Die Zuverlässigkeit der Unruhe
31. July 2010 | notiert von: Eva
Walter Helmut Fritz
Die Zuverlässigkeit der Unruhe
1966
Nicht einwilligen.
Damit uns eine Hoffnung bleibt.
Mit den Dämonen
rechnen.
Die Ausdauer bitten,
sie möge mit uns leben.
Die Zuverlässigkeit der Unruhe
nicht vergessen.
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Nachtrag zum “Kameramörder”
25. July 2010 | notiert von: Eva
Was mir jetzt im Nachhinein noch zu dem Buch eingefallen ist: Ich als Autor hätte bei der Schilderung so eines Verbrechens ja Angst, dass irgendjemand das nachmacht, so wie bei dem Film “American History X” diese schreckliche Bordstein-Szene ja auch angeblich eine Gruppe Neonazis in Deutschland inspiriert hat. Und das Verbrechen, das Glavinic da schildert, ist an psychologischer Grausamkeit ja wirklich kaum zu überbieten. Natürlich könnte der Autor nicht für eine Nachahmungstat verantwortlich gemacht werden (zumindest nicht von einem rein objektiven Standpunkt aus), aber ich würde wirklich nicht in Glavinics Haut stecken wollen, wenn einer dieses Verbrechen nachahmt und dann angibt, er sei von “Der Kameramörder” inspiriert worden.
Klar, die ganzen amerikanischen Serientäter-Thriller sparen auch nicht gerade an Details und könnten inspiriernd wirken, aber die scheinen mir alle relativ ähnlich zu sein und basieren ja auch teilweise auf realen Verbrechen – gerade über Serientäter gibt es ja Unmengen an Berichten, Dokumentation usw. Aber das was Glavinic da erzählt ist irgendwie wirklich so “neu”, dass ich als Autor das Risiko nicht hätte eingehen wollen… oder wie seht ihr das, das würde mich wirklich interessieren!
Edit: So, jetzt hab ich gerade auch noch entdeckt, dass das Buch verfilmt worden ist. Und ich wusste beim Lesen der Inhaltsangabe echt nicht, ob ich lachen oder weinen soll, weil das Ganze mit der ursprünglichen Handlung wirklich nicht mehr viel zu tun hat. Alles ist verdreht, und vom eigentlich Thema bleibt, soweit man das vom Trailer her sagen kann, nicht mehr viel übrig. Stattdessen wird, wie so gerne in Film und Fernsehen, der Fokus auf die “Beziehungen der Protagonisten untereinander” gelegt. Schon möglich (und ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich), dass das ein spannender und ansprechender Film ist, aber das eigentliche Wesen des Romans fängt dieser Film bestimmt nicht ein – wenn das denn überhaupt möglich wäre.
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Thomas Glavinic – Der Kameramörder
24. July 2010 | notiert von: Eva

