Aus den Briefen

15. June 2008 | notiert von: Eva

Wenn die Menschen, die mich für eine Stunde treffen, über das Ausmaß der Gefühle erschrecken, die sie in mir erwecken, machen sie einen dreifachen Fehler: nicht sie – nicht in mir – nicht Ausmaß. Es einfach die Maßlosigkeit, die sich erhebt. Und vielleicht haben sie nur in einem recht: in ihrem Erschrecken.

- Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach am 2.8.1923

Gute Nacht, lieber Freund. Wenn ich daran denke, wieviel ich noch sagen und wieviel ich fragen muss, dann habe ich eine genaue Vision der Unendlichkeit.

- M. Zwetajewa an A. W. Bachrach am 28.8.1923

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A Reading Diary

14. June 2008 | notiert von: Eva

Und wieder einmal lag ein Päckchen von Jokers auf meinem Schreibtisch, als ich gestern Abend nach Hause kam: A Reading Diary von Alberto Manguel, das ich auf Deutsch (Tagebuch eines Lesers) schon gelesen habe und sehr liebe. Wunderschön finde ich das Cover dieser Ausgabe – genau so, wie ich es am liebsten mag, schlicht & elegant:

A Reading Diary

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Jede meiner Beziehungen ist eine Lawine…

12. June 2008 | notiert von: Eva

Marina ZwetajewaIch bin verliebt. In Marina Zwetajewa. Seit dem Wochenende lese ich einen Band mit ausgewählten Briefen, die sie unter anderem an Pasternak, Rilke & Achmatowa geschrieben hat, und ich war von den ersten Sätzen an gefesselt von ihrer Sprache & Persönlichkeit. So viel Leidenschaft und Intensität ist mir in der Literatur schon lange nicht mehr begegnet – sie scheint ihre Gedanken unzensiert niederzuschreiben, was dem Leser tiefe und authentische Einblicke in ihre Geistes- und Gefühlswelt gewährt. Auf jeden Fall wirken die Briefe durch ihre Intensität & den prägnanten Schreibstil der Verfasserin so lebendig, dass ich beim Lesen manchmal das Gefühl habe, sie wäre irgendwo im Raum anwesend. Für die Menschen, denen sie schrieb, war es natürlich nicht immer einfach, dieser Leidenschaftlichkeit im selben Ausmaß zu begegnen – Zwetajewa gab viel, verlangte aber auch viel. Die Herausgeberin dieses Bandes, Ilma Rakusa, schreibt in ihrem Vorwort:

Je ferner, je unerreichbarer der Adressat, desto leidenschaftlicher feierte sie die Abwesenheit. [...] Da Zwetajewas Grundimpuls die Verwandlung des Lebens in Literatur war, bei einem gleichzeitig starken Bedürfnis nach menschlichem Austausch. bot ihr der Briefverkehr ein ideales Betätigungsfeld. Hier bewegte sie sich in der dialektischen Sphäre von Hingabe und Verweigerung, von Passion und Protest, hier bezog sie den Partner wie selbstverständlich in ihre Mythenbildungen ein. Der Andere, der Abwesende “im Land der Seele”, nahm durch ihre Imagination Gestalt an; jenseits mütterlicher Vereinnahmung sah er sich als Geschöpf einer ebenso einsamen wie besessenen Einbildungskraft.

Und Zwetajewa selbst sagt in einem ihrer Briefe:

Jede meiner Beziehungen ist eine Lawine: ich komme nicht zur Besinnung, bis ich hinuntergerollt bin.

Ihre eigentlichen Werke kenne ich kaum: Ein paar wenige Gedichte, die mich zwar neugierig auf die Verfasserin gemacht, aber nicht außerordentlich beeindruckt haben. Vielleicht liegt mir ihre Prosa mehr; auf jeden Fall werde ich demnächst erst mal recherchieren, was von ihrem Briefverkehr veröffentlicht wurde (ich träume natürlich von einer kommentierten Gesamtausgabe der Briefe und habe nur deshalb noch nicht nachgesehen, ob es diese gibt, weil ich mir die sofort kaufen würde, egal wie teuer).

