht sowieso hingehören; dank Wikipedia weiß ich jetzt aber, dass es hier die Unterscheidung zwischen “Eutopie” (positiv utopisch) und “Dystopie” (negativ utopisch) gibt, wobei Utopie und Eutopie aber oft gleichgesetzt werden. Und ich bevorzuge die negative Form (habe, denke ich, noch keinen eutopischen Roman gelesen, allerdings habe ich Thomas Morus‘ “Utopia” irgendwo zuhause herumstehen). Hier gibt es eine schöne Liste mit Romanen beider Gattungen.
Gelesene Dystopien (hässliches Wort eigentlich):
- Oryx und Crake (Margaret Atwood)
- Der Report der Magd (Margaret Atwood)
- Die Straße (Cormac McCarthy)
- Die Insel des Dr. Moreau (H. G. Wells)
- 1984 (George Orwell)
- Otherland I-IV (Tad Williams) (steht auf der Liste, wo es auch seine Berechtigung hat, aber für mich zählt das eigentlich eher zur Fantasy)
- Die Möglichkeit einer Insel (Michel Houellebecq)
Wer andere Bücher dieser Art kennt: Nur her mit Vorschlägen
(eine Liste alleine ist so unpersönlich, ich hätte gerne individuelle Beratung
)
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Was sich nicht festhalten, niemals festhalten lässt…
30. June 2008 | notiert von: Eva
Hier der letzte Absatz des ersten Teils von “Grenzgänger“, der eine der stärksten Szenen des Buches ist: Billy muss die trächtige Wölfin erschießen, da Zigeuner (?) sie ihm weggenommen und für Hundekämpfe eingesetzt haben. Er reitet mit dem toten Tier an den Fuß jenes Gebirges, in dem er es freilassen wollte, um es dort am nächsten Tag zu begraben:
Er kauerte sich über die Wölfin und betastete ihr Fell. Betastete die kalten, perfekten Zähne. Das dem Feuer zugewandte Auge gab kein Licht zurück; er drückte es mit dem Daumen zu, setzte sich neben sie, legte die Hand auf ihre blutige Stirn und schloss gleichfalls die Augen, damit er die Wölfin sehen konnte, wie sie durch die Berge lief, wie sie im Sternenlicht dahineilte, über feuchtes Gras, wo die aufgehende Sonne die üppigen Gerüche der Tiere, die nachts dort vorbeigekommen waren, noch nicht getilgt hatte. Die zu ihrer Lust mit der Luft verwobenen Gerüche von Hirsch und Hase, von Taube und Wühlmaus, von allen möglichen Geschöpfen der gottgefügten Welt, zu der auch sie gehörte, aus der auch sie sich nicht lösen konnte. Und wo sie lief, da wurden die Kojoten schlagartig stumm, als habe sich eine Tür vor ihnen geschlossen, und überall herrschten Angst und Verwunderung.
Er hob ihren steifen Körper aus dem Laub und hielt ihn fest, versuchte festzuhalten, was sich nicht festhalten ließ, was bereits durch die Berge lief, wunderschön und schrecklich zugleich, wie Blumen, die sich von Fleisch ernähren. Das, woraus Blut und Gebein sind, entsteht weder auf einem Altar noch im Krieg. Der gute Glaube allein kann wohl, wie der Wind, wie der Regen, den dunklen Leib der Erde zerteilen, formen und aushöhlen. Aber was sich nicht festhalten, niemals festhalten lässt, das ist keine Blume, sondern eine geschwinde Jägerin, vor der sich sogar der Wind fürchtet und die der Welt niemals verlorengeht.
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Cormac McCarthy – Grenzgänger
29. June 2008 | notiert von: Eva

New Mexico in den 40er Jahren: Der 16-jährige Billy Parham verlässt sein Elternhaus und macht sich auf den Weg nach Mexiko, um eine trächtige Wölfin, die er gefangen hat, dort wieder freizulassen. Als er, Monate später, zurückkehrt, findet er das Haus verlassen vor: die Eltern ermordet, die Pferde gestohlen – nur sein zwei Jahre jüngerer Bruder Boyd hat überlebt. Mit ihm macht er sich abermals nach Mexiko auf, um die gestohlenen Pferde zu finden. Cormac McCarthy entwirft mit “Grenzgänger” das faszinierende Portrait zweier Länder und ihrer Bewohner und erzählt die Geschichte eines Jungen, dessen Suche nach der eigenen Identität und nach Heimat auch mit dem letzten Satz des Buches noch nicht ihr Ende gefunden hat.
Es fällt mir schwer, etwas zu diesem Roman zu schreiben, das ihm auch wirklich gerecht werden kann, weil er einfach nur überwältigend ist und zu den atmosphärisch beeindruckendsten Büchern zählt, die ich bis dato lesen durfte. Landschaftsbeschreibungen, die einen unvermittelt in die raue Realität des Grenzlandes katapultieren, eine Sprache, die karg und präzise ist, aber niemals unberührt lässt, Szenen, die ich nie vergessen werde, weil sie so intensiv sind, so wunderschön. “Grenzgänger” greift große Themen auf: Identitätsfindung, Heimatlosigkeit, Einsamkeit – und McCarthy ist diesen Themen auch mehr als gewachsen.
Besonders beeindruckt war ich von seiner Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren greifbar und nachvollziehbar zu machen, ohne ein einziges Mal z. B. zu schreiben „Billy war traurig“ (um es jetzt einmal ganz banal zu sagen). Trauer, Eifersucht, Angst… er muss diese Emotionen nicht benennen, er drückt sie in Szenen aus, die in ihrer Bildgewalt und Symbolik ihresgleichen suchen. Und das ist für mich wirklich große Literatur: Wenn die Gefühle nicht mehr ausgesprochen werden müssen, sondern sich aus dem Kontext von Handlung & Sprache von selbst ergeben und so umso stärker auf den Leser wirken.
Am besten gefällt mir der erste Teil des Buches. Schon in den ersten paar Seiten gibt es eine für mich unvergessliche Szene, in der Billy in einer verschneiten Nacht ein Rudel Wölfe beobachtet; dann die Geschichte um die Wölfin, ihre Gefangennahme und Billys Plan, sie zurück in ihre Heimat zu bringen, die Reise durch das Grenzland bis hin zu dem tragischen Ende… dazu später ein ausführlicheres Zitat.
Je länger ich über “Grenzgänger” nachdenke (und ich denke eigentlich ständig daran, seit ich es letztes Wochenende gelesen habe), desto lieber wird mir das Buch, und ich hätte nicht schlecht Lust, es gleich noch einmal zu lesen, vor allem weil ich auch das Gefühl habe, dass man beim ersten Mal gar nicht alles erfassen kann, was McCarthy an Symbolik etc. in sein Werk gelegt hat. Bleibt mir nur noch zu sagen: Unbedingt lesen & sich von dieser Geschichte in ehrfürchtiges Staunen versetzen lassen.
“Grenzgänger” ist übrigens der mittlere Teil der “Border-Trilogie”, die mit „All die schönen Pferde“ beginnt und mit „Land der Freien“ endet. Im Dezember 2008 erscheint bei Rowohlt ein Sammelband, der diese drei Romane in einem Buch vereint (und das für nur 15 €).
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