Paul Celan: Ans Herzland vielleicht
notiert von: Eva
“Die Kunst des Hungers“, das ich gerade lese, versammelt Essays & Vorworte von sowie Interviews mit Paul Auster. Sehr schön ist der Essay über Paul Celan, der zu meinen liebsten Lyrikern zählt. Auster zitiert aus der Rede, die Celan anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises gehalten hat:
“In dieser Sprache”, sagt Celan – und er meint das Deutsche, die Sprache der Nazis und die Sprache seiner Gedichte – “habe ich … Gedichte zu schreiben versucht … um mir Wirklichkeit zu entwerfen.” Dann vergleicht er das Gedicht mit einer Flaschenpost – ins Meer geworfen in der Hoffnung, sie könnte eines Tages irgendwo an Land gespült werden, “ans Herzland vielleicht”. “Gedichte”, fährt er fort, “sind auch in dieser Weise unterwegs: Sie halten auf etwas zu. Worauf? Auf etwas Offenstehendes, Besetzbares, auf ein ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit.”
Paul Celans Lyrik ist, vor allem seine späten Gedichte betreffend, oft schwer zugänglich. Sprachspielereien, Wortneuschöpfungen und eine sehr bildhafte, symbolische Sprache verlangen dem Leser viel Aufmerksamkeit ab, wenn dieser versucht, hinter die Worte zu schauen und die Symbolik zu entschlüsseln. Aber das Verständnis kann auch über die emotionale Ebene erfolgen, indem man die Bilder, die Celan entwirft, einfach auf sich wirken lässt, sich auf sie einlässt.
Beider entnarbte Leiber,
beider Todesblatt über der Blöße,
beider entwirklichtes Antlitz.
An Land gezogen von
der weißesten Wurzel
des weißesten
Baums.
Mehr als bei allen anderen Lyrikern gilt für mich bei Celan: Der Zeitpunkt muss passen. Ich kann eines seiner Gedichte lesen und den Kopf darüber schütteln, weil es mir völlig unzugänglich ist; ich lese es ein paar Jahre später und auf einmal begreife ich es – es ist angekommen, hat eine Leerstelle in meinen Gedanken & meinem Empfinden gefunden und sie besetzt. Das “Todesblatt über der Blöße” ist kein sinnleeres Bild mehr und die Symbolik der “weißesten Wurzel des weißesten Baums” hat sich mir – in einer rein subjektiven Weise – offenbart. Und auf einer objektiveren Ebene denke ich an Adam und Eva: das Feigenblatt, die Vertreibung, der Baum der Erkenntnis, die Farbe “Weiß”, die für Unschuld und Geburt steht, aber auch, in anderen Kulturen, die Farbe der Trauer ist. Ganz überraschend kommen diese Gedanken, und auf einmal scheint so viel in diesen sieben Zeilen zu liegen, zu denen ich vorher keinen Zugang finden konnte.
Celan ist vor allem durch sein Gedicht “Die Todesfuge” bekannt, das trotz Adornos Äußerung, es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben*, geschrieben wurde und zu den bekanntesten schriftstellerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust zählt (ein interessanter Artikel über die Beziehung zwischen Celan und Adorno findet sich hier). Auch in diesem Gedicht gibt es Bilder und Begriffe, deren Sinn sich nicht sofort erschließt: Die “schwarze Milch der Frühe”, die Schlangen, Margarete und Sulamith (ausführliche Erklärungen dazu beim Celan-Projekt); trotzdem ist es “ans Herzland” vieler Menschen gespült worden und hat für sie in Worte gefasst, was nur schwer in Worte zu fassen ist.
Paul Celan ist ein Dichter, den man immer wieder neu entdeckt, der auch auf den zweiten und dritten Blick noch Ungesehenes bietet; ein, wie Paul Auster in seinem Essay schreibt, “Dichter des Exils, ein Außenseiter selbst der Sprache seiner eigenen Gedichte gegenüber“, und es lohnt sich, sich auf ihn und sein Werk einzulassen.
*“Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.” (Theodor W. Adorno: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft.)
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