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Im Rausch der Träume

10. June 2008 | notiert von: Eva

Im Rausch der StilleAm Wochenende habe ich Albert Sánchez Piñols „Im Rausch der Stille“ gelesen. Heute Nacht hatte ich einen unheimlichen Traum, der sehr viele Elemente aus dem Buch aufgriff:

Ich war zusammen mit einer Frau meines Alters in einem Zimmer eines baufälligen Hauses eingesperrt, bzw. waren wir gezwungen, uns einzusperren, da draußen Wesen waren, die ins Haus eindringen und uns töten (und vermutlich fressen) wollten. Wir wussten, dass es kein Entrinnen gibt – dass sie es früher oder später schaffen würden, ins Gebäude zu gelangen. Ich hatte zwar Angst, war aber nicht in Panik – die Tatsache, dass ein schreckliches Ende unausweichlich war und ich es sowieso nicht ändern konnte, hat mich seltsamerweise sehr ruhig werden lassen.

Ich will jetzt nicht den Traum in allen Details erzählen (erwähnenswert ist vielleicht nur noch, dass wir später die Wesen gesehen haben, die wie Menschen aussahen aber keine waren und Fußballtrikots (!) trugen – sogar in meinen Träumen verfolgt mich die (blöde) EM), aber erstaunlich viele Elemente aus dem Buch wurden 1 zu 1 übernommen: Die Verbarrikadierung, die Tatsache, dass wir die einzigen Menschen dort waren, die Wesen, die keine wirklichen Menschen waren (im Buch zeigt sich mit der Zeit, dass die Froschmenschen den Menschen ähnlicher sind, als der Protagonist zuerst angenommen hat, während es in meinem Traum eher umgekehrt war), der Balkon, von dem aus wir sicher das Geschehen beobachten konnten, die Grundstimmung der Geschichte…

Das Buch, das mich (bis auf das sehr vorhersehbare Ende) sehr beeindruckt hat, heißt im Original übrigens „La pell freda“, was „Die kalte Haut“ bedeutet – ein Titel, der wunderbar passt, wenn man die Geschichte kennt. Und ich frage mich (wie schon so oft), warum man nicht einfach den Originaltitel übersetzt hat, anstatt mit dem nicht wirklich passenden „Im Rausch der Stille“ aufzuwarten. Aber seltsame Titelübersetzungen bzw. -erfindungen sind ja ein Kapitel für sich…

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Traum von der blauen Blume

9. June 2008 | notiert von: Eva

Träumte dann von der Märchenkönigin, die eine blaue Blume auf mein Bett legte, als Zeichen dafür, dass ich nicht träumte, und ich erwachte, wie es mir vorkam, fand die blaue Blume, aus ihrem saftigen Blatt rann Farbe, mit der ich das leuchtendste Bild auf den Fußboden malte, ein Schwan fraß eine der blauen Blüten, und seine Gedärme wurden zu Saiten, die mit einer Melodie erklangen, ich setzte einen Kranz aus den blauen Blüten auf meinen Kopf, und darin leuchteten Gedanken und Poesie, so dass ich erwachte.

- Hans Christian Andersen in seinem Tagebuch am 7. Juli 1868

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Karen Duve – Regenroman

7. June 2008 | notiert von: Eva

RegenromanHabe Karen Duves “Regenroman” soeben beendet, nachdem ich gestern Abend schon mehr als die Hälfte in einem Zug gelesen und das Buch nur aufgrund unüberwindbarer Müdigkeit nicht sofort beendet hatte. Anfangs war ich mehr als begeistert: Der Regen, die Stimmung, die Protagonisten, die mir beide herzlich unsympathisch waren (vor allem Leon), was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch getan hat; sprachlich hervorragend, flüssig zu lesen (ist lustig, das gerade bei diesem Buch zu schreiben). Aber vor allem: der Regen. Feuchtigkeit, Schnecken, Schleim, Moor, Verwesung, Nässe. Der Verfall des Hauses, parallel dazu der Verfall der Protagonisten und ihrer Beziehung zueinander. Atmosphärisch sehr dicht, man konnte den Moder beim Lesen beinahe riechen.

Gegen Ende hin wurden mir die Geschehnisse dann aber zu extrem: Der Besuch des Zuhälters, die Vergewaltigung, der Mord … all das hätte es nicht gebraucht – das Buch war eindringlich genug & diese Extrema haben die Eindringlichkeit durch ihre oberflächlichen Schockeffekte zum Teil zunichte bzw. lächerlich gemacht.