Ein Paar verbringt die Osterfeiertage bei einem befreundeten Ehepaar in der Weststeiermark. Plötzlich zerstören die Nachrichten über einen Mord, der in der näheren Gegend stattgefunden hat, die Wochenendsidylle: Ein Mann hat drei Kinder in seine Gewalt gebracht, zwei davon zum Selbstmord gezwungen und das Ganze mit einer Videokamera gefilmt. Die zwei Paare verfolgen im Laufe des Wochenendes die Berichterstattung über das Verbrechen, hin- und hergerissen zwischen Sensationsgier und Abscheu vor dieser schrecklichen Tat.
Der Roman ist nur 160 Seiten lang, aber diese 160 Seiten haben es wirklich in sich. Zunächst einmal ist die Erzählweise ein wenig gewöhnungsbedürftig: Der namenlose Ich-Erzähler, der mit seiner Lebensgefährtin auf Besuch bei ihren Freunden Heinrich und Eva ist, berichtet minutiös beinahe jedes Detail des kurzen Zeitraums, in dem sich das Geschehen abspielt: Was gegessen wurde, wer wann auf die Toilette geht, der Punktestand eines Tischtennisspiels – beinahe jeder Schritt der Protagonisten wird in diesem “Bericht” genau aufgezeichnet (wer “Die Arbeit der Nacht” gelesen hat, kennt das ja schon). Das mag langweilig klingen, aber gerade die Detailliertheit und Zwanghaftigkeit der Schilderung der Geschehnisse führt dazu, das man als Leser das Ganze wie einen Film vor den Augen hat, der in Echtzeit vor einem abläuft. Und deshalb kann man sich auch nur schwer von der Geschichte distanzieren. Die Sprache ist auf das Wesentliche reduziert, klar und sachlich.
Das nächste ist die Handlung, die einerseits eine Krimihandlung ist, aber das Buch als reinen Krimi abzutun wird ihm auf keinen Fall gerecht. Es ist zugleich auch ein gnadenloses Portrait der Gesellschaft, der Macht der Medien und der Sensationsgier, die durch das Fernsehen nur noch stärker kultiviert wird. Die Art der Berichterstattung, die Glavinic schildert, kann man sich lebhaft vorstellen, wenn man an Berichte über Amokläufe in Deutschland oder an 9/11 denkt. Ihren Höhepunkt erreicht sie in dieser Geschichte aber, als ein deutscher Privatsender das Video, das die Ermordung der Kinder zeigt, im Fernsehen zeigen will – natürlich nicht aus Sensationsgier, sondern “als hilfloser Versuch zur Aufarbeitung einer Tragödie“. Die beiden Ehepaare verbringen viel Zeit vor dem Fernseher bzw. Radio, um auf dem Laufenden zu bleiben, was hauptsächlich von Heinrich ausgeht, der als Figur des zynischen, in seinem Voyeurismus erst so richtig auflebenden Menschen wirklich mehr als treffend gelungen ist. Die beiden Frauen versuchen, sich von dem Geschehen zu distanzieren, bekommen Angst, als es heißt, der Mörder sei immer noch in der Gegend – aber auch zieht es immer wieder zum Fernseher.
Thomas Glavinics Beschreibung des Hin- und Hergerissenseins zwischen Abscheu und Neugierde nimmt mitunter auch satirische Züge an, etwa wenn, als die Ausstrahlung des Mordvideos beginnt, es sich die zwei Paare mit Erdnüssen, Chips und Getränken ausgerüstet auf dem Sofa gemütlich machen und sich gleichzeitig über die Ungehörigkeit der Ausstrahlung beklagen. Die Spannung spitzt sich gegen Ende hin natürlich zu – der Mörder wird eingekreist, die Polizei ist ihm auf den Fersen. Der Autor drängt den Leser mit Hinweisen immer deutlicher zur Auflösung hin, um ihn am Ende dann doch noch einmal zu überraschen. Ich bin wirklich hin und weg von diesem Buch, das eine so eigenwillige Atmosphäre beinhaltet, der man sich nur schwer entziehen kann – ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und musste mich dann erst mal wieder in die Wirklichkeit zurückfinden. Eine klare Empfehlung für jeden, der auf der Suche nach einem intelligenten, gesellschaftskritischen und außergewöhnlichen Krimi ist.
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Michele Clement: No. 26
23. July 2010 | notiert von: Eva

“No. 26″ | ©Michele Clement
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Stephen King – Sunset
20. July 2010 | notiert von: Eva

