Ach Leo, wollte ich sagen, jedes Buch hat mich weiter und weiter hinausgeführt, das auslösende Ereignis verlor an Kraft, war nicht mehr als ein schwaches, fernes Signal von der Heimatstation, und sogar das kann man kaum noch empfangen.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Und die Intensität des Fühlens leitet uns in die Irre, ich weiß, dass dem so ist, Rilke verliebte sich in zwei Frauen, die Freundinnen waren. Er heiratete die eine und fuhr fort, die andere zu lieben. Von unserer Moira, die so leidenschaftlich leidvoll mit Brad verheiratet ist, wird erzählt, dass sie, kurz bevor sie mit ihm auf und davon ging, einem alten Freund sagte, sie würde ihn heiraten, wenn er sie noch wolle. Da ist ein solches Strahlen in uns, wenn wir lieben – unser Kreiselkompass wackelt, torkelt umher, droht uns geradewegs aus dem Weltall plumpsen zu lassen. Es erscheint mir nicht ungewöhnlich, dass man mitten im grellsten Schein absolut ekstatischer Gewissheit seiner Liebe zu einer Frau, in seiner funkensprühenden Lebhaftigkeit, ebenso leicht die Hand nach der Frau ausstrecken kann, die neben ihr steht.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Andererseits, was könnte gefährlicher sein als zwanzig Jahre in einer Ehe, in der sie ein paar Sekunden nach dir den gleichen Gedanken hat, oder ein paar davor; oder in der du ihr eines Tages sagst, wie brüchig dein Ich ist, dass du ewig in dir ein- und ausdriftest und nicht mehr weißt, wer du angeblich bist, und sie dir erklärt, dass sie dieselben Erfahrungen durchmacht, in sich selbst verschwindet, und so habt ihr beide all diese Jahre zusammengelebt, ohne sicher zu wissen, wer ihr seid oder welche Empfindungen von euch erwartet werden, und doch für alle andern als das eindeutige Paar, das sie immer schon gekannt und wiedererkannt haben; da wäre ein Blumentopf auf dem Schädel womöglich vorzuziehen.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Und hier, mit einem Tropfen des Wolkenbruchs, der wie eine vergossen Träne die lavendelfarbene Tinte verwischt, eine Postkarte aus Ägypten. Ein riesiger Stufentempel am Nil. Dies ist das Ausmaß des Gefühls, heißt es in ihrer Schrift, und genau hier ist das Herz.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Wohin ich auch sah, entsprang Leben aus etwas, was nicht Leben war, Insekten schlüpften aus Säckcken an der Oberfläche stiller Gewässer und waren sogleich auf der Jagd nach ihrem Abendessen, alles, was entstand, wusste sofort, was es zu tun hatte und tat es ohne Staunen darüber, dass es war, was es war, unbeeindruckt von dem, wo es war, die große Erde stieß ihre blutverschmierten Neugeborenen aus jeder Pore, jeder Zelle hervor, trug ihre Vielfalt in jeder erdenklichen Substanz, die sie in sich barg, ließ Leben keimen, das flog oder im Wind wogte oder von den Bergen strömte oder an der feuchten schwarzen Unterseite von Steinen haftete oder schwamm oder säugte oder brüllte oder sich still in zwei teilte.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Ich weiß jetzt, zu jedem Augenblick gehört eine Überzeugung, und was wir Verrat nennen, ist die Überzeugung eines jeden Moments, der Wunsch, es möge so sein, wie es zu sein scheint.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Und gedrängt von der Sonne, als wäre sie eine Hand in meinem Nacken [...]
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter