Robert Schneider: Die Offenbarung
notiert von: Eva

Der Organist Jakob Kemper, ein eigenbrötlerischer Mensch und selbsternannter Musikforscher, entdeckt ein bislang unbekanntes Werk des von ihm hochverehrten Komponisten Johann Sebastian Bach. Mit dieser Entdeckung ändert sich das bisher von vielen Tiefschlägen gezeichnete Leben Kempers schlagartig: Er liest das Oratorium und begreift, dass dieses Werk geheimnisvolle Kräfte hat – es gewährt Einblicke in vergessen geglaubtes Vergangenes und in die Zukunft. Die Ankunft einer Gruppe von Experten der Bachgesellschaft, die die Restaurierung der Orgel seiner Heimatstadt überwachen sollen, stellt Jakob Kemper schließlich vor die Entscheidung, ob er die Wissenschaftler, von denen er nie als ihresgleichen anerkannt wurde, in seinen unglaublichen Fund einweihen oder sein Geheimnis für sich behalten soll.
Robert Schneiders Rheintal-Trilogie (”Schlafes Bruder”, “Die Luftgängerin” und “Die Unberührten”) liebe ich über alles. Umso enttäuschter war ich, als ich vor einiger Zeit sein zwei Jahre nach Vollendung der Trilogie erschienenes Buch “Schatten” gelesen habe – eine wie ich finde unglaublich banale Geschichte, von der ich immer noch nicht ganz glauben kann, dass sie wirklich vom selben Autor ist. Entsprechend vorsichtig war ich dann natürlich in meiner Vorfreude auf “Die Offenbarung”, aber ich wurde nicht enttäuscht: “Die Offenbarung” ist ein vielschichtiges, humorvolles und auch spannendes Buch, das im Gegensatz zu “Schatten” wieder sehr nach Robert Schneider klingt und das ich in einem Rutsch durchgelesen habe.
Die Figur des Jakob Kemper ist liebenswert und mit feiner Ironie gezeichnet. Seine komplizierte Familiensituation, seine unerfüllte Liebe zu einer Reisebüroangestellten und seine akribische Besessenheit machen ihn sympathisch und menschlich. Auch die anderen Figuren sind sehr glaubwürdig und man schließt sie schnell ins Herz. Es gibt ein paar Parallelen zu “Schlafes Bruder”: Der Charakter von Jakob ist dem von Elias ähnlich, Orgelmusik, eine Kirche und seltsame Erscheinungen in derselben, ebenso das Thema der unerfüllten Liebe. Trotzdem hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass Schneider einfach nur versucht an seinen größten Erfolg anzuknüpfen.
Sehr interessant waren die Einblicke in Bachs Leben und Werk bzw. vor allem in die Welt der Musikforschung (hier ist es vielleicht interessant zu wissen, dass R. Schneider Musik- und Theaterwissenschaft studiert hat). Die Liebe des Autors zur Musik ist unverkennbar zu spüren. Neben der Musik ist ein weiteres großes Hauptthema des Buches die Suche nach Anerkennung: Jakob wird von seinem Vater abgelehnt und in seinen Leidenschaften nicht ernst genommen, so wie er von der Experten nicht anerkannt wird und weder als Komponist noch als Forscher Erfolge aufweisen kann. Die Aussöhnung mit sich selbst und der Ablehnung, die er erfahren hat, ist der Kernpunkt in der Entwicklung von Jakob.
Zusammenfassend kann ich sagen: Nicht ganz so “groß” wie die Rheintal-Trilogie, aber auf jeden Fall lesenswert.
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