“Sunset” ist eine Sammlung von 13 neuen Kurzgeschichten meines Lieblings-Horrorautors Stephen King. Ich war schon sehr gespannt auf dieses Buch, da ich ein großer Fan seiner Erzählungen bin, und wurde (anders als bei seinem letzten Roman “Arena”) nicht in meinen Erwartungen enttäuscht.
Von den 13 Geschichten ist eine, “N.”, absolut herausragend, eine mit dem Titel “Höllenkatze” ist absolut furchtbar und der Rest liegt im guten bis sehr guten Durchschnitt. “N.” ist wirklich das Highlight des Buches, eine Geschichte, an die ich seitdem ich das Buch vor zwei Wochen gelesen habe immer noch jeden Tag denken muss. N. ist ein Patient des Psychiaters Johnny Bonsaint, dessen Notizen über N. die Grundlage der Geschichte bilden. N. ist Zwangsneurotiker, und die Ursache seiner Zwänge, die authentische Darstellung einer Zwangserkrankung (am Ende der Geschichte war ich wirklich versucht, ein paar Gegenstände in meinem Zimmer abzuzählen und zu schauen, ob sie eine gute oder eine schlechte Zahl ergeben) und das schreckliche Erbe, das N. nach seinem Selbstmord hinterlässt, machen diese Geschichte zu einem wirklichen Meisterstück. “Höllenkatze” dagegen ist einfach nur schrecklich. Der Anfang liest sich noch ganz spannend – ein alter Mann beauftragt einen Auftragskiller, eine Katze zu ermorden. Aber das “Motiv” der Katze und vor allem das absolut dämliche Ende, das einfach nur aus einem plumpen Schockeffekt besteht, machen alles zunichte. Eine sehr interessante Geschichte ist auch “Der Hometrainer“, die von einem Mann erzählt, der bei seinen Fahrten auf dem Gerät in eine andere Welt gerät, in der er nicht mehr in seinem Keller sitzt, sondern auf einem Rad eine Straße entlangfährt. Ich mag so Geschichten, die mit alternativen Realitäten spielen. Sehr subtil erschütternd ist “Harveys Traum“, wo es um Wahrträume geht. “Hinterlassenschaften” ist Kings Versuch, mit den Ereignissen des 11. September 2001 umzugehen, eine bis auf das etwas banale Ende gute, unheimliche Geschichte. Was fast allen Erzählungen gemein ist, und das empfinde ich als ihre größte Stärke, ist dass die Spannung langsam und unterschwellig aufgebaut wird – subtiler Horror vom Feinsten.
Im Nachwort schreibt Stephen King noch kurz etwas zu jeder dieser Erzählungen: Gedanken darüber, ihre Entstehungsgeschichte etc. Sowas finde ich immer sehr interessant, und King hat so eine sympathische Art über das Schreiben und sein Leben zu erzählen. Als Fazit kann ich nur sagen: Ein Buch für alle, die unheimliche Geschichten die einen sofort in ihren Bann ziehen, lieben.
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Musik in Büchern
18. July 2010 | notiert von: Eva
Ich mag es, wenn in Büchern von bestimmten Musikstücken die Rede ist. Hier habe ich schon einmal ein Beispiel dazu gebracht. Jetzt höre ich gerade Bob Marleys “Coming In From The Cold“. In Michael Ondaatjes Buch “Anils Geist” tanzt Anil, eine forensische Archäologin, zu diesem Lied im Hof einer verlassenen Villa irgendwo in Sri Lanka. Der Hof ist ihre Arbeitsstätte; hier untersucht sie das Skelett eines unidentifizierten Mordopfers. Die Untersuchung läuft im Geheimen ab, da der Mann vermutlich im Auftrag der Regierung ermordet wurde. Sie wird von Sarath, einem Archäologen, und Ananda begleitet. Ananda ist ein ehemaliger Künstler, einer der wenigen, die die Augen einer Buddha-Statue bemalen und sie dadurch zum Leben bringen konnte. Er hilft Anil und Sarath bei der Identifizierung des Opfers. Sarath beobachtet Anils Tanz:
Ein Tuch, das sie eng um den Kopf geschlungen hat, hält die Kopfhörer fest. Sie braucht die Musik als Antrieb, um Extreme und Anmut zu finden. Sie braucht Anmut, und sie erlangt sie hier nur an solchen Morgen oder nach einem spätnachmittäglichen Wolkenbruch – wenn die Luft leicht und kühl ist und zugleich die Gefahr besteht, dass man auf den nassen Blättern ausrutscht. Ihr ist zumute, als könne sie wie ein Pfeil aus dem eigenen Körper hinausschnellen.
Sarath sieht ihr vom Esszimmerfenster aus zu. Er beobachtet einen Menschen, den er noch nie gesehen hat. Eine Wahnsinnige, eine Druidin im Mondlicht, eine Lichtschnuppe. Das ist nicht die Anil, die er kennt. Genau wie sie für sich selbst in diesem Zustand unsichtbar ist, auch wenn es der Zustand ist, nach dem sie sich sehnt. Nicht die graue Maus in einem Männerklüngel. Nicht jemand, der Knochen trägt und wiegt, obwohl sie auch diese Seite ihrer Persönlichkeit braucht, so wie sie sich als Liebende mag. Doch jetzt ist sie die, die zu einem zornerfüllten Liebeslied tanzt, das den Verlust heraustrommelt – “Coming In from the Cold” -, die mit ihrem ganzen Sein die Rhetorik des Abschieds einer Liebenden tanzt. Ihr scheint, dass sie am vernünftigsten mit der Liebe verfährt, wenn sie auf Gesten verfällt, die ihn verurteilen, sie, sie beide als Paar, Eros, den bittersüßen, von ihnen verschlungen und im letzten Stadium ihrer Liebesgeschichte ausgespien. Die Tränen kommen leicht. In diesem Zustand bedeuten sie ihr nicht mehr als Schweiß, nicht mehr als der Schnitt im Fuß, den sie sich beim Tanzen zuzieht, nichts, was sie innehalten ließe, wie sie sich auch um eines Liebhabers Geheuls oder süßen Lächeln willens nicht verändern würde, weder jetzt noch jemals.
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Gedanken
15. July 2010 | notiert von: Eva
Heut mach ich mir kein Abendbrot.
Heut mach ich mir Gedanken.
- Wolfgang Neuss
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Milky Way
9. July 2010 | notiert von: Eva

