Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen

notiert von: Eva

Perlmanns SchweigenPhilip Perlmann, ein angesehener Sprachwissenschaftler, trifft sich in einem Hotel mit anderen Wissenschaftlern zu einer mehrwöchigen Fachtagung. Was keiner seiner Kollegen ahnt: Er hat nichts mehr zu sagen, zweifelt an seinen Fähigkeiten und hat den Glauben an die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Tätigkeiten verloren. Er, der die Tagung leiten soll, hat keinen Beitrag vorbereitet und schafft es auch in den ersten Wochen nicht, etwas zu schreiben – stattdessen vertieft er sich in die Übersetzung eines russischen Manuskriptes und verstrickt sich in Lügen. Als der Termin für seinen Vortrag immer näher rückt, zieht sich auch die Schlinge, die er sich durch sein Schweigen selbst geknüpft hat, immer enger zusammen, und Perlmann gerät in eine scheinbar auswegslose Situation.

Die Geschichte ist im Grunde eine Charakterstudie und ich habe noch nie ein Buch gelesen, dass so authentisch und wahr ist was den psychologischen und emotionalen Inhalt betrifft. Man könnte den eigentlichen Inhalt so zusammenfassen: Hier wird aufgezeigt, was passieren kann, wenn man versucht, Erwartungen zu entsprechen, denen man – aus welchen Gründen auch immer – einfach nicht entsprechen kann. Wie sehr man sich selbst in etwas verstricken kann, wenn man schweigt und versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten – und wie weit man zu gehen bereit ist, um sie aufrecht zu erhalten.

Und all das erzählt Pascal Mercier so authentisch, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Außerdem ist das Buch unglaublich spannend, aber es ist nicht die typische Krimi/Thriller-Spannung, die meistens doch eher oberflächlich bleibt, sondern eine, die viel tiefer geht und die ich in dieser Art noch nie so erlebt habe. Ich war beim Lesen so emotional involviert in die Geschichte, dass ich zwischendurch aufhören und mir bewusst machen musste, dass das alles nicht echt passiert, dass ich aufatmen und mich entspannen kann, dass das nicht meine Geschichte ist. Man kann einfach nicht anders als mitleiden und jedes Mal hoffen, dass es Perlmann auch diesmal gelingt, sein Versagen (und alles andere was passiert, was ich aber natürlich nicht verraten möchte) zu verbergen und die anderen ein weiteres Mal zu täuschen.

Den Großteil des Buches machen die Gedanken und Überlegungen Philip Perlmanns aus, die Rahmenhandlung wird sehr detailliert geschildert. Das klingt jetzt vielleicht nach viel Langeweile, aber ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, außerdem halte ich es für einen tollen Kunstgriff, denn die zwanghafte Wiederholung von Gedanken und die Fokussierung auf äußere Details sind in so einer Situation normal, was das Buch auch zu einem guten Beispiel dafür macht, wie man den Sprachstil zur Vermittlung des Geschehens einsetzen kann.

Ganz allmählich begann er zu ahnen, dass er jahrzehntelang mit einem Irrtum gelebt hatte. Es war gar nicht wahr, dass Abgrenzung hieß, sich abzuschirmen und einzumauern wie in einer inneren Festung. Worauf es ankam, war etwas ganz anderes: dass man, wenn die anderen es erfuhren, furchtlos und ruhig zu dem stand, was man im Innersten war.

Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, bin ich erstmal 20 Minuten lang wie betäubt dagesessen, weil mich die Geschichte ziemlich erschüttert hat. Das Tragische am Ende ist nämlich: Die Erkenntnis über den jahrzehntelangen Irrtum ist zu spät gekommen, weil das, wozu ihn sein Schweigen beinahe geführt hätte, alles verändert hat; weil er eine Grenze überschritten hat, nach der man nicht mehr einfach so weitermachen kann wie bisher. Und was mich ganz besonders beeindruckt: Dass Pascal Mercier es schafft, diese eigentlich unvorstellbare Verstrickung so plausibel zu machen, dass sich (ich kann es mir nicht anders vorstellen) jeder am Ende denken muss: Das könnte mir auch passieren.

Langer Rede kurzer Sinn: Eines der besten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und ich freue mich jetzt auch schon sehr auf “Der Klavierstimmer” (”Nachtzug nach Lissabon” und “Lea” hab ich schon gelesen, die fand ich beide auch gut, aber lange nicht so brillant wie den Perlmann).

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Kommentare

5 Kommentare zu “Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen”

  1. dolcevita am 13. January 2009 11:11

    hi Eva,
    der Plot erinnert mich spontan an “Der menschliche Makel” von Philip Roth – hast du das gelesen? Mir hat der “Nachtzug nach Lissabon” auch sehr gut gefallen. Die Ausgangssituationen scheinen sich ja zu ähneln. Lea habe ich nicht gelesen, würdest du das tatsächlich auch empfehlen? Es ist wohl sehr menschlich bestimmte Dinge zu verschweigen oder nicht “anzupacken”, die sich dann zwangsläufig irgendwann zu einem großen Problem entwickeln.
    LG und schönen Tag ;-)

  2. Eva am 13. January 2009 19:41

    Hi!

    Ich muss gerade lachen – mit “Der menschliche Makel” kämpfe ich schon seit Jahren herum. Ich hab’s schon dreimal begonnen und bin aber nie wirklich weit damit gekommen. Und normalerweise lasse ich sowas ja dann, aber ich will es unbedingt lesen, obwohl es mir irgendwie “unsympathisch” ist. Aber wenn du sagst, dass das thematisch ähnlich sein könnte… jetzt bin ich wieder richtig neugierig auf das Buch geworden :D
    Ich werd’s noch mal probieren, vielleicht fällt es mir jetzt leichter dranzubleiben!

    “Lea” würde ich auf jeden Fall empfehlen, ja! Hat mir sehr gut gefallen, sehr tragische, schön erzählte Geschichte. Ich fand es sogar besser als den Nachtzug.

    Liebe Grüße!

  3. dolcevita am 14. January 2009 11:52

    ok, dann werde ich mir Lea vielleicht doch besorgen, danke für den Tipp! ;-)
    Na ja, ich weiß nicht, vielleicht solltest du dich nicht quälen, wenn du keinen Zugang findest, so wichtig ist das Buch nun auch nicht. Der Protagonist trifft nur ebenfalls eine Entscheidung, weil er den Erwartungen nicht entsprechen kann. Diese Entscheidung verändert und beeinflusst sein ganzes Leben.
    Schönen Tag und liebe Grüße!

  4. Leserückblick Jänner 2009 am 13. February 2009 10:04

    [...] Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen Rezension [...]

  5. Leserückblick 2009 am 5. January 2010 17:44

    [...] Highlights: Das beste Buch des Jahres, das ich auch gleich zwei mal in diesem Jahr gelesen habe, war definitiv Pascal Merciers “Perlmanns Schweigen“. [...]

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