Jetzt überlege ich, ob noch ein Buch von Duve auf meine Wunschliste soll. Einerseits bin ich von ihrem Talent überzeugt (vor allem sprachlich hat sie einiges drauf), andererseits interessieren mich ihre seitdem erschienenen Bücher thematisch nicht so sehr. Aber diese Entscheidung eilt ja nicht.

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Goethe & Zwetajewa

7. June 2008 | notiert von: Eva

Donnerstagabend lag das schon sehr ersehnte Päckchen von Jokers auf meinem Schreibtisch:

GoetheFeuer

• Goethe: Briefe aus dem Elternhaus
• Marina Zwetajewa: Im Feuer geschrieben. Ein Leben in Briefen

Wieder zwei Bücher mehr für meine Sammlung von Tagebüchern & Briefen *freu*

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Gregory Crewdson

6. June 2008 | notiert von: Eva

Crewdson

Gerade auf zeit.de entdeckt: Den amerikanischen Fotografen Gregory Crewdson, dessen Bilder mich auf den ersten Blick fasziniert haben. Hier der Artikel auf zeit.de; weitere Werke kann man unter anderem auf artnet und auf der (toll gemachten) Website der Luhring Augustine Gallery bewundern. Einen Bildband über seine Arbeiten der letzten fünf Jahre kann man hier beim Hatje Cantz Verlag bestellen (und ich muss mich sehr zusammenreißen, um genau das jetzt nicht zu tun).

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Eine Schönheit, die einen stumm macht

6. June 2008 | notiert von: Eva

Eine Schönheit, so fremdartig, dass man sie im ersten Moment gar nicht fassen kann – eine Schönheit, die einen stumm macht, wenn man sie ansieht, ein unerklärliches Gefühl, so etwas wie leise Mutlosigkeit, in einem erweckt. Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verlorengegangen sein müssen, ist dieses Gesicht geformt, grübelte ich mir zurecht, wie ich es so im Geiste wieder vor mir sah.

- Gustav Meyrink, Der Golem

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Tom Rob Smith – Kind 44

2. June 2008 | notiert von: Eva

KindMoskau im Jahr 1953: Die Leiche eines Jungen wird auf Bahngleisen gefunden – ein Unfall, wie es von offizieller Seite her heißt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow wird zu der Familie des Verstorbenen geschickt, um die Eltern von ihrer Überzeugung, ihr Kind sei ermordet worden, abzubringen, denn: In einem perfekten Staat kann es keine Verbrechen geben.

Kurz darauf erhält Leo den Befehl, seine eigene Frau Raisa zu überwachen und zu denunzieren. Er weigert sich, wird degradiert und zusammen mit Raisa in den Ort Wualsk versetzt. Dort stößt er auf die Leiche eines jungen Mädchens und erkennt schnell, dass die beiden Verbrechen erschreckende Parallelen aufweisen und der Tod des Jungen kein Unfall war. Trotz seiner unsicheren Position beginnt er, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen und stößt auf viele weitere Morde. Gejagt vom Geheimdienst macht er sich zusammen mit Raisa auf die Suche nach dem Mörder.

Dieser Thriller lebt für mich vor allem von der atmosphärisch dichten Beschreibung der Zeit des Stalin-Regimes. Das Leben in einem totalen Überwachungsstaat, in dem man niemandem vertrauen, sich nie wirklich sicher fühlen kann, wird eindrucksvoll dargestellt. Vor allem die Tatsache, dass von Leo erwartet wird, seine eigene Frau zu überwachen und sie als Spionin zu entlarven, hat mich sehr betroffen gemacht, ebenso die Verhaftung des Tierarztes, die nur zu deutlich zeigt, dass es in diesen Zeiten egal war, ob man unschuldig ist oder nicht: Folter erzeugt Schuld, wenn diese verlangt wird.

Gut gefallen hat mir auch die Wandlung Leos, der anfangs überzeugt vom Regime und seinen Regeln ist, bald dann aber zu zweifeln beginnt und sich schließlich eine neue Identität jenseits seiner alten Überzeugungen erarbeiten muss. Er, der vorher selbst Menschen ausgeliefert und dadurch ihre Existenzen und die ihrer Familien zerstört hat, erfährt bald am eigenen Leib, wie es ist, in Ungnade zu fallen und ein Leben in Verfolgung und Angst leben zu müssen.
(Achtung, Spoiler!) Weiterlesen

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