“Milky way – Cows no. IV (V2)” | ©David Kaplan
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Leserückblick Juni 2010
7. July 2010 | notiert von: Eva

Joachim Kersten: Herman Bang. Eines Dichters letzte Reise
Dieses Buch ist ein wirkliches Kleinod für jeden, der sich mit dem dänischen Schriftsteller Herman Bang näher auseinandersetzen will. Es beginnt mit einer Einführung über Herman Bangs bewegtes Leben vom Herausgeber des Buches, Joachim Kersten. Daran schließt Bangs letzte Erzählung “Der große Kahn” an, in der er von seiner Überfahrt nach Amerika berichtet. Klaus Mann, der Bang sehr geschätzt hat, berichtet mit seiner Erzählung “Reise ans Ende der Nacht” über Bangs Ankunft in den Vereinigten Staaten. Das Schlussstück bildet Friedrich Sieburgs “Der Tod des Dichters”, das den tragischen Tod des Schriftstellers bei einer Zugfahrt durch die USA beschreibt. Diese drei Stücke ergeben zusammen ein wunderschönes und ergreifendes Portrait Herman Bangs.

Thomas Bernhard: Amras
“Amras” erzählt die Geschichte zweier Brüder, die nach dem Selbstmord ihrer Eltern, bei dem sie selbst auch hätten sterben sollen, bei ihrem Onkel in einem Turm leben. Ein düsteres Portrait einer Familie und der Beziehung der Brüder zueinander.

Michael Ende: Die unendliche Geschichte
Siehe hier.

L. P. Hartley: The Go-Between
Der dreizehnjährige Leo verbringt den Sommer auf dem Landgut eines Schulfreundes und wird dort zum heimlichen Botengänger zwischen Marian, der Schwester seines Freundes und Ted, einem Bauern. Leo wird immer tiefer in die Auswirkungen der, nach den Moralvorstellungen der damaligen Zeit, verbotenen Liebesaffäre verstrickt. Aus der Sicht des Jungen erzählt, ist “The Go-Between” eine mitreißende Geschichte, die von einer verbotenen Liebe und von den Verwirrungen des Erwachsen-werdens erzählt und ein intelligentes Portrait der damaligen Gesellschaft aufzeichnet.

Agatha Christie: Mord im Orient-Express
Ein charmanter Krimi mit einem überraschenden, wenn auch etwas unglaubwürdigen Ende.

Ian McEwan: Am Strand
Edward und Florence, ein junges, frisch verheiratetes und sexuell unerfahrenes Paar sieht sich mit der Herausforderung der bevorstehenden Hochzeitsnacht konfrontiert und scheitert an den eigenen Erwartungen, Ängsten und Unzulänglichkeiten. McEwan beschreibt sehr präzise aus der Sicht beider Protagonisten, wie es zu dem Scheitern ihrer nur wenige Stunden bestehenden Ehe kommt. Ein psychologisch dichtes, immer wieder gern gelesenes Buch.

