Ex Libris

„Wir wollen einmal sehen, was das hier ist“, sagte Montag. Er brachte die Worte nur stockend hervor und mit peinlicher Befangenheit. Dann las er ein Dutzend Seiten da und dort und stieß schließlich auf folgende Stelle:
„Schätzungsweise haben elftausend Menschen zu verschiedenen Zeiten lieber den Tod erlitten, als dass sie sich bereit erklärt hätten, Eier am spitzen Ende aufzuschlagen.“
Mildred saß auf der andern Seite des Flurs. „Was heißt das? Es heißt überhaupt nichts! Der Hauptmann hatte recht.“
„Lass nur“, beschwichtigte Montag. „Wir wollen einfach von vorn anfangen.“

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Während mir vor die düstere Szenerie meiner Kinderzeit immer wieder Gestalten, die durchaus als lustig, ja gar als übermütig erkennbar sind, liefen, geschah meinem Freund so etwas nie; es seien ihm immer furchteinflößende Geschehnisse sichtbar gewesen, wenn er in die Vergangenheit schaute, und was da gespielt worden sei und noch gespielt werde, sei noch furchteinflößender; er wolle deshalb, sagte er immer wieder, so wenig oft wie möglich in die Vergangenheit, die wie die Gegenwart und die Zukunft sei, die Gegenwart und Zukunft sei, schauen, überhaupt nicht schauen; aber das ging nicht; eine riesige eiskalte Bühne war seine Kindheit, war seine Jugend, war sein ganzes Leben gewesen, nur dazu da, um ihn zu erschrecken, und die Hauptrollen auf dieser Bühne spielten immer nur seine Eltern und seine Schwestern; sie erfanden immer wieder etwas Neues, das ihn verstören mußte. Manchmal weinte er, und wenn ich ihn fragte, warum, dann antwortete er: weil er den Vorhang der Bühne nicht zuziehen könne; er sei zu kraftlos dazu; immer weniger oft könne er den Vorhang der Bühne zuziehen, er fürchte sich davor, ihn eines Tages überhaupt nicht mehr zuziehen zu können; wo er hingehe, wo er sich befinde, in welchem Zustand immer, er müsse sein Schauspiel anschauen; die fürchterlichsten Szenen spielten immer wieder in seinem Innsbrucker Elternhaus, in dem Kaufmannshaus; Vater und Mutter als Triebkräfte seiner tödlichen Szenerie, er sehe und höre sie immer.

Thomas Bernhard: Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns (Erzählung)

Denn wenn ich selbst ein Tagebuch führe, so bestehen Zweifel daran, ob sich dieses Tagebuch auf Ereignisse im eigentlichen Sinn bezieht. Die Ereignisse des Liebeslebens sind derart belanglos, dass sie sich nur mit enormer Anstrengung auf die Ebene des Schreibens heben lassen: man verliert den Mut, wenn man, sich selbst beschreibend, festhält, was nur die eigene Plattheit zu erkennen gibt: “Ich habe heute X… in Gesellschaft von Y… getroffen”, “Heute hat X… mich nicht angerufen”, “X… war schlechter Laune” usw.: wer vermöchte darin eine Geschichte zu erkennen? Das geringfügige Ereignis existiert nur durch seinen gewaltigen Nachklang: Tagebuch meiner Nachgefühle (meiner Verletzungen, meiner Freuden, meiner Deutungen, meiner Gründe, meiner Anwandlungen): wer verstünde etwas davon?

Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe

Der Leser hat leicht sagen: ‘Sie liebt eben den jungen Emerson.’ Säße der Leser an Lucys Stelle, würde ihm das keineswegs so selbstverständlich erscheinen. Es ist leicht, das Leben aufzuzeichnen, aber erschreckend zu leben, und wir heißen mit Freuden >die Nerven< oder jedwede andere Entschuldigung willkommen, die unser persönliches Verlangen verschleiert.

E. M. Forster: Zimmer mit Aussicht

Ja, liebe Emmi, ich werde zwar nicht auf Sie warten. Aber ich werde da sein, wenn Sie zurückkommen. Ich bin immer da für Sie, auch bei Stillstand.

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind

Es war schön wie ein Schwindelgefühl: sie fühlte sich in seinen Augen fein, zart und rein, sie fühlte sich edel wie eine Königin. Es war ihr mit einem Mal, als wäre sie ganz mit Honig und wohlriechenden Pflanzen ausgestopft. Sie war sich selbst zum Verlieben angenehm. (Mein Gott, sie hatte das bisher noch nie erlebt, sich selbst so süß und angenehm zu sein!)

Milan Kundera: Abschiedswalzer

Die Liebe zum Essen wächst aus der Liebe zu den Menschen.

Milan Kundera: Abschiedswalzer

Ältere Herren erkennt man daran, dass sie mit vergangenen Qualen prahlen und diese in ein Museum verwandeln, in das sie Besucher einladen (ach, diese trostlosen Museen sind so schlecht besucht!).

Milan Kundera: Abschiedswalzer

Ein Kind zu haben, bedeutet absolute Zustimmung zum Menschen. Habe ich ein Kind, ist es, als sagte ich: ich bin geboren worden, habe das Leben gekostet und festgestellt, es ist so gut, dass es verdient, wiederholt zu werden.

Milan Kundera: Abschiedswalzer

Olga gehört nämlich zu jenen modernen Frauen, die sich gerne spalten: in ein Wesen, das erlebt, und ein Wesen, das beobachtet.

Milan Kundera: Abschiedswalzer

“Eine Frau verführen”, sagte Bertlef unzufrieden, “das kann jeder Dummkopf. An der Art aber, wie man sie verlässt, erkennt man die Reife eines Mannes.”

Milan Kundera: Abschiedswalzer

Und die Dinge würden nicht schmerzen, sondern sich von der Strömung getragen annähern, man könnte sie zuerst leicht, dann fester berühren und sich schließlich von ihnen berühren lassen. Sich auch verletzen lassen. Daran sterben. Das ist nicht wichtig. Aber alles wäre endlich menschlich.

Alessandro Baricco: Oceano Mare

Wenn er sie morgen wiedersähe, würde er Mühe haben, sie im ersten Augenblick zu erkennen, und ganz allmählich erst würde sie für ihn wieder ihr gewohntes Aussehen annehmen; aber gerade dieses launenhafte Spiel der Erinnerung, dass ein Gesicht abwechselnd auftauchte und wieder verschwand, war seinem Herzen so vertraut, dass er daran die Stärke seines Verlangens ermaß.

Julien Green: Leviathan

Man gibt seine ganze Freiheit auf, wenn man sich in ein Wesen verliebt; die Begierde kann aufhören, die Leidenschaft gänzlich erlöschen, aber auf dem Grunde des Herzens bleibt etwas Untilgbares zurück, etwas, das man geben, aber nicht zurücknehmen kann.

Julien Green: Leviathan

Gleichgültig, wohin er ging: Immer hatte er sich gewünscht, dass sein letzter Gedanke der Liebe gehören sollte. Liebe als ein Wort. Liebe als ein Zustand. Liebe als ein Prinzip. Liebe sollte sein letzter Gedanke und seine letzte Empfindung sein, ein Ja und kein Nein, egal, ob er sich nur transportierte oder ob er zum Stillstand kam. Und er hatte immer gehofft, dass es ihm dann gelingen würde, daran zu denken. An die Liebe.

Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

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