Ex Libris

Olga gehört nämlich zu jenen modernen Frauen, die sich gerne spalten: in ein Wesen, das erlebt, und ein Wesen, das beobachtet.

Milan Kundera: Abschiedswalzer

“Eine Frau verführen”, sagte Bertlef unzufrieden, “das kann jeder Dummkopf. An der Art aber, wie man sie verlässt, erkennt man die Reife eines Mannes.”

Milan Kundera: Abschiedswalzer

Und die Dinge würden nicht schmerzen, sondern sich von der Strömung getragen annähern, man könnte sie zuerst leicht, dann fester berühren und sich schließlich von ihnen berühren lassen. Sich auch verletzen lassen. Daran sterben. Das ist nicht wichtig. Aber alles wäre endlich menschlich.

Alessandro Baricco: Oceano Mare

Wenn er sie morgen wiedersähe, würde er Mühe haben, sie im ersten Augenblick zu erkennen, und ganz allmählich erst würde sie für ihn wieder ihr gewohntes Aussehen annehmen; aber gerade dieses launenhafte Spiel der Erinnerung, dass ein Gesicht abwechselnd auftauchte und wieder verschwand, war seinem Herzen so vertraut, dass er daran die Stärke seines Verlangens ermaß.

Julien Green: Leviathan

Man gibt seine ganze Freiheit auf, wenn man sich in ein Wesen verliebt; die Begierde kann aufhören, die Leidenschaft gänzlich erlöschen, aber auf dem Grunde des Herzens bleibt etwas Untilgbares zurück, etwas, das man geben, aber nicht zurücknehmen kann.

Julien Green: Leviathan

Gleichgültig, wohin er ging: Immer hatte er sich gewünscht, dass sein letzter Gedanke der Liebe gehören sollte. Liebe als ein Wort. Liebe als ein Zustand. Liebe als ein Prinzip. Liebe sollte sein letzter Gedanke und seine letzte Empfindung sein, ein Ja und kein Nein, egal, ob er sich nur transportierte oder ob er zum Stillstand kam. Und er hatte immer gehofft, dass es ihm dann gelingen würde, daran zu denken. An die Liebe.

Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Mir war der Gedanke nicht fremd, dass Demütigung nötig war, um aus mir selbst hinausgeschlagen zu werden oder in mich hineinzukommen, oder wie immer ich dachte. Es ist lange her. Heute kommt mir alles ein wenig abstrakt vor. Es lässt sich nur verstehen, wenn man berücksichtigt, wie furchtbar konkret das Bild in meinem Kopf war.

Agneta Pleijel: Der Weg des Windes

Ich erinnere mich an eine Periode meines Lebens, in der ich ein Bild im Kopf hatte, das sich nicht verändern lassen wollte. Es war ein Bild unerbittlicher Unveränderbarkeit. Es war sehr quälend. Was ich vor mir sah, war ein Körper, eine Art Himmelskörper, der vollkommen still am Himmel hing: festgenagelt. Er ließ sich nicht bewegen. Danach sah ich eine Faust, die mit gewaltiger Kraft auf ihn einschlug. Er zersplitterte nicht, wurde aber in schwankende Bewegungen versetzt.
Für einen Augenblick nahm er eine neue Position ein. Das verschaffte Erleichterung. Ich konnte wieder atmen. Das Bild saß mir lange Zeit im Kopf. Und ich gewann den Eindruck, dass es mich darstellte. Ich war dieser Himmelskörper, und ich musste mich selbst schlagen, um von der Stelle zu kommen. Ich musste mich selbst in mich hinein oder aus mir heraus schlagen: in die Wirklichkeit.

Agneta Pleijel: Der Weg des Windes

Es ist ein Unterschied, ob man sich im Leben oder in der Kunst ausdrückt. Für manche Menschen wird er zu einem unlösbaren Dilemma.

Agneta Pleijel: Der Weg des Windes

Sie wusste noch nicht, wozu sie ihre phantastische Sehnsucht gebrauchen würde. Aber der Tag würde kommen. Bis auf weiteres beherbergte sie sie auf bestmögliche Weise.

Agneta Pleijel: Der Weg des Windes

“Ich hasse Ihre Argumente”, sagte der Leutnant. “Ich mag Argumente nicht. Wenn Sie jemanden im Unglück sehen, kommen Leute gleich Ihnen immer nur mit Argumenten. Sie sagen: Vielleicht ist der Schmutz gut, vielleicht wird es ihm darum eines Tages besser gehen. Ich will mein Herz sprechen lassen.”
“Aus der Mündung der Pistole.”
“Ja. Aus der Mündung der Pistole.”
“Vielleicht, aber wenn Sie einmal in meinem Alter sind, werden Sie wissen, was für ein unverlässliches Tier das Herz ist. Auch der Geist, aber er spricht nicht von Liebe. Liebe. Ein Mädchen ertränkt sich, ein Kind wird erwürgt, und das Herz sagt immer wieder: Liebe, Liebe.”

Graham Greene: Die Kraft und die Herrlichkeit

Man musste die Kehrseite jeder Situation betrachten, dann wurden ihre kleinen, unsinnigen, widerspruchsvollen Einzelheiten deutlich. Er hatte der Verzweiflung Raum gegeben – und ihr entsprang eine Seele und Liebe – nicht die schönste Liebe, aber doch Liebe.

Graham Greene: Die Kraft und die Herrlichkeit

Sie war bereit, jede Verantwortung zu tragen, auch die der Rache, ohne zu überlegen. So lebte sie das Leben.

Graham Greene: Die Kraft und die Herrlichkeit

Ganz allmählich begann er zu ahnen, dass er jahrzehntelang mit einem Irrtum gelebt hatte. Es war gar nicht wahr, dass Abgrenzung hieß, sich abzuschirmen und einzumauern wie in einer inneren Festung. Worauf es ankam, war etwas ganz anderes: dass man, wenn die anderen es erfuhren, furchtlos und ruhig zu dem stand, was man Innersten war.

Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen

Er musste, dachte er im Halbschlaf, für die Dauer der morgigen Sitzung eine Meinung simulieren. Es würde nicht reichen, sie in Worte zu fassen: es ging darum, die Meinung auch im Inneren zu inszenieren. Konnte man das, ankämpfend gegen die Gewissheit, dass einem jegliche Meinung fehlte?

Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen

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