Arnaldur Indriðason: Frostnacht
Mein erstes Buch von dem isländischen Krimiautoren Indriðason, und bestimmt nicht mein letztes. Vor einem Wohnblock wird die Leiche eines zehnjährigen Jungen entdeckt. Da der Junge aus Thailand stammt, wird anfangs ein Verbrechen aus rassistischen Gründen vermutet, aber das Verschwinden seines Bruders und die Geheimnisse seiner Mutter führen die Ermittlungen auch in eine andere Richtung. “Frostnacht” ist der siebte Teil der Reihe um den Kommissar Erlendur Sveinsson und seinem Team, sprachlich ansprechend in einer melancholisch-düsteren Atmosphäre erzählt.

Ray Bradbury: Ausgewählte Erzählungen
Eine schöne Zusammenstellung von verschiedenen Erzählungen, die meisten mit Science Fiction-Thematik. Besonders hervorheben möchte ich “Dunkel waren sie und goldäugig”, eine sehr unheimliche, Gänsehaut erzeugende Geschichte über die Besiedelung der Menschen des Mars, und “Das Nebelhorn”, in dem ein Meereswesen aus der Urzeit dem Ruf eines Nebelhorns folgt. Bis auf ein oder zwei Ausnahmen sind die Erzählungen wirklich interessant, toll geschrieben und vor allem sehr ideenreich.
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Jonathan Franzen – Die 27. Stadt
6. July 2010 | notiert von: Eva

“Die 27. Stadt” ist Jonathan Franzens Erstlingswerk, ein politischer Thriller, spannend, aber noch sehr unausgereift. Die Stadt St. Louis bekommt eine neue Polizeichefin, S. Jammu, eine Inderin. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt kommt es zu terroristischen Anschlägen, und der Leser erfährt nach und nach, dass Jammu selbst hinter den Anschlägen steckt. Ihr Ziel ist es, mit Hilfe von weiteren Immigranten aus Indien das Machtgefüge der Stadt zu verändern. Dabei versucht sie nicht nur durch die Anschläge, sondern vor allem durch “Psychoterror” die wichtigsten Personen der Stadt zu beeinflussen. Im Zentrum der Geschichte steht der Bauunternehmer Martin Probst, der eine Schlüsselfigur in Jammus Plan ist. Sie lässt seinen Hund töten und sorgt auf verschiedenste Weise dafür, dass der Familienfrieden der Probst zerstört wird, um Probst zu schwächen und ihn so auf ihre Seite zu ziehen, aber er erweist sich als hartnäckiger Fall.
Wie gesagt, ein durchaus spannendes Buch, aber leider überwiegen die negativen Seiten. Was mich am meisten geärgert hat, war dass man nicht wirklich erfährt, was die Motive von Jammu und ihrem Gefolge sind. Warum geht eine Inderin in die USA und zettelt eine so umfassende Verschwörung an? Man erfährt zwar gegen Ende des Buches mehr über Jammus Leben, aber das wirkliche Motiv für ihr Handeln wird nie erklärt.
Was das Lesen schwierig macht, ist die Fülle an auftretenden Personen, von denen ich bis zum Schluss bei einigen nicht wusste, wer sie eigentlich sind und inwiefern sie für die Handlung wichtig sind. Franzen beschreibt alles sehr detailgetreu, es gibt viele Gespräche, die sich um die kommunal- und baupolitischen Schwierigkeiten der Stadt drehen, und insgesamt hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sich Franzen einfach zu viel für dieses Buch vorgenommen hat. Die Verschwörung, das Schicksal der Probsts, die ganzen politischen Aspekte… das alles zusammen ergibt ein verwirrendes und zum Teil auch unlogisches und unverständliches Bild einer Stadt und ihrer Bewohner.
Einige Szenen zeigen aber durchaus das Talent von Franzen, wie es in “Die Korrekturen” dann vollständig zum Vorschein kommt. Alles in allem ist “Die 27. Stadt” ein schwacher Erstling mit logischen Schwächen, der sich zwar spannend liest, insgesamt aber doch nicht überzeugen kann.
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