Eine Herausforderung steckte in dieser Landschaft, nicht die übliche, sie zu würdigen wie das englische Pärchen oder sie stumm in sich zu wiederholen oder sich treffende Verse dazu einfallen zu lassen und sie noch schöner zu machen durch freundliche Übertreibungen.
› Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze
Heute gelang ihm einfach nicht so selbstverständlich, wie es sich gehörte, in den hellen, grauen Tag zu treten, er musste eine Decke um sich herum einklemmen, bis sich der Körper gefestigt hätte. Nein, heute verspürte er nicht die geringste Lust, sich einer möglichen Freude, einem denkbaren Schmerz auszusetzen, heute wollte er sich alles ersparen. Schon unter einem solchen Februarhimmel sich zu bewegen wäre zuviel. Er wollte, ohne sich bis dahin fortzurühren, die Ankunft einer kräftigen, fröhlichen Stimmung abwarten und den Muskeln keine Gelegenheit geben, wehzutun.
› Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze
Wenn sich jemand wirklich einmal herausnimmt, in meiner Abwesenheit weiterzuleben, empfinde ich es als Stilbruch, es gehört sich nicht, und ich bin sicher, er wird sich übernehmen damit.
› Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze
Der Zugang zu Hans war in jedem Fall ein feierlicher. Ein Kiesweg führte am Vorgartenrasen und auf halber Strecke an einer Laterne vorbei zur Eingangstür, man konnte ihn nicht anders als mit jedem Schritt knirschend betreten, das brachte einem die Annäherung zu Bewusstsein wie ein kräftigeres Herzklopfen.
› Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze
Matthias Roth erinnerte diese Regelung an ein Ehepaar aus seiner Verwandschaft. Der Onkel, ein erfolgreicher Wissenschaftler, hatte in die Familie eingeheiratet, aus einer Notlage nach dem Krieg. Zeitlebens hatte seine schüchterne, gut kochende Frau vor ihrem hässlichen, geigespielenden Mann Angst gehabt und war froh gewesen, für ihn zu sorgen, nur nicht in seiner Gegenwart. Ihm fiel ihr runzliges, scheues Gesichtchen ein und wie er später, als er zum ersten Mal mit der Bahn am Lago Maggiore vorbeifuhr, an einem frühen Sommermorgen, nicht fassen konnte, dass diese arme Großtante so oft mir ihrem Mann dort Wochen verbracht hatte, und nichts von der Anschauung dieser alles auf den Kopf stellenden, Seele und Mark erschütternden Schönheit hatte sich je in ihren Zügen verraten. Sie schien immer nur in dampfende Kochtöpfe geblickt zu haben, mit ein bisschen Stolz, mit ein bisschen Kummer.
› Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze
Er drehte sich seiner Wohnung zu. Handschuhglatt umgab sie ihn, beschränkte die Welt auf ihn und diesen Raum und war doch einseitig porös, durchlässig, er spürte es: Wenn er wollte, wucherte er mühelos hinein in die leere Welt.
