Aber ich weiß gar nicht, wie ich bin, sagte ich, morgens bin ich mutig und abends ein Angsthase, morgens will ich die Welt auf den Kopf stellen und abends möchte ich einen Mann, der auf mich aufpasst, und er sagte, dann such dir einen Mann, der bereit ist, abends auf dich aufzupassen und dich morgens freilässt, vergiss nicht, dass alles möglich ist, die Welt ist offener, als du es dir vorstellst, sie ist ein einziges großes Tor, glaub mir, und ich reagierte gereizt, er sprach wie ein Renovierungsfachmann, so nachdrücklich und selbstsicher, reißen Sie die Wand hier ein, verlegen Sie das Badezimmer dorthin, als ob es um Steine ginge und nicht um ein dermaßen kompliziertes, schwieriges und schwebendes Material wie die Seele.
› Zeruya Shalev: Liebesleben
Ich habe nicht auf den Preis geachtet, stammelte ich, ich muss mit meinem Mann sprechen, ich erwähnte ihn nur, um mich ein wenig zu beruhigen, mich an seiner akustischen Existenz festzuhalten [...]
› Zeruya Shalev: Liebesleben
Unser Lehrsatz vom Kampf gegen das Böse, der nie, unter keinen Umständen und unter keinen Verhältnissen aufgegeben werden darf, stimmt im luftleeren Raum oder, was dasselbe ist, auf dem Schreibtisch; aber nicht auf dem Planeten, auf dem wir durch das Weltall rasen wie Hexen auf einem Besen.
› Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht
“So bin ich und so hat er mich hinzunehmen”, sagte er sich, “ich kann nicht aus mir einen Menschen herausschneiden, der vielleicht für die Freundschaft mit ihm geeigneter wäre, als ich es bin.”
› Franz Kafka: Das Urteil
Und ihre Mittel waren stets die gleichen: Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bäumte sich endlich das gesammelte Gefühl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen, das Gesicht voran.
› Franz Kafka: Entlarvung eines Bauernfängers
Er hatte genug von allem; mehr als genug. Was hatte er sich nur eingebildet? Geburtshelfer der Zukunft wollte er sein: Da musste man schon übergeschnappt sein. Er hatte gesehen, was aus diesem Schoß hervorkroch – die Kurven, die allesamt bei null ankamen. Die Zukunft brauchte keine Hebamme. Sie brauchte jemanden, der sie abtrieb.
› Richard Powers: Schattenflucht
Alles fühlte sich frisch an, wie in den Tagen, als die Arbeit an den Dingen noch jung war, noch nicht zu Tode geritten vom ewigen Zwang zum Erfolg.
› Richard Powers: Schattenflucht
Man weiß immer, was man malt. Und alles, was man malt, kommt irgendwie auch auf die Welt. Deshalb hat Gott ja die Götzenbilder verboten, nicht war? Er wollte nicht, dass das Publikum an etwas herumbastelt, von dem es keine Ahnung hat.
› Richard Powers: Schattenflucht
Mit deinem Flüchtlingsherzen hast du dich ohnehin nie irgendwo zu Hause gefühlt, außer in diesem Raum, wo alles nur Vielleicht heißt.
› Richard Powers: Schattenflucht
Und dieses Menschenwesen sagte die Worte, als seien sie hübsche, furchteinflößende Spielzeuge, die nur deswegen existierten, weil sie keinen erkennbaren Zweck auf Erden hatten. Die Worte gaben der Sprecherin nichts zu essen, keine Kleider, boten keinen Schutz vor den Elementen. Sie konnten ihr keinen Gefährten gewinnen, ihr kein Kind machen, nicht ihre Feinde bezwingen, sie konnten zumindest in keiner messbaren Form ihr Überleben auf diesem Planeten sichern. Und doch zählten sie zu den erstaunlichsten Kunstwerken, die je entstanden waren. Wozu waren sie da? Wie rechtfertigte die Evolution den kolossalen Aufwand an Energie? Vor ewigen Zeiten waren rhythmische Worte vielleicht ein Zauber gewesen, der Schutz bot. Aber dieser Zauber wirkte schon lange nicht mehr. Und doch strömten die Worte aus ihrem Mund, mechanische Vögel, die sich wie lebendige gaben. Laute voller Bedeutung, doch Bedeutung ohne Zweck.
› Richard Powers: Schattenflucht
Der größte Wert der plumpen, geistlosen, unaufhaltsamen Digitalisierung lag darin, dass zum ersten Mal bewusst wurde, wie grenzenlos und unerfassbar die analoge Welt für alle Zeiten bleiben würde.
› Richard Powers: Schattenflucht
Aber mit einem Schlag begriff sie, warum der Verstand es gar nicht abwarten konnte, digital zu werden. Warum er diesen Ort so dringend brauchte, an dem es für jeden Aberwitz einen Knopf namesn “Rückgängig” gab.
› Richard Powers: Schattenflucht
Ach Leo, wollte ich sagen, jedes Buch hat mich weiter und weiter hinausgeführt, das auslösende Ereignis verlor an Kraft, war nicht mehr als ein schwaches, fernes Signal von der Heimatstation, und sogar das kann man kaum noch empfangen.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter
Und die Intensität des Fühlens leitet uns in die Irre, ich weiß, dass dem so ist, Rilke verliebte sich in zwei Frauen, die Freundinnen waren. Er heiratete die eine und fuhr fort, die andere zu lieben. Von unserer Moira, die so leidenschaftlich leidvoll mit Brad verheiratet ist, wird erzählt, dass sie, kurz bevor sie mit ihm auf und davon ging, einem alten Freund sagte, sie würde ihn heiraten, wenn er sie noch wolle. Da ist ein solches Strahlen in uns, wenn wir lieben – unser Kreiselkompass wackelt, torkelt umher, droht uns geradewegs aus dem Weltall plumpsen zu lassen. Es erscheint mir nicht ungewöhnlich, dass man mitten im grellsten Schein absolut ekstatischer Gewissheit seiner Liebe zu einer Frau, in seiner funkensprühenden Lebhaftigkeit, ebenso leicht die Hand nach der Frau ausstrecken kann, die neben ihr steht.
› E. L. Doctorow: Das Leben der Dichter