Wenn die Menschen, die mich für eine Stunde treffen, über das Ausmaß der Gefühle erschrecken, die sie in mir erwecken, machen sie einen dreifachen Fehler: nicht sie – nicht in mir – nicht Ausmaß. Es einfach die Maßlosigkeit, die sich erhebt. Und vielleicht haben sie nur in einem recht: in ihrem Erschrecken.
› Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach, 2.8.1923
Ah! Ich habe es begriffen! Das Schmerzhafte in der Liebe ist persönlich, das Erquickende gehört allen. Der Schmerz heißt Du, das Erquickende ist namenlos (die Naturgewalt des Eros). Deswegen können wir “Angenehmes” mit jedem erleben, den Schmerz aber wollen wir nur von einem. Der Schmerz ist das Du in der Liebe, unser persönliches Signum.
› Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach, 9.8.1923
Gute Nacht, lieber Freund. Wenn ich daran denke, wieviel ich noch sagen und wieviel ich fragen muss, dann habe ich eine genaue Vision der Unendlichkeit.
› Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach, 28.8.1923
Mich hat das immer erstickt, diese Enge. Lieben Sie die Welt – in mir, nicht mich – in der Welt. Damit “Marina” Welt bedeute, und nicht die Welt – “Marina”.
› Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach, 25.7.1923
Ich schließe hier. Ihre Briefe sind für mich eine Freude. Schreiben Sie. Schreiben Sie, was Sie wollen, schauen Sie sich im Spiegel an, messen Sie die Tiefe.
› Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach, 20.7.1923
Ihr Brief hat mich gerührt. Schreiben Sie mir weiterhin und merken Sie sich eines: ich eigne mir nichts an. Alles in der Welt, was sich “losgerissen” hat, gehört mir, vom ersten Adam bis zum letzten, daher meine völlige Unfähigkeit, zu bewahren. In Ihrem Brief sehe ich nicht Sie in Beziehung zu mir, sondern Sie – in Beziehung zu sich selbst. Ich bin ein zufälliger Zuhörer, ein dankbarer, das will ich nicht verschweigen. Verbleiben wir so: fahren Sie fort, laut zu denken, ich bin ein gutes Ohr, doch lassen Sie sich von diesem Ohr nicht verwirren und rechnen Sie nicht mit ihm. Möge ich für Sie jener Seufzer sein (oder jener Anlass zu einem Seufzer!), welcher der einzige Ausweg für all unsere Ausweglosigkeiten ist.
› Marina Zwetajewa an A. W. Bachrach, 30.6.1923
Es fällt schwer zu schreiben, wenn man nicht gerufen wird.
› Marina Zwetajewa an Maximilian Alexandrowitsch Woloschin, 10.5.1923
Schreiben ist – eintreten, ohne zu klopfen. Mein Haus ist immer auf halbem Wege zu Ihnen. Wenn Sie schreiben, müssen Sie wissen, dass Ihre Gedanken immer erwidert werden. Was heißt hier: an die Tür klopfen, wo diese für immer eingeschlagen ist!
› Marina Zwetajewa an Boris Pasternak, 19.2.1923
Ich bedaure so sehr, dass das nur Worte sind – Liebe – das liegt mir nicht, ich möchte einen richtigen Scheiterhaufen, auf dem man mich verbrennen würde.
› Marina Zwetajewa an Anna Andrejewna Achmatowa, 26.4.1921
[...] “Soll ich es sagen?” “Unverzüglich!” “Nun – kurzum (erneutes Lachen) – ich bin ein Idiot – aber ich hatte plötzlich wahnsinnige Lust, Ihren Kopf zu streicheln.” Ich, ernst: “Das ist überhaupt nicht dumm, das ist ganz natürlich, streicheln Sie, bitte.”
Lann! Wenn ein Bär eine Libelle streichelte – es könnte nicht zärtlicher sein. – Ich liege, ohne mich zu rühren.
Er streichelt lange. Schließlich sage ich: “Und jetzt gegen den Strich – von unten nach oben – nein, vom Nacken herauf – das liebe ich sehr!” “So?” “Nein, ein bisschen tiefer – so – wunderbar!” Wir unterhalten uns, fast laut. Er streichelt, ich erzähle von meinem Verhältnis zur Welt, die ich in zwei Klassen einteile: Leib und Geist.
Ich erzähle lange, denn er streichelt – lange.
› Marina Zwetajewa an Jewgenij Lwowitsch Lann, 19.1.1921
Im allgemeinen hasse ich die Literaten, für mich ist jeder Dichter – ob tot oder lebendig – eine handelnde Person in meinem Leben. Ich mache überhaupt keinen Unterschied zwischen einem Buch und einem Menschen, einem Sonnenuntergang, einem Bild. Alles was ich liebe, liebe ich mit der gleichen Liebe.
› Marina Zwetajewa an Wassilij Wassiljewitsch Rosanow, 7.3.1914