› Brigitte Kronauer: Berittener Bogenschütze
„Wir wollen einmal sehen, was das hier ist“, sagte Montag. Er brachte die Worte nur stockend hervor und mit peinlicher Befangenheit. Dann las er ein Dutzend Seiten da und dort und stieß schließlich auf folgende Stelle:
„Schätzungsweise haben elftausend Menschen zu verschiedenen Zeiten lieber den Tod erlitten, als dass sie sich bereit erklärt hätten, Eier am spitzen Ende aufzuschlagen.“
Mildred saß auf der andern Seite des Flurs. „Was heißt das? Es heißt überhaupt nichts! Der Hauptmann hatte recht.“
„Lass nur“, beschwichtigte Montag. „Wir wollen einfach von vorn anfangen.“
› Ray Bradbury: Fahrenheit 451
Während mir vor die düstere Szenerie meiner Kinderzeit immer wieder Gestalten, die durchaus als lustig, ja gar als übermütig erkennbar sind, liefen, geschah meinem Freund so etwas nie; es seien ihm immer furchteinflößende Geschehnisse sichtbar gewesen, wenn er in die Vergangenheit schaute, und was da gespielt worden sei und noch gespielt werde, sei noch furchteinflößender; er wolle deshalb, sagte er immer wieder, so wenig oft wie möglich in die Vergangenheit, die wie die Gegenwart und die Zukunft sei, die Gegenwart und Zukunft sei, schauen, überhaupt nicht schauen; aber das ging nicht; eine riesige eiskalte Bühne war seine Kindheit, war seine Jugend, war sein ganzes Leben gewesen, nur dazu da, um ihn zu erschrecken, und die Hauptrollen auf dieser Bühne spielten immer nur seine Eltern und seine Schwestern; sie erfanden immer wieder etwas Neues, das ihn verstören mußte. Manchmal weinte er, und wenn ich ihn fragte, warum, dann antwortete er: weil er den Vorhang der Bühne nicht zuziehen könne; er sei zu kraftlos dazu; immer weniger oft könne er den Vorhang der Bühne zuziehen, er fürchte sich davor, ihn eines Tages überhaupt nicht mehr zuziehen zu können; wo er hingehe, wo er sich befinde, in welchem Zustand immer, er müsse sein Schauspiel anschauen; die fürchterlichsten Szenen spielten immer wieder in seinem Innsbrucker Elternhaus, in dem Kaufmannshaus; Vater und Mutter als Triebkräfte seiner tödlichen Szenerie, er sehe und höre sie immer.
› Thomas Bernhard: Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns (Erzählung)
Denn wenn ich selbst ein Tagebuch führe, so bestehen Zweifel daran, ob sich dieses Tagebuch auf Ereignisse im eigentlichen Sinn bezieht. Die Ereignisse des Liebeslebens sind derart belanglos, dass sie sich nur mit enormer Anstrengung auf die Ebene des Schreibens heben lassen: man verliert den Mut, wenn man, sich selbst beschreibend, festhält, was nur die eigene Plattheit zu erkennen gibt: “Ich habe heute X… in Gesellschaft von Y… getroffen”, “Heute hat X… mich nicht angerufen”, “X… war schlechter Laune” usw.: wer vermöchte darin eine Geschichte zu erkennen? Das geringfügige Ereignis existiert nur durch seinen gewaltigen Nachklang: Tagebuch meiner Nachgefühle (meiner Verletzungen, meiner Freuden, meiner Deutungen, meiner Gründe, meiner Anwandlungen): wer verstünde etwas davon?
› Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe
Der Leser hat leicht sagen: ‘Sie liebt eben den jungen Emerson.’ Säße der Leser an Lucys Stelle, würde ihm das keineswegs so selbstverständlich erscheinen. Es ist leicht, das Leben aufzuzeichnen, aber erschreckend zu leben, und wir heißen mit Freuden >die Nerven< oder jedwede andere Entschuldigung willkommen, die unser persönliches Verlangen verschleiert.
› E. M. Forster: Zimmer mit Aussicht
Ja, liebe Emmi, ich werde zwar nicht auf Sie warten. Aber ich werde da sein, wenn Sie zurückkommen. Ich bin immer da für Sie, auch bei Stillstand.
› Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
Es war schön wie ein Schwindelgefühl: sie fühlte sich in seinen Augen fein, zart und rein, sie fühlte sich edel wie eine Königin. Es war ihr mit einem Mal, als wäre sie ganz mit Honig und wohlriechenden Pflanzen ausgestopft. Sie war sich selbst zum Verlieben angenehm. (Mein Gott, sie hatte das bisher noch nie erlebt, sich selbst so süß und angenehm zu sein!)
› Milan Kundera: Abschiedswalzer
Die Liebe zum Essen wächst aus der Liebe zu den Menschen.
› Milan Kundera: Abschiedswalzer
Ältere Herren erkennt man daran, dass sie mit vergangenen Qualen prahlen und diese in ein Museum verwandeln, in das sie Besucher einladen (ach, diese trostlosen Museen sind so schlecht besucht!).
› Milan Kundera: Abschiedswalzer
Ein Kind zu haben, bedeutet absolute Zustimmung zum Menschen. Habe ich ein Kind, ist es, als sagte ich: ich bin geboren worden, habe das Leben gekostet und festgestellt, es ist so gut, dass es verdient, wiederholt zu werden.
› Milan Kundera: Abschiedswalzer